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Fitness Trimm dich - aber richtig!

Viele Führungskräfte wissen nicht, dass ihre Muskelmasse schwindet. Wenn sie Sport machen, trainieren sie oft einseitig ihre Ausdauer und verschlimmern ihren Zustand dadurch. Wer ein paar einfache Ratschläge beachtet, kommt gesünder durchs Leben.
Von Ingo Froböse
aus Harvard Business manager Edition 2/2014

Nachts um 23 Uhr geht Microsoft-Deutschland-Chef Achim Berg (heute: Vorstandsvorsitzender von Arvato - Anm. d. Red.) laut Medienberichten mitunter noch joggen. Andreas Gruchow, Vorstandsmitglied bei der deutschen Messe AG, setzt sich dreimal pro Woche aufs Fahrrad. Von Otto-CIO Thomas Tribius (heute: Partner bei der Managementberatung Grashoff & Schumm - Anm. d. Red.) weiß man, dass er Ultramarathons mit Distanzen von bis zu 200 Kilometern bestreitet.

Manager haben ein bequemes Leben und müssen nicht körperlich arbeiten. Sie fahren mit dem Taxi und mit dem Fahrstuhl, statt zu laufen oder Treppen zu steigen, und sind mit dem Rollenkoffer unterwegs, statt schwere Lasten zu tragen. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis, dass sportliche Aktivität ein wichtiger Ausgleich für dieses Leben ist, in den meisten Führungsetagen durchgesetzt. Es gehört deshalb zum guten Ton, etwas Platz für Fitness im überfüllten Terminkalender zu schaffen.

In ihrem Bestreben, auch diesen Teil ihres Lebens effizient zu organisieren, tun Manager jedoch oft zu viel des Guten und genau das Falsche. Die Personalbera-tung Heidrick & Struggles fand 2008 in einer Studie heraus: Joggen, Fitnessstudio und Radfahren gehören zu den Lieblingssportarten deutscher Topmanager. Da sie in der Regel auch im Fitnessstudio das Laufband aufsuchen - man kann dabei gleichzeitig seinen Blackberry konsultieren -, konzentrieren sie sich zu sehr darauf, ihre Ausdauer zu trainieren. Viele verschlechterten dadurch ihren Gesundheitszustand, statt ihre Fitness zu steigern.

Alarmierende Anzeichen

Was passiert, wenn wir uns zu wenig belasten? Die Muskulatur muss nicht arbeiten und bildet sich zurück. Das Zentrum für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln ermittelte, dass geringe Muskelaktivität bei 75 Prozent der untersuchten Manager zum Abbau großer Muskelgruppen führte. Dieses Phänomen wird in der Medizin als Sarkopenie bezeichnet. Dieses Leiden ist in der Literatur bislang eher im Zusammenhang mit Alterserscheinungen beschrieben worden. Wir haben nun festgestellt, dass sie zunehmend bei Managern mittleren Alters auftritt.

Äußerlich sehen Manager mit zu geringer Muskelmasse oft fit und schlank aus. Allerdings klagten 80 Prozent der Probanden in unserer Studie über Rückenschmerzen. Diese sind die unmittelbarste Folge einer reduzierten Muskulatur. Es verkürzen sich Bauchmuskeln und Hüftbeuger, und die innere, tiefe Rückenmuskulatur sowie der Gesäßmuskel bilden sich zurück.

Besitzen wir insgesamt zu wenig Muskelmasse, hat das auch Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System. Wir fühlen uns körperlichen Belastungen nicht mehr gewachsen, werden kurzatmig oder verspüren ein Engegefühl in der Brust. Noch verhängnisvoller ist ein Effekt, der im Verborgenen wirkt. Die Muskulatur ist unser größtes Stoffwechselorgan. Sie ist maßgeblich daran beteiligt, dass etwa Stresshormone abgebaut werden. Arbeitet sie nicht richtig, ist zum Beispiel die Temperaturregelung des Organismus gestört. Viele Manager kennen das: Es ist ihnen ständig zu warm, oder sie bekommen kalte Schweißausbrüche.

