Zur Ausgabe
Artikel 13 / 19

Soziale Entrepreneure Visionäre Wohltäterinnen

Viele junge Talente streben nicht unbedingt nach einer Karriere in einem Unternehmen - sie wollen vielmehr Gutes tun. Zwei Inderinnen haben vorgemacht, was es bedeutet, mit unternehmerischem Engagement wohltätig zu sein. Sie gründeten "The Banyan", eine der führenden Organisationen des sozialen Wandels in Indiens.
Von Sarah Bastgen, Svenja Falk und Cornelia Hegele-Raih
aus Harvard Business manager 1/2009

Thiruselvi aus Gudalur irrte mit ihrem nur wenige Monate alten Kind auf den Straßen von Chennai (früher: Madras, im indischen Bundesstaat Tamil Nadu) umher. Mit nur wenig mehr als Lumpen am Leib lebte die psychisch kranke Frau vom Betteln und Stehlen, bis die Polizei sie schließlich aufgriff. Nur wenige Monate später, am 20. Januar 2008, lief Thiruselvi beim größten Marathon Asiens in Mumbai mit, um für die Organisation, die ihr und über 2000 anderen obdachlosen und psychisch kranken Frauen ein neues Leben ermöglicht hat, Spenden zu sammeln.

Es ist schwierig, die Geschichte dieser bemerkenswerten Organisation (die von der Zeitschrift "India Today" kürzlich zu einem der 50 wichtigsten Pioniere des Wandels in Indien gewählt wurde) und ihrer außergewöhnlichen Gründerinnen, Vandana und Vaishnavi, zu erzählen, ohne bei den typischen Klischees über Armut oder Benachteiligung von Frauen in Indien zu enden. Doch vielleicht ist genau eine solche Geschichte geeignet, diese Vorurteile aufzubrechen und das andere Indien zu sehen - ein Land, das vor allem durch das Engagement, den Ehrgeiz und eine spezifische Beharrlichkeit der Menschen zu einer aufstrebenden und sich rasch modernisierenden Wirtschaftsnation geworden ist, die in einigen Aspekten sogar eher dem Westen als Vorbild dienen könnte als umgekehrt.

1993 lief Vandana Gopikuma, damals 23 Jahre alt und Studentin des Masterstudiengangs Social Work, vor ihrem College auf der Haddows Road im südindischen Chennai eine halb nackte, völlig verwahrloste Frau in die Arme. Sie war offensichtlich in größter Not, hatte kein Dach über dem Kopf. Niemand nahm Notiz von ihr.

Vandana wollte wie alle anderen achtlos vorüberhastenden Menschen eigentlich nur schnell nach Hause. Doch sie fühlte auf einmal diesen Funken der Verantwortung für ein verletzliches menschliches Wesen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Vaishnavi Jayakumar suchte Vandana für die Frau einen Ort, an dem man sich um sie kümmern und ihr helfen würde. Es gab diesen Ort in Chennai nicht.

Vandana und Vaishnavi beschlossen im gleichen Moment, sich der obdachlosen Frau anzunehmen. In einem Land, in dem vermutlich Zehntausende Menschen auf den Straßen der Großstädte leben und diese Tatsache gewöhnlich eher mit Gleichmut hingenommen wird, könnte eine solche Entscheidung auf den ersten Blick irrational wirken - so wie jeder Akt der Barmherzigkeit in gewisser Weise im positiven Sinne naiv ist und häufig mehr von Leidenschaft getrieben wird als von Vernunft. Dies gilt auch für Vandana und Vaishnavi, deren Charisma, Energie und Begeisterung man sich kaum entziehen kann. Und doch steckte letztlich nicht allein Mitleid, sondern von Anfang an ein klares Ziel hinter ihren Bemühungen. Sie erkannten, dass die Frau nicht einfach "nur" arm und obdachlos war, sondern psychisch krank. Und sie begriffen, dass sie eine spezielle Betreuung brauchte. Erstaunlich ist dies aus unserer Sicht, weil der Zusammenhang zwischen Obdachlosigkeit und psychischer Krankheit bis heute auch im Westen oftmals geradezu systematisch übersehen wird.

So sind zum Beispiel von den rund 200 000 Menschen, die in den USA jede Nacht unter einer Brücke schlafen, laut einer Studie des dortigen Instituts für Obdachlosenforschung 25 Prozent Kriegsveteranen (ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt nur 11 Prozent), die mit großen psychischen Problemen zu kämpfen haben. Auch viele der obdachlosen Frauen im Westen sind psychisch krank, auf ihre daraus resultierenden speziellen Bedürfnisse in der Betreuung wird jedoch nur selten gezielt eingegangen.

