Zur Ausgabe
Artikel 2 / 19
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Konfliktmanagement Theater für die Teambildung

KONFLIKTMANAGEMENT: Wie improvisiertes Schauspiel ein Software-Team wieder auf Kurs brachte.
Von William P. Ferris
aus Harvard Business manager 4/2003

In meiner 30-jährigen Tätigkeit als Organisationsberater habe ich so ziemlich alles erlebt, was in einem Team schief gehen kann. Und im Laufe der Jahre habe ich auch eine ganze Reihe von Techniken zur Teamentwicklung kennen gelernt, die unterschiedlich erfolgreich sind. Es gibt unzählige Ursachen für das Scheitern eines Teams. Als ich darüber nachdach- te, kam mir eine Art des Theaterspiels in den Sinn: das "Theater der Unterdrückten". Es könnte, so mein Gedan- ke, möglicherweise dazu eingesetzt werden, jene Beziehungsprobleme - und hier insbesondere Macht-Ungleichgewichte - aufzudecken, die ein Team aus der Bahn werfen können.

Das "Theater der Unterdrückten" wurde in den 60er Jahren von dem brasilianischen Bühnenregisseur Augusto Boal für die politische Arbeit geschaffen. Boal glaubte, jeder Konflikt beginne mit irgendeiner Art von Unterdrückung - sei sie nun wirklich oder nur empfunden. Das Improvisationstheater könne die Fehlverteilung der Macht ans Licht bringen, wenn es den Unterdrückten und den Unterdrücker miteinbeziehe. Im nächsten Schritt entwickelte der Brasilianer ein "Theater der Bilder". Hier stellen sich die Teilnehmer wortlos als Statuen im Raum auf. Sie setzen ihren Körper, Möbel oder andere Requisiten ein, um lebende Bilder zu schaffen, die ihre Machtbeziehungen abbilden. Wenn das Reden verboten sei, dachte Boal, könnten Missverständnisse verhindert und verdrängte Gefühle an die Oberfläche gebracht werden. Das Schweigen gleiche auch den möglichen Vorteil von Teilnehmern aus, die sich verbal besser ausdrücken könnten. Genau diese Technik des Bildtheaters zum Aufdecken tatsächlicher Beziehungen konnte meines Erachtens auch Licht auf die Dynamik von Teams werfen.

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, das "Theater der Bilder" bei Stanpak Systems auszuprobieren. Stanpak stellt Software zur Vertriebssteuerung für Unternehmen der Papierbranche her. Der Chef der Firma mit 23 Mitarbeitern hatte mich als Teammoderator gerufen. Terminprobleme und Schwierigkeiten mit dem Kundenservice vergifteten das Klima, und es gab so viele offene Vorfälle - ungelöste Kundenprobleme - wie nie. Diese enorme Belastung beeinträchtigte sowohl das Verhalten der Mitarbeiter gegenüber Kunden als auch die Beziehungen der Mitarbeiter untereinander.

Zuerst traf ich mich mit dem Chef und den Angestellten, um ihre Situation kennen zu lernen. Dann schlug ich als ersten Schritt zu einem Neuanfang das "Theater der Bilder" vor. Erwartungsgemäß waren alle im Team zuerst skeptisch. Aber nach ein wenig Zuspruch willigten Chef und Angestellte ein, es zu versuchen.

Zuerst machten wir im Konferenzraum einige Aufwärmübungen, bei denen Teammitglieder ihre Familien darstellen sollten. Dann forderte ich die Teilnehmer auf, die gleiche Übung mit ihren Kollegen zu veranstalten. Wir zogen in die Cafeteria um, und sie begannen, sich schweigend so aufzustellen, dass das Bild am Ende den aktuellen Zustand der Beziehungen an ihrem Arbeitsplatz repräsentierte.

Vier Personen gingen und stellten sich zusammen an der Wand auf, abseits des ziemlich großen Tischs in der Mitte des Raums. Der Firmenchef nahm eine Position am Kopfende des Tischs ein. Seine Frau (Administrative Vice President des Unternehmens) saß am Tisch, und zwei Leute standen hinter ihr. Ein Mann, der sehr oft auf Reisen war, verließ den Raum. Ein weiterer stand in einem anderen Türeingang. Zwei junge Männer - "bevorzugte Angestellte" - saßen in der Nähe des Chefs, jedoch durch einige Stühle von ihm getrennt. Ein Mann und seine Frau saßen zusammen an anderer Stelle am Tisch. Zwei weitere hatten dem Tisch den Rücken zugekehrt und sahen zur Wand. Nur sechs Personen saßen wirklich am Tisch, wobei vier von ihnen durch leere Sitze getrennt waren.

Als jeder seinen Platz gefunden hatte, fragte ich, ob die Beziehungen richtig wiedergegeben seien. Die Körperhaltung der Teammitglieder ließ schon jetzt ganz klar Probleme erkennen. Eine der Frauen rief sodann ihre Kollegen dazu auf, aufs Ganze zu gehen und die wirkliche Geschichte darzustellen. In diesem Augenblick stand eine ältere Frau

schweigend auf und platzierte die Ehefrau des Chefs stehend direkt am Tisch. Sie selbst nahm dann eine Position dicht hinter ihr ein und verschwand damit für viele andere aus dem Blickfeld. Ein weiterer Angestellter stellte ein Teammitglied einem anderen in einer kampfbereiten Pose gegenüber. Noch jemand erhob sich und gesellte sich zu dem Kollegen, der halb durch die Tür verschwunden war. Diese beiden hatten sich jetzt ganz deutlich von den anderen abgesetzt. Die Mienen der Leute ließen darauf schließen, dass sie verwirrt und verstört waren.

