Zur Ausgabe
Artikel 15 / 18
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Gespräch Von großen und kleinen Fischen

Evolutionsbiologe Manfred Milinski erklärt, wie die Angst um die eigene Reputation Teamarbeit fördert, warum der Anblick von Augen die Ehrlichkeit von Menschen beeinflusst und was Manager von Putzerfischen lernen können.
aus Harvard Business manager 12/2007

Die Evolutionstheorie hat nicht nur die Biologie radikal verändert, auch viele Managementvordenker haben sich von den Erkenntnissen Charles Darwins inspirieren lassen. So hat etwa der bekannte Bestsellerautor Gary Hamel auf Evolutionsprinzipien zurückgegriffen, um sein Konzept der strategischen Anpassungsfähigkeit zu entwickeln, mit dem Manager auf rasante Umfeldveränderungen reagieren können. Auch in der Organisationstheorie arbeiten viele Forscher mit Evolutionsbegriffen wie Variation und Selektion, um die Entstehung neuer, besser den Marktgegebenheiten angepasster Organisationsformen zu erklären. Wir haben uns daher mit Manfred Milinski, einem der führenden deutschen Evolutionsbiologen, getroffen, um mit ihm die neuesten Erkenntnisse seines Fachs und deren Konsequenzen für das Management zu diskutieren.

Viele Unternehmen müssen sich gegen aggressive Wettbewerber behaupten. Hat die Evolution Strategien entwickelt, die Managern helfen können, in solchen erbarmungslosen Konkurrenzkämpfen zu überleben?

Milinski Eine Antwort lautet: Sex. Die gefährlichsten Gegner der Menschen und der meisten anderen höheren Lebewesen sind nicht Fressfeinde wie Löwen oder Wölfe, sondern Parasiten und Krankheitserreger. Diese verwandeln sich so schnell, dass unser Immunsystem kaum mithalten kann. Um ganz neue Kombinationen von Abwehrzellen zu bilden, die neue bösartige Bakterien oder Viren bekämpfen können, ist die sexuelle Fortpflanzung unverzichtbar. Denn die Immungene der Mutter und des Vaters mischen sich in einem Kind zu einer neuen Kombination. Auf diese Weise kann es neue Immunzellkombinationen bilden, die es zuvor nicht gab, und sich so - hoffentlich - gegen bösartige Erreger wehren.

Würde die moderne Medizin alle Infektionskrankheiten besiegen, könnten wir auf die sexuelle Fortpflanzung verzichten. Die hat schließlich einen hohen Preis: Ein Vater oder eine Mutter geben jeweils nur 50 Prozent der eigenen Erbanlagen weiter. Bei der ungeschlechtlichen Vermehrung würde die Mutter 100 Prozent ihrer Gene vererben. Denn das ist das Ziel der Evolution: Möglichst viele der eigenen Gene an die nächste Generation weiterzugeben.

Wir können uns aber nur schwer vorstellen, wie Sex bei Unternehmen funktionieren könnte ...

Milinski ... ich auch.

Wäre eine mögliche Übertragung auf die Wirtschaft, eigene Ideen regelmäßig mit denen anderer Unternehmen zu mischen, um neue, wettbewerbsfähige Produkte zu entwickeln?

Milinski Dieser Analogieschluss klingt plausibel. Aber ob er sinnvoll ist, lässt sich nur schwer experimentell überprüfen. Daher bin ich als Naturwissenschaftler vorsichtig mit solchen Ratschlägen. Aber wir versuchen durchaus, Erkenntnisse der Biologie für die Wirtschaft nutzbar zu machen. Dazu gibt es mittlerweile ein eigenes Forschungsgebiet, die Evolutionsökonomie. Wir nutzen etwa evolutionäre Mechanismen wie die Selektion in spieltheoretischen Versuchen, um ökonomische Fragen zu klären.

Das klingt sehr theoretisch. Was können wir uns darunter vorstellen?