Insofern ist es zwar nicht weniger empörend, aber keineswegs "typisch indisch", dass Vandana und Vaishnavi auch nach unzähligen Anrufen bei der Polizei, bei Beratungsstellen, Krankenhäusern und anderen sozialen Organisationen niemanden finden konnten, der willens war, die Frau aufzunehmen. Bei jeder der kontaktierten Organisationen war man gern bereit zuzugeben, dass sowohl medizinische als auch psychische Hilfe dringend nötig wäre, leider könne man aber, so wurden die beiden Frauen ein ums andere Mal beschieden, für die Kranke nichts tun. Einige Monate vergingen, aber Vandana und Vaishnavi fanden keine Hilfe. Sie waren frustriert. Wie konnte es angehen, dass niemand für diesen vom Schicksal so gebeutelten Menschen zuständig war? Und plötzlich sahen sie an jeder Straßenecke weitere Frauen, die in der gleichen hoffnungslosen Lage waren.

Vandana und Vaishnavi zögerten nicht länger: Sie gründeten eine Organisation mit dem Ziel, diesen Frauen nicht nur eine Zuflucht und ein Leben in Würde zu ermöglichen, sondern vor allem eine neue Lebensperspektive zu geben. Sie nannten die Organisation "The Banyan". Der Banyan-Baum ist ein beeindruckendes, fast mythisches Gewächs und in Indien heilig. Anders als etwa der amerikanische Sequoia, der heldenhaft in die Höhe wächst, dehnt sich der indische Banyan-Baum langsam, aber unaufhaltsam über Luftwurzeln in die Breite aus.

Ganz so sollte sich nach der Vorstellung von Vandana und Vaishnavi die Vision der Gründerinnen verbreiten, langsam, aber kontinuierlich und mittels vieler Köpfe und Hände, die die Idee weitertragen sollten. Mit unermüdlichem Einsatz erreichten sie, dass die Stadt ihnen ein Grundstück schenkte, und bauten das Adaikalam (tamilisch für: Haus). Das Adaikalam ist auch heute noch die "Auffangstation" der Organisation, in der die Frauen, die neu zum Banyan gebracht werden, zuerst einmal versorgt, behandelt und wieder aufgepäppelt werden. Vandana hatte gerade ihren Master in Medical and Psychiatric Social Work gemacht, und Vaishnavi gab schließlich ihr Studium der englischen Literatur auf, um sich ganz der Organisation zu widmen.

Eine soziale Institution zu gründen, um große Not zu lindern, ist in jedem Fall eine beeindruckende und höchst respektable Leistung. Besonders ungewöhnlich an der Organisation von Vandana und Vaishnavi ist aber, dass die beiden von Anfang an sehr langfristig und in ähnlich großen Dimensionen dachten wie ein visionärer Unternehmer und auch entsprechend agierten. Sie setzten sich kein geringeres Ziel, als die Menschen in ganz Indien auf das Thema "mental illness" und die damit zusammenhängenden Probleme aufmerksam zu machen und ein Netzwerk von Menschen zu schaffen, dem es gelingen würde, psychische beziehungsweise geistige Krankheiten zu erforschen, dauerhaft zu bekämpfen und das Umfeld darüber aufzuklären. Kein psychisch kranker Mensch sollte mehr hilflos auf der Straße leben müssen, sondern die Chance erhalten, ein normales, selbstständiges Leben in Würde zu führen.

Viele der Frauen beim Banyan wissen nicht, wer sie sind und woher sie kommen. Psychisch kranke Menschen neigen häufig dazu, von zu Hause wegzulaufen oder sich zu verirren, und landen dann auf den Straßen irgendeiner Großstadt, weitab ihrer Heimat. Nur ihre wunden Füße bezeugen, dass sie sehr weit gelaufen sind. Ansonsten haben sie nichts mehr, das sie daran erinnert, woraus ihr Leben einmal bestand. Hatten sie einen Mann? Kinder? Großeltern? Etwas über das frühere Leben der Frauen herauszufinden ist eine Aufgabe, die beinahe kriminalistisches Gespür erfordert: Nur an Anzeichen wie etwa dem Dialekt (es gibt ungefähr 300 verschiedene Dialekte in Indien), an der Kleidung oder anhand bruchstückhafter Erinnerungen können die Helfer vom Banyan manchmal erahnen, woher die Frauen stammen. Eine mühsame Suche quer durch Indien beginnt. An deren Ende steht oftmals ein freudiges Wiedersehen. Deshalb sind diese sogenannten Rehab-Reisen auf der Suche nach den Angehörigen der Frauen für die Social Workers vom Banyan eine ungeheuer anrührende und motivierende Erfahrung - trotz aller Mühsal. Nicht immer verlaufen diese Wiederbegegnungen freilich gut. Mitunter sind sie auch eine große Enttäuschung für die Beteiligten. Oft ist das Umfeld mit der Betreuung überfordert.