Als alle per Kopfnicken bestätigten, die Aufstellung sei jetzt richtig, nahm ich die endgültige, die Realität abbildende Aufstellung mit einer Polaroidkamera auf.

Dann bat ich die Teilnehmer, sich erneut in aller Stille aufzustellen - und zwar so, wie ihre Beziehungen hoffentlich nach den Übungen zur Teamentwicklung aussehen würden. Alle im Raum versammelten sich um den Tisch und setzten sich. Der Mann, der sich draußen aufhielt, kam herein und stellte sich in den Türrahmen. Die vier Männer, die an der Wand gestanden hatten, saßen nun bei den anderen. Die Gruppe entfernte leere Stühle. Die Leute lehnten sich zueinander, und einige legten sogar den Arm um Teamkollegen. Erneut machte ich Fotos, diesmal vom idealen Bild. Nachdem wir darüber diskutiert hatten, wie schwierig dieser Idealzustand zu erreichen sein würde, einigte sich das Team darauf, ein Übergangsszenario zu bilden - einen möglichen Zwischenschritt auf dem Weg zum Ideal. Diese vorläufige Lösung nahm ich ebenfalls auf. Die drei Bilderreihen hängten wir an prominenter Stelle auf und benutzten sie als Grundlage für alle Gespräche und Übungen zur Neuorientierung des Teams, die sich in Form von 18 mo- natlich stattfindenden halbtägigen Sitzungen anschlossen. Um dem Idealbild näher zu kommen, darin stimmte die Belegschaft überein, würde man ein neues Unternehmensleitbild brauchen, Ethikregeln, und viele konkrete Veränderungen in den Richtlinien und Abläufen. Diese umfassten eine Klärung der Aufgaben, Training gegen sexuelle Belästigung, die Mann-Frau-Problematik sowie Konfliktmanagement. Schließlich sollte die betriebliche Altersvorsorge neu organisiert, und wöchentliche Treffen sollten eingeführt werden. Die Übungen mit dem "Theater der Bilder" verschafften dem Team zudem eine gemeinsame Sprache und einen Bezugsrahmen, um über schwierige Punkte zu sprechen. In einem Fall verlor einer der bevorzugten Angestellten wegen eines Missverständnisses seine Beherrschung und sandte eine wütende E-Mail an alle Mitarbeiter. Der Chef bat den jungen Mann in sein Büro. Dort deutete er auf die Fotografien des Idealbildes und fragte ihn, wo er sich jetzt in dem Bild sehen würde. Der Mitarbeiter erkannte sofort: Er hatte sich selbst aus dem Raum manövriert, und er schrieb eine Mitteilung an das Team, in dem er sein Bedauern ausdrückte. Der Firmenchef gestand mir außerdem, dass er vor der Theater-Übung wegen dieses Managers wahrscheinlich selbst ausfallend geworden wäre. Das "Theater der Bilder" hatte ihm einen viel weniger auf Konfrontation angelegten - und wahrscheinlich wirkungsvolleren - Weg eröffnet, Kritik anzubringen.

Der Wiederaufbau des Teams bei Stanpak Systems ist noch in vollem Gange, aber mehrere standardisierte Umfragen zur Überprüfung belegen, dass das Team bereits effektiver arbeitet. Und - ebenso wichtig - die Anzahl offener Geschäftsvorgänge ist um 84 Prozent von 670 auf 110 gefallen. Es handelt sich hier natürlich nur um eine Firma, und dazu noch um eine einzigartige: klein, mit einigen Ehepaaren in der Belegschaft - und der deutlichen Bereitschaft, zu experimentieren. Trotzdem deuten die anek-dotischen und empirischen Ergebnisse darauf hin, dass die Techniken des "Theaters der Bilder" - im richtigen Rahmen eingesetzt - die Zusammenarbeit im Team und damit die Gesamtleistung eines Unternehmens erheblich verbessern können. n

-------------------------------------------------------------------

SERVICE

LITERATUR

Schreyögg, Georg ; Dabitz, Robert (Hrsg.): Unternehmenstheater, Formen - Erfahrungen - Erfolgreicher Einsatz, Gabler Verlag, Wiesbaden 1999.

Teichmann, Stefanie: Unternehmenstheater zur Unterstützung von Veränderungsprozessen,. Wirkungen, Einflussfaktoren, Vorgehen,

Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden 2001.

INTERNET

Einen guten Überblick über die deutsche Szenerie vermittelt die Website:

www.unternehmenstheater.de

KONTAKT ZUM AUTOR

bferris@wnec.edu

-------------------------------------------------------------------

WILLIAM P. FERRIS

ist Vorsitzender der Academy of Business Education und Professor an der School of Business am Western New England College in Springfield, Massachusetts.

© 2003 Harvard Businessmanager

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 19
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.