Milinski Wenn die Ökonomen irgendein Problem entdecken, zum Beispiel die Frage, unter welchen Rahmenbedingungen Menschen bereit sind zu kooperieren, können wir auf Basis der Evolutionstheorie voraussagen, welches Verhalten sich wahrscheinlich durchsetzen wird. Dazu nutzen wir entweder Computersimulationen, oder wir lassen Versuchspersonen nach festen Regeln miteinander spielen. Noch besser ist es, wenn wir es schaffen, das Problem in ein mathematisches Modell zu gießen. Dann wissen Sie nicht nur, was am Ende als Ergebnis herauskommt, sondern verstehen auch, wie es zustande gekommen ist.

Haben diese Laborversuche wirklich mit unserem Alltagsleben zu tun?

Milinski Auf jeden Fall. Es geht um so praktische Fragen wie: Unter welchen Bedingungen sind wir bereit, das Klima zu schützen? Wie lässt sich Teamarbeit in Gruppen fördern, in denen es sehr starke individuelle Interessen gibt.

Stellen Sie sich eine Situation vor, in der vier Spieler zusammensitzen. Jeder der Teilnehmer kann anonym einen Euro in einen Gemeinschaftstopf einzahlen - muss es aber nicht. Nach der ersten Runde sammelt der Versuchsleiter das Geld ein, verdoppelt den Betrag und zahlt die Summe gleichmäßig an alle Spieler aus. Haben alle etwas gegeben, erhält jeder zwei Euro zurück und hat seinen Einsatz verdoppelt. Am Anfang zahlen die Spieler meist brav ein. Nach einigen weiteren Runden erkennt der Erste: Geben die anderen jeweils einen Euro und ich nichts, bekomme ich trotzdem Geld. Denn jeder erhält in diesem Fall 1,50 Euro. Der Egoist macht also satten Profit, die anderen erzielen dagegen nur 0,50 Euro Gewinn (1,50 minus 1,00 Euro, den sie investiert haben). Die Folge: Nach kurzer Zeit zahlt niemand mehr in diesem sogenannten Public Goods Game etwas ein.

Die Spieler verhalten sich also ökonomisch rational und kooperieren nicht. Warum sollten Sie es auch tun?

Milinski Ja, das stimmt. Aber wir wollen gerade herausfinden, wann die Spieler bereit sind, sich altruistisch zu verhalten und etwas für die Gemeinschaft zu tun. Dazu haben wir das Public Goods Game variiert: Wir haben den Spielern gesagt, dass sie ihr gespendetes Geld nicht zurückerhalten, sondern dass wir es für eine Anzeige einsetzen werden, die über den Klimawandel

informiert. Sie sollten das Geld in einer Runde anonym spenden und dann in einer weiteren offen, sodass ihre Mitspieler wussten, wer was gegeben hat.

Nach jeder einzelnen Runde fand ein anderes Spiel statt, bei dem wir jeden Teilnehmer fragten, ob er einem bestimmten, zufällig ausgewählten Mitspieler Geld geben wolle. Wir verdoppelten dann diesen Betrag. Bevor sich der potenzielle Geber entscheiden sollte, haben wir ihn darüber informiert, ob der potenzielle Empfänger in derselben Situation anderen Mitspielern Geld gegeben hat und wie viel er jeweils für die Anzeige gespendet hat.

Welchen Zweck hatte das?

Milinski Wir haben so den Faktor Reputation ins Spiel gebracht. Der hat das Verhalten der Teilnehmer sofort verändert. Denn die Spieler spendeten am meisten, wenn sie dies öffentlich tun konnten. Ging es darum, einem Mitspieler etwas zu geben, erhielten diejenigen am meisten Geld, die zuvor für die Anzeige gespendet hatten. Das machte den Faktor Reputation noch wichtiger. Anonym, ohne die Reputation verbessern zu können, zahlten die Teilnehmer nur sehr wenig ein. Sie taten also vor allem dann Gutes, wenn andere es sehen konnten. Übrigens spendeten die Spieler noch mehr für die Anzeige, wenn wir sie zuvor über die drohenden Gefahren des Klimawandels informiert hatten.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus?