Thiruselvi etwa, die am Ende den Mumbai-Marathon lief, stammte aus Gudalur in Tamil Nadu. Sie entwickelte ihre manische Depression etwa zu der Zeit, als ihr kleiner Sohn geboren wurde. Die Studentin der Psychologie fand keine Hilfe, und auch die Familie stand angesichts ihrer Krankheit zunehmend unter Druck. Die Angehörigen wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Thiruselvis Mann versuchte noch eine Weile, ihr zu helfen und sie dazu zu bringen, einen Psychiater aufzusuchen. Doch am Ende gab er auf und ließ sie und das Kind allein bei ihren Eltern. Diese wussten schließlich auch nicht mehr weiter. Thiruselvi verließ ihr Haus mit ihrem wenige Monate alten Baby und landete irgendwann auf den Straßen Chennais. Eines Tages wurde sie von der Polizei aufgegriffen und zum Banyan gebracht. Gefangen in ihrer Krankheit, war sie nicht mehr in der Lage gewesen, ihr Kind angemessen zu versorgen. Sie registrierte nicht mehr, dass ein mittlerweile zweijähriges Kind an ihr hing, das versorgt werden musste.

Das Kind wurde in ein Heim gebracht, wo es derzeit noch lebt. Thiruselvi erholte sich und ist auf gutem Weg, ihre Krankheit zu überwinden. Sie ist froh, ihr Kind einmal im Monat besuchen zu können und zu sehen, dass es ihm gut geht. Sie arbeitet in der Schneiderei des Banyan und kümmert sich um viele der anderen Frauen dort. Außerdem ist sie in einer Gruppe aktiv, die für die Öffentlichkeit Theaterstücke erarbeitet, die die Menschen auf die Probleme geistiger und psychischer Erkrankungen und Obdachlosigkeit aufmerksam machen sollen. Sie ist aktiv im Förderkreis für den Banyan und hat es sich zur Aufgabe gemacht, einem breiteren Publikum an ihrem eigenen Beispiel zu vermitteln, dass "mental illness" heilbar ist und dass es ein Leben nach der Krankheit gibt.

Etwas weniger spektakulär verlief der Heilungsprozess bei Valli, die nahe Vellore mit ihrem Ehemann und ihren beiden Töchtern lebte. Ihr Mann bekam einen Job in der aufstrebenden Millionenmetropole Bangalore. Anfangs besuchte er sie noch alle sechs Monate, aber irgendwann hörten diese Besuche auf. Die Tatsache, verlassen worden zu sein, stürzte Valli in eine psychische Erkrankung. Sie lebte hilflos auf den Straßen von Vellore, bevor sie zum Banyan gebracht wurde. Am 19. Mai 2007 kehrte sie zurück zu ihrer Familie, aber in diesem Fall gab es keine glückliche Wiedervereinigung. Das Banyan-Team war schockiert, als es erkannte, dass auch Vallis Mutter und ihre beiden Brüder psychisch krank waren und offenbar nicht verstanden, was vor sich ging. Heute ist Valli weiterhin in Behandlung beim Banyan und hofft, möglichst bald wieder ihre beiden Töchter bei sich zu haben, die in Bangalore bei ihrer Schwester wohnen.

Seit der Gründung vor 15 Jahren hat The Banyan mehr als 2000 Frauen aufgenommen und 1100 von ihnen wieder zu einem selbstständigen Leben verholfen. Derzeit leben circa 300 Frauen in der Obhut des Banyan - in verschiedenen Projekten. 230 Frauen wohnen im Adaikalam. 41 leben im "Working Women's Hostel" und gehen einer Tätigkeit als Friseurin, Schneiderin oder Kindergärtnerin nach. Insgesamt zehn Frauen leben in einer Gruppenwohnung, in der sie systematisch auf ein Leben in der Unabhängigkeit vorbereitet werden. Neun Frauen sind im sogenannten Growth Lab untergebracht, wo sie auf die Rückkehr zu ihren Familien vorbereitet werden. 2007 wurde das "Holistic Health Center" gegründet, eine Art betreutes Wohnen für Frauen, die weder zurück zu ihren Familien gehen noch eigenständig leben können.

