Zur Ausgabe
Artikel 1 / 17
Nächster Artikel

Was ist eine Stunde wert?

aus Harvard Business manager 1/2022
Antonia Götsch, Chefredakteurin

Antonia Götsch, Chefredakteurin

Foto:

ALEXANDER HAGMANN

"Bist du irre?", fragte eine Freundin, als ich ihr erzählte, dass ich mich als Mentorin für eine junge Frau gemeldet habe, die als Erste in ihrer Familie studiert. Auch ich hatte kurz überlegt, wie ich dieses Engagement in meine vollen Wochen quetschen sollte, neben meinem Job als Chefredakteurin, meiner Rolle als Mutter und der Weiterbildung, an der ich jede Woche zwei Stunden teilnehme.

Ich gebe zu: Manchmal führt das zu hektischem Chaos, etwa als ich neulich im Stau aus dem Bus sprang und auf einem Elektroroller durch den Regen raste, um halbwegs pünktlich in meinem virtuellen Klassenzimmer zu erscheinen. Trotzdem hatte ich auch in diesem Moment das Gefühl: alles richtig entschieden.

Warum das so ist, wurde mir klar, als ich den sehr persönlichen Artikel von Managementprofessorin Abbie Shipp  las. Sie habe bei ihrer Zeitplanung früher nur an den wirtschaftlichen Wert von Zeit gedacht, jede Minute wie ein Konsumgut betrachtet, schreibt sie. Das habe sie auf lange Sicht völlig ausgelaugt und regelrecht krank gemacht. Zeit hat jedoch auch einen subjektiven Wert. Wenn ich Rechnungen abhake oder in öden Meetings sitze, dehnen sich die Minuten wie Gummi. Spreche ich hingegen mit meiner Mentee darüber, wie sie Praktikum und Studium unter einen Hut bekommt, verfliegt die Zeit. Obwohl ich von meinem Zeitbudget abgebe, fühle ich mich hinterher reicher und habe an Energie gewonnen. Weil es mir Sinn schenkt, meine Erfahrungen zu teilen und einem anderen Menschen helfen zu können.

Wenn Sie den Artikel lesen, überlegen Sie doch mal: Wie viel Zeit investieren Sie für Dinge, die Ihnen wirklich wichtig sind?

Jede Jeck is anders
Foto: Niko Jedicke

In seiner Studienzeit traf sich Ingmar Höhmann regelmäßig mit einem Freund zum Mittagessen an der Kölner Mensa. Er kam immer fünf Minuten zu früh, der Freund fünf Minuten zu spät. Höhmann versuchte es mit einem Trick: Er legte die Treffen zehn Minuten vor und nahm sich vor, selbst erst zur üblichen Zeit einzutreffen. Das ging gründlich daneben. Der Freund durchschaute den Trick, kam nun eine Viertelstunde zu spät, Höhmann eine Viertelstunde zu früh. "Jede Jeck is anders", sagt sich Höhmann seitdem, wenn er mal wieder auf andere warten muss, die keine Pufferzeiten einplanen. Als der HBm-Redakteur unseren Schwerpunkt zusammenstellte, faszinierte ihn die Forschung zu subjektivem Zeitempfinden – und die Erkenntnis, dass zu große Effizienz auch große Nachteile haben kann.

Ausgabe Januar 2022

Zeitmanagement

Zwischen Effizienz und Wahnsinn

Zur Ausgabe Jetzt abonnieren

Dieser Artikel erschien in der Januar-Ausgabe 2022 des Harvard Business managers.

Verwandte Artikel
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 17
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.