Zur Ausgabe
Artikel 19 / 20

Forum Vertrauen schaffen

Führung: Die Neuerfindung des Managers (HBm Januar 2009)
aus Harvard Business manager 4/2009

Der von Khurana und Nohria eingeforderte und vorgestellte hippokratische Manager-Eid existiert bereits seit 1990. Seine Möglichkeiten sind genauso enorm wie seine Grenzen weit.

Jetzt, wo schmerzhaft spürbar wird, wenn Verbraucher Unternehmen für unmoralisches Verhalten mit Kaufverweigerung bestrafen. Jetzt, wo ganzen Branchen wie der Finanzwirtschaft nicht geglaubt wird. Ja, jetzt ist der Ruf nach einem hippokratischen Manager-Eid völlig verständlich. Er kommt immer in der Not. Letztendlich vertrauen wir jedoch keinen Institutionen, sondern nur ganz konkret einzelnen Personen.

Aus diesem Grunde habe ich mich bereits vor mehr als 19 Jahren intensiv mit Ethik und Wertemanagement in Bezug auf den einzelnen Manager beschäftigt. Ich diskutierte unter anderem mit dem Zukunftsdenker Robert Jungk oder dem Institut für Sozialerfindungen in London, die einen hippokratischen Wissenschaftseid entwickelt hatten.

Ich stritt unter anderem auch mit HH Acharya Mahapragya, dem Oberhaupt der Terapanth Svetambara Jains, die Gewaltlosigkeit gegen alle Lebewesen predigen. Der Jainismus ist die Religion der konsequenten Gewaltlosigkeit und älter als Christentum oder Islam. Mahatma Gandhi ist in einem Jain-Dorf aufgewachsen und hat die heiligen Prinzipien dieser Religion als Kind inhaliert.

Auch Mahapragya hatte eine Art Kaufmannseid entwickelt, der mir in einigen Punkten jedoch nicht allgemeingültig, sondern spezifisch indisch ausgerichtet erschien. Es ist aber wichtig, den Blick weit aufzumachen, denn ein hippokratischer Manager-Eid basiert sowohl auf ökonomischen als auch ethisch-philosophischen oder gar ethisch-religiösen Gesichtspunkten.

Damals entstand der von mir initiierte "hippokratische Manager-Eid" auf der Basis der Biophilie des Jesuiten Rupert Lay und umfasste folgende Verantwortungsethiken:

(1) Ich gelobe feierlich, meine Aufgaben mit Gewissenhaftigkeit und Würde auszuüben. (2) Ich werde mit meinen Handlungen versuchen, die Freiheit der Menschen zu mehren, sie aber zumindest zu wahren. (3) Ich werde keine Beteiligten/Betroffenen zum bloßen Mittel machen. (4) Ich werde mit meiner Arbeit das Wohl-ergehen des Individuums und der sozialen Gemeinschaft so ausgewogen wie möglich fördern. Ich werde immer so handeln, dass die Erde auch zukünftig Raum für menschliches Leben ist. (5) Ich werde verantworten, was ich tue - ohne einschränkende Bedingungen. (6) Ich werde verantworten, was ich sage und kommuniziere, und werde die Entstehung von Phantomlügengeschichten/-bildern nicht zulassen. (7) Ich werde niemals ausschließlich nach ökonomischen Gesichtspunkten handeln. (8) Ich werde Informationen nicht einseitig bewerten, sondern werde das Wissen und die Wertungen aller jeweils Beteiligten und Betroffenen einschließen. (9) Ich werde weder unter Drohungen noch unter Druck mein Können in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden. (10) Ich werde keinen Kunden in Widerspruch zu seiner eigenen Lebensauffassung in Bezug auf mein Angebot überreden und bei allem meinem Tun niemals vergessen, mit meiner Arbeit im Endziel dem Kunden zu dienen und den Menschen zu helfen.

Ich (Name), zur Zeit dieses Gelöbnisses: (Position), (Unternehmen), (Unternehmensadresse), gelobe dieses in vollem Bewusstsein, frei und ausschließlich bei meiner Ehre (Unterschrift, Datum).

Man erkennt dramatische Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten zum Khurana/Nohria-Eid. Wesentlich ist, dass man heute glaubt, deutlich mehr Details ansprechen und regeln zu müssen. Hierin liegt nach Hunderten von Diskussionen meines Erachtens eine fundamentale Gefahr, wenn nicht ein grundsätzlicher Irrtum. Details werden durch Handlungsethik wie die Zehn Gebote geregelt. "Ich werde Kollegen zu Rate ziehen" gehört in diese Kategorie. Fast immer verführen jedoch Handlungsethiken, sie buchstabengetreu auszuführen und den Rest als erlaubt und einwandfrei aufzufassen. Darum haben wir von solchen Erklärungen völlig Abstand genommen.

