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Motivation Was meine Karriere bestimmte

Wer auf ein erfülltes Berufsleben zurückblickt, bemerkt schnell, dass meist ein paar einfache Dinge für den eigenen Erfolg verantwortlich waren: Fleiß, Glück und Vorbilder - negative wie positive.
aus Harvard Business manager 9/2010

Ich habe mich oft gefragt, wie ein Kind einer Arbeiterfamilie es geschafft hat, mit so vielen berühmten Menschen in einer intellektuell anregenden Umgebung zusammenzuarbeiten. Wenn ich zurückblicke, muss ich feststellen: Die Faktoren, die meine Karriere befördert haben, waren nicht sehr spektakulär.

Ich hatte ein fast krankhaftes Bedürfnis, etwas aus mir zu machen; ich verfügte über die seltsame Gabe, meinen eigenen Wert anzuzweifeln; ich war gewohnt, hart zu arbeiten und besaß die sprichwörtlichen 10 000 Stunden Übung. Dazu kam mein ganz persönliches Quäntchen Glück, auf das ich nicht hätte verzichten können.

Meine grundlegendste Motivation war, nicht das Schicksal meines Vaters zu teilen. Der hatte die meiste Zeit seines Lebens gefangen in langweiligen Jobs verbracht, wie ein Hamster im Rad.

Ich war sieben Jahre alt, als er seine letzte Festanstellung als ein Versandmitarbeiter verlor. Danach versuchte er verzweifelt, seine Familie über Wasser zu halten. Er arbeitete als Handlanger, der illegalen Alkohol an die Unterschicht in New Jersey vertickte. Er eröffnete Milchbars und setzte sie in den Sand, und er schuftete für seinen Neffen in einer staubigen Hinterhofwerkstatt.

Was auch immer uns antreibt, jeder von uns schlägt sich mit dem herum, was das Leben ihm bietet. Wir versuchen, vom Glück zu profitieren, wenn sich die Chance bietet. Meine erste vernünftige Stelle war die eines Offiziers in der US-Armee im Jahr 1944. Ich war überrascht, was ein seltsamer Teenager wie ich vom Leben bekam: die Gelegenheit, im zarten Alter von 19 Jahren als Unterleutnant in der Ardennenschlacht zu dienen.

Ein gutes politisches Programm verhalf mir zum nächsten Schritt: Der Militärdienst öffnete mir und Millionen anderer Kriegsteilnehmer aus der Arbeiterschicht die Tür zu einer Collegeausbildung. Ich durfte das Antioch College in Ohio besuchen und tauchte in ein revolutionäres intellektuelles Umfeld ein.

Dann hatte ich wieder großes Glück, meinem wichtigsten Mentor Doug McGregor über den Weg zu laufen. Er leitete das College und avancierte zum Gründervater der Disziplin Organisationsentwicklung. Doug überzeugte mich davon, dass der Werdegang meines Vaters nicht der meine werden musste. Er sagte, ich könne beides haben: ein glücklicher Mensch sein und mich dem Geist verschreiben, mein Traumjob! Eine von Dougs bemerkenswertesten Eigenschaften war seine Überzeugungskraft. Er überredete das Massachusetts Institute of Technlogy, mich dort Volkswirtschaftslehre studieren zu lassen. Keine leichte Aufgabe, wenn Sie bedenken, wie schlecht es um meine Mathematikkenntnisse bestellt war. Meine Angst, es nicht zu schaffen, trieb mich dazu, fieberhaft zu arbeiten, an einem Ort, an dem ein Nobelpreisträger der Ökonomie mich als das akademische Schlusslicht der Klasse ansah.

Ich bekam einen Lehrauftrag und die Chance, den intellektuellen Garten Eden des Nachkriegs-Cambridge zu genießen. Wir forschten darüber, welche Art von Organisation den politischen und menschlichen Horror des Zweiten Weltkriegs bannen konnte. Auch den Garten Eden zu verlassen erwies sich als inspirierend: Meine Stationen in Lausanne (Schweiz) und Kalkutta (Indien) vermittelten mir eine unvergessliche Einführung in die kommende globale Wirtschaft.

Ich verspürte das Bedürfnis, meine Theorien über Führung in die Praxis umzusetzen. Während der turbulenten 60er und 70er Jahre leitete ich die State University of New York in Buffalo, anschließend die University of Cincinnati. Ich hatte das Glück, einiges erreichen zu können und etwas zu lernen. Ich stellte fest, dass ich besser dazu geeignet war, hervorragende Führungskräfte zu beraten, als selbst eine zu sein. Ich kehrte heim, geografisch und emotional. Die produktivsten Jahre meines Lebens verbrachte ich damit, zu schreiben und an der University of Southern California in Los Angeles zu lehren.

Glück erzeugt Glück. Schon im Matthäus-Evangelium heißt es, dass die Reichen immer reicher werden. (Matthäus 13,12: "Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe".) Wer früh Erfolg hat, wird mit schier unbegrenzten Chancen belohnt: Als ich mir darüber klar war, wofür ich brannte - Führung, Change-Management und Formen der Zusammenarbeit -, kamen die Menschen, um meine Gedanken zu diesen Themen zu hören. Zuerst bemerken Sie es gar nicht, weil Sie zu beschäftigt sind. Aber wenn es begonnen hat, passiert etwas Wunderbares. Um den viktorianischen Dichter Alfred Tennyson zu zitieren: Irgendwann entdecken Sie, dass Sie einen Namen haben. (Der Autor bezieht sich auf die Zeile "I am become a name" aus dem Gedicht "Ulysses" - Anm. d. Red.)

Alles, was ich getan hatte, war: hart arbeiten, glücklich werden, am Leben bleiben - und versuchen, das Schicksal des eigenen Vaters nicht zu wiederholen.

WARREN BENNIS

(warren.bennis@gmail.com) ist Professor für Management an der University of Southern California und renommierter Führungsexperte. Er hat gerade seine Memoiren veröffentlicht ("Still surprised. A Memoir of a Life in Leadership", Jossey Bass 2010).

© 2010 Harvard Business School Publishing

Produktnummer 201009018, siehe Seite 104

Warren Bennis
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