Mit ihrem Charisma und unermüdlichen Tatendrang ist es Vaishnavi und Vandana gelungen, zahlreiche ehrenamtliche Helfer und Förderer zu gewinnen; Bollywood-Schauspieler, Künstler wie die Sitar-Legende Ravi Shankar und Politiker wie Abdul Kalam, der hochrespektierte ehemalige Präsident Indiens, sowie verschiedene Unternehmen unterstützen die Organisation. Nachiket Mor, Vorstand der größten indischen Bank ICICI, hat im vergangenen Jahr 12,2 Millionen Rupien (300 000 Dollar) gesammelt. Wohltätigkeit spielt in Indien bei der gesellschaftlichen Elite, besonders aber in den Unternehmen, generell eine sehr große Rolle. So fördert etwa der Riesenkonzern Tata außer The Banyan noch viele andere soziale Einrichtungen. Das Ausmaß der Unterstützung, das die beiden Gründerinnen für ihre Organisation gewinnen konnten, ist zwar auch für indische Maßstäbe beeindruckend. Gesichert ist die materielle Grundlage der Organisation damit allerdings noch nicht. Monat für Monat fehlen ihr rund 700 000 Rupien (2000 Dollar).

Es ist wichtig zu verstehen, dass soziale Organisationen wie The Banyan, von denen weltweit und gerade in Schwellenländern in den vergangenen Jahren Zehn-, wenn nicht Hunderttausende entstanden sind, in mancher Hinsicht ganz anders funktionieren als die typischen Wohltätigkeitsorganisationen; sie gleichen eher spezialisierten kleinen Wirtschaftsunternehmen. Diese "sozialen Entrepreneure" konzentrieren sich auf ein eng definiertes Ziel, das sie dann aber sehr umfassend und professionell angehen (wer mehr über den Boom solcher sozialen Entrepreneure lesen möchte, dem sei das höchst beeindruckende Buch von David Bornstein empfohlen, siehe Servicekasten unten). Solche unabhängigen Non-Profit-Organisationen oder Nichtregierungsorganisationen (NGOs) agieren häufig effizienter als die klassischen Wohltätigkeitsorganisationen.

Mutter Theresa zum Beispiel hatte angesichts der mangelnden medizinischen Ausbildung ihrer Mitarbeiter noch entgegnen können: "Nicht der Erfolg, sondern die Treue im Glauben ist wichtig", und ihre Organisation kümmerte sich um alle Arten von Armen und Kranken. Auch der Zweck von The Banyan besteht natürlich nicht zuletzt in der direkten sozialen Hilfe. Doch wahrscheinlich war es gerade die Konzentration auf das eingegrenzte Thema "geistige Gesundheit und Obdachlosigkeit", die es den Gründerinnen von The Banyan ermöglicht hat, innerhalb von 15 Jahren eine erstaunliche Veränderung in den Köpfen der Menschen und in der indischen Gesellschaft zu bewirken. Die Organisation hat mit anderen Fachinstitutionen sowie Nichtregierungsorganisationen, die ebenfalls im Bereich Obdachlosigkeit oder psychische Gesundheit tätig sind - wie Karuna Trust und Ashadeep -, ein Netzwerk geschaffen. In Chennai gibt es eine Notrufnummer (Dial 100), die Tag und Nacht erreichbar ist und rege genutzt wird, eine intensive Zusammenarbeit mit der Polizei, mit staatlichen Institutionen, Besuche in Schulen und vieles mehr. Nicht nur die Ausbildung und Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter liegt der Organisation sehr am Herzen, auch andere Organisationen schicken ihre Mitarbeiter zu Workshops beim Banyan.

Der Erfolg von The Banyan und anderen Organisationen war nachhaltig. Gingen die meisten Menschen früher achtlos an den Heimatlosen vorüber und wurden psychisch kranke Menschen häufig ausgestoßen, gibt es heute in Indien ein erkennbar größeres Bewusstsein für die Nöte Obdachloser und psychisch kranker Menschen. Obdachlosen wird heute in Chennai und teilweise auch im übrigen Indien von den Bürgern weitaus schneller geholfen, und sie werden teilweise sogar besser versorgt als Wohnungslose in manchen westlichen Metropolen.

Vandana und Vaishnavi wurden nicht einfach von einem Helfersyndrom geleitet. Sie hatten vielmehr eine umfassende unternehmerische Vision, die sie trotz des aufreibenden täglichen Kampfes um das Geld für Nahrung und die medizinische Versorgung nie vergaßen. Sie waren zunächst sicher nicht die beste Option für diese Menschen, auch nicht die am besten qualifizierte. Aber die beiden wussten, dass sie die einzige Option waren, und nahmen die Herausforderung an. Schließlich wuchsen sie weit über sich hinaus und rissen in ihrer Begeisterung viele Menschen mit. n

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 13 / 19
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.