Milinski Politiker und Unternehmer sollten altruistisches Verhalten der Bürger oder ihrer Mitarbeiter besonders hervorheben. Baut sich zum Beispiel ein Eigenheimbesitzer eine besonders klimafreundliche Heizungsanlage ein, könnte dies durch eine große amtliche Plakette neben der Haustür für alle Nachbarn gut sichtbar gemacht werden.

Allerdings sind wir nicht so blauäugig zu behaupten, dass Reputation als Faktor allein ausreicht, um uns alle zu Gutmenschen zu machen. Es geht wohl nicht ohne Bestrafung derjenigen, die sich auf Kosten anderer bereichern. Jedenfalls wollen die Teilnehmer in unseren Experimenten nicht auf diese Möglichkeit verzichten, selbst wenn sie für das Bestrafen relativ viel Geld investieren müssen und es sich daher streng ökonomisch nicht mehr lohnt. Wir haben das mit einem weiteren Public Goods Game zeigen können, bei dem die Spieler zwischen der Möglichkeit wählen konnten, durch Reputationsbildung und Bestrafung kooperatives Verhalten zu fördern oder allein durch Reputation.

Was kam dabei heraus?

Milinski Anfangs entschieden sich fast drei Viertel der Teilnehmer für die Variante ohne Bestrafung. Im Verlauf des Spiels wechselten dann immer mehr zu der Variante mit Bestrafung. Sie nutzten dieses Disziplinierungsmittel aber nur selten. Das klingt paradox, aber sie wollten auf diese Möglichkeit bei Härtefällen nicht verzichten. Auf den eigenen Ruf zu achten und bei Bedarf andere zu bestrafen scheint also fester Bestandteil menschlichen Sozialverhaltens zu sein.

Was hat das alles noch mit Evolution zu tun?

Milinski Wir gehen davon aus, dass dieses Verhalten nicht anerzogen ist, sondern vererbt wird. Irgendwann im Laufe der Evolution hat es sich als Vorteil herausgestellt, auf seine Reputation zu achten und sich kooperativer zu verhalten, wenn andere einen beobachten. Die Menschen nutzen diesen Effekt schon sehr lange, um Altruismus zu fördern. So sind etwa Totempfähle von Indianern an der Westküste Nordamerikas immer mit Augenpaaren bemalt.

Welchen Sinn hat das?

Milinski Kollegen von uns haben Versuchspersonen gebeten, am Computer ein Public Goods Game zu spielen. Dabei haben sie auf dem Bildschirm im Hintergrund ab und an ein vages, kaum erkennbares Augenpaar auftauchen lassen. Sobald die Augen im Hintergrund erschienen, verhielten sich die Teilnehmer kooperativer. Wahrscheinlich haben die Indianer mit ihren Totems intuitiv denselben Effekt erzielen wollen.

Dass dies auch im Alltag funktioniert, haben Wissenschaftler in England gezeigt. Sie haben in der Cafeteria einer Firma eine Box aufgestellt, in die jeder das Geld für seinen Kaffee werfen sollte. Über der Box befand sich ein Bild. Im ersten Versuch waren auf dem Bild Blumen, beim zweiten ein Gesicht, das auf die Kasse blickt, und im dritten schaute das Gesicht die Mitarbeiter direkt an. Obwohl jedem klar war, dass es sich bei den Bildern nur um Farbe auf Papier handelte, haben die Leute dreimal so viel in die Kasse einbezahlt, wenn das Augenpaar direkt auf sie gerichtet war, als wenn Blumen auf dem Bild waren.

Wir wissen aus der Neurophysiologie, dass es in unserem Gehirn spezielle Bereiche gibt, die erkennen, wenn uns Augen fixieren, und sofort Alarm schlagen. Das können Sie sich in Unternehmen zunutze machen. Sie sollten, um Teamarbeit zu fördern, an die Wände der Büros Porträtbilder hängen statt Stillleben oder abstrakter Gemälde. Auch Gemeinschaftsbüros regen durch diesen Kontrolleffekt zu mehr Kooperation an.

Gibt es dieses Phänomen nur beim Menschen oder auch bei Tieren?

