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Entwicklung Vom Nutzen des Untergangs

Der Blick auf Misserfolge hilft bei der Verbesserung von Produkten mehr als die Orientierung an Erfolgsmodellen.
Von Henry Petroski
aus Harvard Business manager 1/2005

Produkte mit der Aufschrift "neu" oder "besser" begegnen uns überall, sie werden vermarktet mit Slogans wie "hellt Zähne auf", "wäscht kuschelig weich" und "ist in Minuten gar". Auch bei komplexen technischen Systemen spielt der komparative Vorteil in der Werbung eine bedeutende Rolle: das höhere Gebäude mit einer größeren Anzahl erschwinglicher Büros, die längere Brücke mit einer leichteren Fahrbahnkonstruktion, ein noch flacherer Laptop mit längerer Akkulaufzeit. Doch wenn angeblich alles eine neue, verbesserte Version einer alten Technik ist, warum sind so viele Produkte dann nicht erfolgreich, warum gehen so viele Vorschläge unter, und warum stürzen so viele Systeme ab?

Wollen wir etwas neu gestalten - gleich, ob es sich dabei um eine Stecknadel, ein Beschaffungssystem oder eine Hotelanlage in Las Vegas handelt -, müssen wir zunächst Misserfolge verstehen. Erfolge geben uns die Sicherheit, etwas richtig zu machen, aber sie liefern uns nicht zwangsläufig die Information, was und warum. Misserfolge wiederum sind ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass wir etwas falsch gemacht haben. Das ist eine unschätzbar wertvolle Information.

Jede Weiterentwicklung steckt voller Risiken. Dies lässt sich gut am Beispiel der Büroklammer veranschaulichen. Hunderte verschiedener Modelle wurden im vergangenen Jahrhundert auf den Markt gebracht, und jedes Modell hatte den Anspruch, besser zu sein als der Prototyp der Firma Gem. Bis jetzt hat es jedoch kein anderes Modell geschafft, die Gem-Büroklammer abzulösen. Sie hat ihre Vormachtstellung behauptet, weil sie, obwohl keineswegs perfekt, ein ausgewogenes Verhältnis von Form und Funktion aufweist.

Jeder Herausforderer hat vielleicht in einer Hinsicht eine Verbesserung gegenüber der Gem-Büroklammer erzielt, dies dann allerdings auf Kosten anderer Eigenschaften. So fällt eine Büroklammer, die sich leichter befestigen lässt, wenn viele Blätter zusammengehalten werden sollen, wahrscheinlich auch schneller ab. Entwickler konzentrieren sich oft gänzlich auf die Vorteile ihrer Neuentwicklung und versäumen es, deren Nachteile abzuschätzen (oder sie ignorieren sie schlichtweg).

Stellen Sie sich vor, wie viel komplexer die Aufgabe ist, die Konstruktion eines Jumbojets zu überarbeiten. Die Aerodynamik schreibt mehr oder weniger die gesamte äußere Form vor. Das wiederum schränkt die Möglichkeiten bei der Gestaltung des Innenraums ein, der nicht nur anspruchsvollen Passagieren gerecht werden muss, sondern auch als Gepäck- und Frachtraum zweckmäßig sein soll.

Auch wenn die Frachtangestellten noch so gern Flugzeugrümpfe mit quadratischen Formen hätten, sie müssen sich mit Walbäuchen begnügen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Boeing alle Interessengruppen einschließlich bereitwilliger Vielflieger eingeladen hat, am Design seines Dreamliners mitzuwirken - damit diese sich die unvermeidbaren Kompromisse vor Augen führen können. Je nachdem, wie überzeugend diese Kompromisse umgesetzt werden, wird

das Verkehrsflugzeug, das aus dem Entwicklungsprozess hervorgeht, entweder erfolgreich sein oder nicht.

Logisch betrachtet, sollten Entwickler im Vorteil sein, wenn eine Verbesserung - ob die eines Produkts oder eines Geschäftsprozesses - auf erfolgreichen Modellen basiert: Sie können von den vorhandenen Modellen die besten Merkmale auswählen. Leider ist es oft schwierig herauszufinden, warum etwas funktioniert, und noch schwieriger ist es, die entscheidenden Elemente aus einem Gesamtsystem herauszulösen.

Dinge funktionieren wegen einer besonderen Anordnung, in einem bestimmten Rahmen und in einem gewissen Umfeld. Wer versucht, ein erfolgreiches System in seine Teile zu zerlegen und auszuschlachten, opfert die Erfolgssynergien.

So ließ sich der für seine Hängebrücken berühmte Konstrukteur John Roebling nicht von erfolgreichen Beispielen modernster Technik inspirieren, sondern von Misserfolgen der Vergangenheit. Mit Hilfe dieser Beispiele filterte er die Merkmale und Kräfte heraus, die beim Brückenbau die größten Schwierigkeiten bereiteten, und entwickelte seine eigene Brücke, mit dem Ziel, diese Eigenschaften zu vermeiden und diesen Kräften zu widerstehen.

Jener Methode, wie man aus Fehlern der Vergangenheit lernt, ist die Brooklyn Bridge mit ihren charakteristischen Schrägseilen zu verdanken. Roebling fügte diese zusätzlichen Seile ein, um die Stabilität der Konstruktion bei Wind zu gewährleisten, da er von Beispielen aus der Vergangenheit wusste, was es bedeutete, wenn diese Stabilität nicht gegeben war.

In den 30er Jahren orientierten sich dann einige Brückenkonstrukteure an erfolgreichen Beispielen, einschließlich dem von Roebling. Das Ergebnis war die Tacoma Narrows Bridge. Sie war die drittlängste Hängebrücke der Welt und die größte, die auf Grund von Windeinwirkung einstürzte. Während des Entwicklungsprozesses, in dem das Modell von Roebling "verbessert" werden sollte, wurde entschieden, eben jene Seile, die Roebling eingefügt hatte, um einen Einsturz zu verhindern, aus wirtschaftlichen und ästhetischen Gründen wegzulassen.

Wenn ein komplexes System erfolgreich ist, verdeckt dieser Erfolg, wie nah der Misserfolg war. Stellen Sie sich vor, die "Titanic" wäre auf ihrer Jungfernfahrt nicht mit einem Eisberg zusammengestoßen. Das Beispiel dieses "unsinkbaren" Schiffs hätte Schiffsbauer ermutigt, immer größere Ozeandampfer zu bauen.

So aber hat der Untergang der "Titanic" weit mehr zur Sicherheit von Ozeandampfern beigetragen, als es ihre erfolgreiche Fahrt getan hätte. Das ist das Paradoxe an der Technik - und an ihrer Weiterentwicklung. n

HENRY PETROSKI

ist Professor für Hoch- und Tiefbau sowie Professor für Geschichte an der Duke University in Durham, North Carolina.

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