Gesinnungs- und Verantwortungsethiken wie die Bergpredigt sind schon angemessener, weil sie vom inneren Bewusstsein zur Handlung ausgehen. "Ich aber sage dir, wer schon im Geiste ...". Der hippokratische Manager-Eid 1990 setzt genau völlig reduziert nur darauf - und auf die weitere Diskussion zur konkreten Ausfüh-rung unter den Managern und in den Unternehmen.

Er arbeitet in diesem Sinne wie die Verfassung. "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Die Ausführung ist den Menschen, die Interpretation der Exekutive und Legislative gleichermaßen überlassen - mit dem Ober-Controller Verfassungsgericht.

Das hippokratische Manager-Gelöbnis 1990 hat den Sinn, durch persönliche Verpflichtung und Öffentlichkeit breites Vertrauen für das Management zu schaffen. Der Aufruf an Manager und Unternehmer, den Eid persönlich zu unterschreiben, erzielte Zustimmung, Diskussion, Betroffenheit, Unterstellungen, Angriffe, Ablehnung. Und damit hat der hippokratische Management-Eid etwas angestoßen, was viele Ethikdiskussionen im Rahmen von Wertemanagement-Diskussionen selten erreichen - persönliche, ganz persönliche Entscheidungen wurden gefällt.

Der hippokratische Management-Eid wurde von weit über 1500 Managern unterschrieben, darunter vom ersten Wirtschaftsnobelpreisträger Jan Tinbergen, Niederlande. Milton Friedman, USA, lehnte seine Unterschrift höflich und nobel, aber bestimmt ab. In diesem Punkt haben ihn Khurana/Nohria richtig eingeordnet.

Es gab Vorstände, die den Eid zur Diskussion in ihre Führungskräfte-konferenzen eingebracht haben. Weitere unterschrieben mit Hinweisen aus der Bibel zur Gottes- und Nächstenliebe. Doch es gab auch die anderen, die nicht nur absagten, sondern sich sogar bemüßigt fühlten, dieses zu begründen. So schrieb ein Vorstandsvorsitzender eines großen Konzerns: "... dass ein solches Gelöbnis, wenn es ernst genommen wird, eine Verpflichtung mit sich bringt, für die ich ,ohne Not' nicht gern unterschreibe, wenngleich sie meiner inneren Einstellung entspricht." Später wurde er wegen Untreue und Steuerhinterziehung verhaftet.

Wir lernten aus solchen Beispielen ein eigentümliches Phänomen. Die Manager und Mitarbeiter, die uns genauer und tiefer begründeten, warum sie nicht unterschreiben wollten, waren später häufiger als der Durchschnitt in Ermittlungen und in der Presse wegen ungesetzlichen oder unmoralischen Verhaltens. Irgendetwas in ihrem Innersten schien ein Hemmnis auszulösen, einen Eid einfach zu unterschreiben. Der Management-Eid war und ist ein intrinsisch hohes Gut. Der Eid kann dabei in den Betrieben als integrativer Bestandteil zum Arbeitsvertrag als Controllingstelle durchaus justiziabel gemacht werden.

Der hippokratische Manager-Eid ist aber nur ein Instrument und nicht der Wert an sich. Der tatsächliche Wert ist die persönliche Managerentscheidung.

Was ist aber, wenn man - unterstellen wir Transparenz - diesen Eid bricht? Drei Konsequenzen sind es, um die es letztendlich gehen muss:

öffentliche Ächtung der Person,

ökonomische Meidung des Unternehmens mangels Vertrauen und

persönliche Gewissensbelastung des Eid-Brechers.

Warum hat aber der hippokratische Management-Eid trotz solcher damals akzeptierten Breite und vielen Dis-kussionen nicht weiter um sich gegriffen? Es geht nicht nur darum, ihn zu unterzeichnen, sondern auch und besonders um die öffentliche Transparenz und Kontrolle. 1990 waren dazu Papierlisten notwendig. Die Kommunikation war das größte Hemmnis. Heute könnte dagegen eine nationale und internationale Internetliste zum Beispiel beim Harvard Businessmanager oder bei Khurana/Nohria in Harvard diese Transparenz schaffen. Insofern haben sie nach 19 Jahren recht. Die Zeit ist jetzt reif.

Malte W. Wilkes, Vorstand Unternehmensberatung IFAM, Düsseldorf

Zur Ausgabe
Artikel 19 / 20
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.