Milinski Ein schönes Beispiel aus dem Tierreich sind die Putzerfische. Sie leben auf Korallenriffen und haben dort ihre "Kosmetiksalons", die sogenannten Putzerstationen. Große Fische besuchen diese Stellen, spreizen ihre Kiemendeckel ab und machen das Maul auf. Der kleine Putzerfisch sammelt dann die Parasiten vom Körper seiner "Kunden" ab.

Beide profitieren dabei, es handelt sich also um eine Symbiose. Der eine ernährt sich, der andere wird von Parasiten befreit. Eigentlich sind diese Parasiten aber für den Putzerfisch nicht die ideale Nahrung. Viel nahrhafter sind Flossenstücke seiner Kunden. Bei deren Verzehr möchte er aber offenbar nicht beobachtet werden. Deshalb prüft der Putzerfisch immer ganz genau, ob andere Fische zusehen. Warten weitere Kunden, hält er sich an die Parasiten; wenn nicht, dann beißt er dem großen Fisch irgendwann heimlich kleine Hautstücke ab.

Eigentlich haben wir gedacht, bei der Evolution gehe es gar nicht um Kooperation, sondern nur um den knallharten Überlebenskampf.

Milinski Das stimmt auch. Ich bin überzeugt, dass sich jeder Altruismus irgendwie auszahlt, also eigentlich motiviert ist. In der Natur basiert jede Art der Kooperation innerhalb einer Population auf dem Egoismus, die eigenen Gene vererben zu wollen.

Ein gutes Beispiel ist der Bienenstaat. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob die Arbeiterinnen selbstlos ihre eigene Fortpflanzung aufgegeben haben, um der Königin zu helfen. Bei näherem Hinsehen stellt sich aber heraus, dass sie so mehr für die Verbreitung ihrer eigenen Erbanlagen tun, als wenn sie selbst Nachkommen hätten. Bei den Bienen entstehen die Männchen, die Drohnen, aus unbefruchteten Eiern. Sie haben also nur einen Chromosomensatz. Die Weibchen, die Arbeiterinnen und Königinnen, entstehen aus befruchteten Eiern und haben so einen doppelten Chromosomensatz. Legt eine Königin befruchtete Eizellen, sind die geschlüpften Arbeiterinnen zu 75 Prozent miteinander verwandt und damit enger als mit eigenen Nachkommen.

Die Begründung: Einer ihrer beiden Chromosomensätze stammt mit 100prozentiger Wahrscheinlichkeit vom Vater, ist also bei ihnen allen gleich. Der zweite Chromosomensatz ist bei zwei Arbeiterinnen mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit identisch, weil die Königin einen ihrer beiden Chromosomensätze beigesteuert hat. Der Mittelwert beträgt 75 Prozent. Würden die Arbeiterinnen selbst Eier legen, wären sie mit diesen Nachkommen nur zu 50 Prozent verwandt. Es ist also für die Verbreitung ihrer eigenen Gene besser, wenn die Königin

möglichst viele Eier legt und sie sich um ihre Schwestern kümmern.

Hat die Evolution eine Richtung oder entwickelt sie sich völlig zufällig?

Milinski Grundsätzlich regiert in der Natur immer der Zufall. Wenn sich Umfeldbedingungen verändern, können Sie davon ausgehen, dass sich Tiere und Pflanzen anpassen werden, Sie wissen aber nicht genau wie.

Nehmen Sie etwa das Beispiel des Birkenspanners während der Industrialisierung in England. In seiner ursprünglichen Form ist dieser Schmetterling fast weiß. Auf hellen Birkenstämmen ist das eine optimale Tarnung vor seinen Feinden, den Vögeln. Im Zuge der Industrialisierung war die Luft aber stark mit Kohlenstaub belastet. Die Birkenstämme färbten sich braun. Die weißen Schmetterlinge waren nicht mehr getarnt und wurden von Vögeln gefressen. Zufällig war das Erbgut einiger Schmetterlinge mutiert, es entstand die sogenannte Carbonaria-Variante, die braun bis schwarz eingefärbt war. Diese Birkenspanner waren plötzlich besser angepasst und vermehrten sich stärker als die weiße Variante. Daran zeigt sich: Die Mutation passiert zufällig, die Selektion gibt die Richtung für die weitere Entwicklung vor.

