Zur Ausgabe
Artikel 6 / 20

Selbstmanagement Unternehmer werden ist nicht schwer ...

Viele erfahrene angestellte Manager denken, eine Firma zu gründen sei für sie ein Leichtes. Die Wahrheit ist: Wer diesen Schritt wagt, muss völlig umdenken und bisher nie benötigte Fähigkeiten einsetzen.
Von Sigrid Caroline Schroder
aus Harvard Business manager 6/2006

Sobald Führungskräfte sich dem Rentenalter nähern oder ihnen in der Mitte ihrer Karriere der Sinn nach Abwechslung steht, suchen sie nach neuen Herausforderungen. Ein kleines Unternehmen zu leiten scheint für viele ein verführerisches Projekt zu sein. Was ist aufregender, als eine Firma aufzubauen und sie zum Erfolg zu führen, das Sagen zu haben und alle Regeln aufzustellen?

Mehr als 20 Jahre lang habe ich Manager bei einem solchen Karriereschritt beraten. Beinahe alle Führungskräfte glaubten, ihre Erfahrung in großen Konzernen garantiere automatisch den Erfolg bei ihrer eigenen kleineren Firma. Doch oft scheitern sie an ihrem Unwissen: Zum einen an den besonderen Anforderungen kleiner Unternehmen, zum anderen an ihren persönlichen Zielen. Wer Unternehmer werden will, sollte sich zwei Fragen stellen. Erstens: Bin ich den Anforderungen gewachsen, die ein kleiner Betrieb stellt? Und zweitens: Ist das wirklich das, was ich will?

Im Folgenden möchte ich auf einige Punkte eingehen, die veranschaulichen, was auf Manager zukommt, die sich in die Selbstständigkeit flüchten.

Mädchen für alles

Angestellte Manager haben unzählige Menschen, die sie unterstützen. Sie dürfen das tun, was sie gut können, und den Rest delegieren. Wenn ihnen ein bestimmtes Know-how fehlt, bekommen sie es irgendwo im Unternehmen, in einer anderen Niederlassung ihrer Firma oder von einem externen Berater. Unternehmer hingegen haben keine solche Fülle an Know-how, auf das sie zurückgreifen können. Sie dürfen es sich deshalb niemals erlauben, sich zu spezialisieren. Es reicht nicht, ein brillanter Produktentwickler oder Marketing- und Vertriebsexperte zu sein, wenn sie kaum eine Ahnung vom Cashflow-Management haben.

Dass sie alle Entscheidungen treffen dürfen, heißt gleichzeitig, dass sie es auch tun müssen - in allen erdenklichen Bereichen. Dazu ist es notwendig, sich gut mit der Branche und den unterschiedlichsten Abläufen im Unternehmen auszukennen.

Schwächen als Chance sehen

Unternehmer müssen in Bereichen kompetent sein, die nicht zu ihren Stärken gehören. Und sie müssen Dinge tun, die früher unter ihrer Würde gewesen wären. Ich lernte viele Gründer kennen, die frustriert waren. Sie hatten keine Zeit mehr, ausgefeilte Strategien zu entwickeln. Stattdessen mussten sie etwa eine geeignete IT-Ausrüstung auswählen und für die Mitarbeiter des Unternehmens Parkplätze anmieten. Die meisten kleinen Firmen sind personell so knapp besetzt, dass der Chef jederzeit bereit sein muss, für einen Mitarbeiter einzuspringen. Auch wenn das bedeutet, eine Maschine zu bedienen.

Einfluss und Prestige - ade!

Niedere Dienste zu verrichten kann dem Selbstbewusstsein schaden. Das

Gleiche gilt für die geringere Anerkennung in der Öffentlichkeit. Manager, die früher angestellt waren, sollten sich eigentlich nicht wundern, wenn ihre Entscheidungen nicht mehr den Markt erschüttern oder das Interesse der Presse wecken. Trotzdem vermissen viele das Rampenlicht. Journalisten von Nachrichtensendern und bedeutenden Wirtschaftsblättern bitten nicht mehr um Interviewtermine. Wichtige Kunden rufen nicht zurück.

Da der Kapitalbedarf immer ein wichtiges Thema ist, müssen Unternehmer also sehr viel Zeit damit verbringen, auf sich aufmerksam zu machen und sich und ihre Entscheidungen gegenüber aktuellen und potenziellen Investoren zu verteidigen. Auch dieses ständige Klinkenputzen stärkt nicht unbedingt das Selbstbewusstsein.

Kleiner Fallstrick - große Wirkung

Start-ups trifft es weitaus härter als Konzerne, wenn sie einen Kunden verlieren oder wenn der Ölpreis plötzlich steigt. Kleinere Krisen können sie bereits in ihren Grundfesten erschüttern. Unternehmensgründer müssen akzeptieren, dass Kräfte von außen ständig an ihrer Existenzgrundlage zerren.

"Selbst" und "ständig"

Oft sehen angestellte Manager die Arbeit in kleinen Unternehmen als angenehme Alternative zu ihrer eigenen 60-Stunden-Woche im Konzern. Wenn sie erst einmal ihr eigener Chef sind, glauben diese Träumer, werden sie für sich und ihre Angestellten angenehme Arbeitszeiten schaffen. Das Problem ist: Die gesamte Verantwortung für die Firma ruht auf ihren Schultern.

Vielleicht konnten sie früher nie ungestört ihren Urlaub genießen oder hatten nur selten ein freies Wochenende. Das wird sich mit ihrem eigenen Unternehmen auf keinen Fall ändern. Selbst wenn sie eine Trekkingtour im Himalaya machen, wird man sie unterwegs mit Fragen behelligen wie "Wir laufen Gefahr, Taylor als Kunden zu verlieren. Was sollen wir denn jetzt tun?"

Was zeichnet Ex-Manager aus, die später auch mit ihrem eigenen Unternehmen erfolgreich sind? Ganz offensichtlich sind sie anpassungsfähig und besitzen Durchhaltevermögen. Meiner Erfahrung nach sind ehemalige Manager als Unternehmer dann am glücklichsten, wenn sie ihre Definition von Erfolg der neuen Aufgabe anpassen können - und zwar nicht dadurch, dass sie sich mit kleineren Brötchen zufrieden geben, sondern indem sie ihren Horizont enger abstecken.

Sie sind glücklich darüber, ihr erstes Produkt auf den Markt gebracht zu haben, sie freuen sich, von einem Händler akzeptiert zu werden oder einen Kunden zufrieden stellend bedient zu haben. Manager, die derartige Errungenschaften - verglichen mit ihrem weltbewegenden Einfluss in ihrem ehemaligen Unternehmen - als trivial ansehen, sollten als nächsten Karriereschritt andere Alternativen in Betracht ziehen. n

Zur Ausgabe
Artikel 6 / 20
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.