Insgesamt sinkt natürlich mit verringerter Muskelmasse auch der Grundumsatz des Körpers. Führungskräfte konsumieren regelmäßig sehr energiehaltige Kost, etwa bei Geschäftsessen in guten Restaurants. Deshalb fällt es ihnen immer schwerer, ihr Gewicht zu halten (Störung des Fettstoffwechsels). Ist der Stoffwechsel langfristig aus dem Gleichgewicht, kommt meist auch noch Bluthochdruck hinzu. Im schlimmsten Fall kann das sogar zu Diabetes führen (Störung des Zuckerstoffwechsels).

Wenn Manager Sport treiben, tun sie dies aus unterschiedlichsten Gründen. Sie wollen gut und vital aussehen, Leistung beweisen oder einfach nur abnehmen. Wir beobachten, dass sportliche Aktivitäten oft den Charakter eines hektisch absolvierten Termins haben und zu einer ausschließlich über den Kopf gesteuerten Initiative werden. Viel beschäftigte Manager verlegen Trainingszeiten zum Beispiel in die Nacht- und Morgenstunden oder schleppen sich mit einem Jetlag in den Knochen auf das Fahrradergometer des Hotel-Fitnessstudios. Sinnvoll ist das schon aus dem Grund nicht, dass der Körper Regenerationsphasen braucht. Auch widerspricht tägliches Abspulen irgendeines Programms dem Sinn und Inhalt des Sports als entspannender Freizeitaktivität.

Das Ergebnis: Viele Manager erlegen sich selbst Therapien auf, die bestenfalls an den Symptomen ansetzen. So kombinieren sie gern Enthaltsamkeit beim Essen mit extensivem Ausdauertraining. Diese Verquickung ist ein gutes Beispiel dafür, wie man den Muskelabbau noch verschlimmern kann: Beim Ausdauertraining verbraucht der Körper aerob Energie. Die energiehaltigsten Reserven des Körpers bestehen aus Eiweiß. Sind die Kurzfristquellen (Glukose) aufgebraucht (oder wegen der Diät stark reduziert), greift der Körper relativ schnell auf die Muskelstrukturen zu und kannibalisiert sich sozusagen selbst. Ähnliche Mechanismen spielen sich ab, wenn Manager ihrem Körper zu wenig Regeneration gewähren.

Sinnvolles Training

Wie können Manager nun gegensteuern? Statt sich ein eigenes, möglicherweise nicht effektives Programm aufzuerlegen, sollten sie die Hilfe eines erfahrenen Trainers in Anspruch nehmen - am besten, noch bevor sie die beschriebenen Symptome verspüren. Der Trainer sollte

■  eine vernünftige, zumindest sportwissenschaftliche Ausbildung absolviert haben;

■  den Istzustand, Stärken und Schwächen sorgfältig analysieren;

■  nach Wünschen und Neigungen des Kunden fragen;

■  gemeinsam mit ihm kleine Ziele vereinbaren und den Weg festlegen, diese zu erreichen;

■  qualifiziert sein, in Fragen der Ernährung zu beraten.

Das Ergebnis muss immer ein ganzheitliches Programm sein. Statt Heldentaten im Extremsport zu vollbringen, ist es sinnvoller, auf Ausgewogenheit und Spaß am Sport zu setzen. Der Trainingsplan muss unbedingt die Bausteine Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Koordination enthalten.

Ausdauertraining umfasst Joggen, Radfahren oder Schwimmen in niedriger Intensität. Unter Kräftigung versteht man den gezielten Aufbau einzelner Muskelgruppen, zum Beispiel Rücken oder Schultern. Beweglichkeit beinhaltet etwa Übungen zur Muskeldehnung; Koordination zielt darauf ab, das Gleichgewichtsgefühl zu stärken (Beispiel: auf einem Bein stehen) und das Zusammenspiel mehrerer Körperpartien zu fördern.

Ein vernünftiges Programm kann man mit auf jede Dienstreise nehmen. Am Anfang können zum Beispiel 15 bis 20 Minuten täglich genügen, um Kraft, Beweglichkeit und Koordination zu trainieren. Dazu kommen zwei Ausdauereinheiten pro Woche, die etwa 45 Minuten umfassen.

Ingo Froböse

(www.ingo-froboese.de) ist Professor für Prävention und Rehabilitation an der deutschen Sporthochschule Köln.

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