Evolution klingt immer nach Anpassung über lange Zeiträume. Ist dieser Mechanismus denn effizient genug, um als Manager etwas davon lernen zu können?

Milinski Es ist eine Irrmeinung zu glauben, Evolution vollziehe sich immer über mehrere Millionen Jahre. Es kann schon sein, dass über Jahrhunderte gar nichts passiert, einfach weil es sinnvoller ist, das Optimum aufrechtzuerhalten. Ist der Selek-tionsdruck allerdings sehr hoch und wirkt er in eine neue Richtung, kann der Wandel auch sehr schnell gehen. Bei den Birkenspannern vollzog sich die einschneidende Veränderung innerhalb von fünf bis sechs Jahren. Dank der Fortschritte beim Umweltschutz sind mittlerweile schon wieder die helleren Varianten häufiger.

Es gibt weitere interessante Beispiele: So haben sich durch den Klimawandel die Routen einiger Zugvögel verändert. Früher wanderte etwa die Mönchsgrasmücke aus Süddeutschland über Nordspanien nach Afrika. Vor einigen Jahren stellten Ornithologen fest, dass diese Vögel komplett die Zugrichtung verändert haben und jetzt in Südengland überwintern. Da Zugentfernung und -richtung in den Genen verankert sind, muss dies einen Selektionsvorteil bedeuten.

Bei den Mönchsgrasmücken treten immer wieder Mutationen auf, die die Flugrichtung verändern. Irgendwann flogen einige Tiere nach Westen statt nach Süden und landeten in Südengland. Dort ist es mittlerweile so warm, dass sie im Winter genug Nahrung finden. Da sie nicht mehr so weit fliegen, sind sie im Frühjahr eher zurück und können die besten Reviere besetzen. Die Vögel, die in Afrika überwintern, haben das Nachsehen. Für den Wechsel der Zugrichtung haben die Tiere nicht länger als 30 Jahre gebraucht.

Können wir als Menschen die Selektion gezielt beeinflussen?

Milinski Klar, das tun wir ständig bei der Zucht von Pflanzen und Tieren. Schauen Sie sich die Kohlpflanzen an. Aus einer eher unscheinbaren Wildpflanze hat der Mensch die unterschiedlichsten Sorten gezüchtet: Rosenkohl, Blumenkohl, Wirsing, Kohlrabi, Brokkoli, Grünkohl, Rotkohl - und noch viele Varianten mehr. Die Züchter haben bei jeder neuen Kohlgeneration die Pflanzen vermehrt, die die von ihnen gewünschten Merkmale trugen. Das ist Selektion pur.

Können wir so auch in unsere eigene Evolution eingreifen?

Milinski Das machen wir bereits mit der modernen Reproduktionsmedizin. Die meisten genetischen Unterschiede zwischen den Menschen betreffen das Immunsystem. Anhand ausgeklügelter Mechanismen sorgt die Natur dafür, dass wir immer Partner finden, die sich bei diesen Merkmalen stark von uns unterscheiden. So entstehen völlig neue Kombinationen von Immungenen, die einen Vorteil gegenüber Krankheitserregern bedeuten können. Das läuft zum Beispiel über Körpergerüche. Können wir jemanden gut riechen, ergänzen sich seine immungenetische Ausstattung und die unsere vermutlich gut.

Bei einer künstlichen Befruchtung mit dem Erbgut eines Samenspenders spielen diese Mechanismen keine Rolle. Plötzlich gewinnen Kriterien wie Haut- oder Haarfarbe an Bedeutung. Der Preis für diese neuen medizinischen Möglichkeiten ist ein unter Umständen geschwächtes Immunsystem der so gezeugten Kinder. Ich rechne damit, dass es in zehn Jahren keine wirksamen Antibiotika mehr geben wird, da die meisten Bakterien gegen diese Wirkstoffe resistent sein werden. Kombiniert mit der wachsenden Zahl künstlicher Befruchtungen, sind das keine guten Aussichten. n

Zur Ausgabe
Artikel 15 / 18
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel