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Forum Tatmenschen mit Charakter

Führung: Die Stunde der Einschüchterer (HBM Juli 2006)
Von Olaf E. Kraus
aus Harvard Business manager 10/2006

Offenbar lassen sich Managementlehrer in ihrem Drang, sich mit provozierenden Gedanken zu profilieren, zu absurden und unverantwortlichen Handlungsanleitungen hinreißen.

Roderick M. Kramer greift ein uraltes, aber brandaktuelles Thema auf: das menschliche Führungsverhalten. In Spitzenpositionen agiert der Mensch nämlich auf ganz spezifische Weise. Das beschäftigt Denker seit Jahrtausenden. "Die Macht erst offenbart den Menschen", sagte Sophokles vor 2500 Jahren. Einige hundert Jahre davor hatte Homer in seinen epischen Dichtungen eine Fallstudie über Führungsverhalten an die andere gereiht. Diese sind allerdings lebenspraller, anspruchsvoller als die blutleeren Anekdoten von Kramer.

Die erste wissenschaftlich schlüssige Erklärung menschlichen Führungsverhaltens liefert Aristoteles, indem er das Grundelement erfolgreichen Führens herausarbeitet: die Ambivalenz. Er zeigt uns, dass es das Gute an sich im menschlichen Verhalten nicht gibt. "Tugend" kann sich nur als positiver Spannungszustand zwischen antagonistisch wirkenden Negativeigenschaften einstellen. So definiert er "Mut" als dynamisches Gleichgewicht zwischen Ängstlichkeit und Tollkühnheit.

Wilhelm von Humboldt greift diese Gedanken ebenfalls auf. Der Menschheit sei es "nicht um Wissen und Reden, sondern um Handeln und Charakter zu tun". Wohlgemerkt: Wir brauchen den entschlossenen, durchsetzungsstarken "Tatmenschen", der auch einschüchternd wirken mag. Er ist in einer kultivierten Gesellschaft (und Firma) aber nur tragbar, wenn er das Korrektiv des "Charakters" mitbringt. Propagieren wir nur eine Ausprägung, stellen wir ein Vorbild dar, das sich an Tyrannen wie Hitler und Stalin orientiert (die aus Sicht ihrer Anhänger auch sehr "erfolgreich" waren!). Mit Max Weber gesprochen, propagieren wir dann eine reine "Zweckrationalität" von Führungsverhalten und ignorieren den Antagonisten der "Wertrationalität" als unerlässliches Korrektiv.

Dieses klassische, etablierte Ideengut wird in der modernen Managementliteratur nur unzureichend reflektiert. Der Buchautor Daniel Goleman hat mit seinem Konzept der "Emotionalen Intelligenz" einen wichtigen Akzent gesetzt, der aber ebenfalls die Ambivalenz menschlichen Verhaltens ignoriert. Goleman selbst erwähnt in einer Fußnote seines Buches, dass es für das Etikett "Emotionale Intelligenz" einen altmodischen Begriff gebe, den "Charakter" (der in der Geistesgeschichte viel eindeutiger definiert ist als der Modebegriff "Emotionale Intelligenz"). Auch Goleman bleibt also bei dieser einseitigen Ausprägung der menschlichen Natur stehen, der "Tatmensch" kommt bei ihm nicht vor. Diese Schwäche des Konzepts hat offensichtlich eine Reihe von Arbeiten angeregt, die auf die Bedeutung der antagonistischen Gegenseite hinweisen - allerdings ohne jeweils den oben dargestellten systematischen Zusammenhang herzustellen.

So hat der Organisationspsychologe Edgar H. Schein gezeigt, dass nicht nur Begeisterung, sondern auch "Angst" ein wichtiger Motivationsfaktor sein kann. Ähnlich argumentiert ja auch Kramer, wenn er zur Einschüchterung auffordert. Von Kramer zitierte Führungskräfte wie Ex-HP-Chefin Carly Fiorina oder Ex-Harvard-Präsident Larry Summers waren zwar populär und besaßen Macht, allerdings nur kurzfristig. Das kann nicht das Ziel beispielhaften Führungsverhaltens sein. Der frühere Stanford-Dozent Jim Collins hat empirisch nachgewiesen, dass langfristig erfolgreiche Unternehmensführer zwei Persönlichkeitsmerkmale aufweisen: persönliche Bescheidenheit plus große Willens-/Entschlusskraft. Hier drängen sich die humboldtschen Begriffe "Charakter" und "Handeln" geradezu auf!

Der große Erfolg des Begriffes "Emotionale Intelligenz" führte dazu, dass ähnliche Wortschöpfungen in Mode gekommen sind. Kramers "Erfindung" einer "politischen Intelligenz" wird jedoch weder aus systematischer noch aus inhaltlicher Sicht plausibel - es ist ein völlig hohler Begriff. Alle diese Schöpfungen - und besonders der von Kramer - ignorieren den Zusammenhang von "Charakter" und "Handeln" in der menschlichen Natur. Die Medaille "erfolgreiche Führung" hat zwei Seiten. Beide sind notwendig, ja unverzichtbar. Das ist eine uralte Erkenntnis, die seltsamerweise in der modernen Managementlehre in Vergessenheit geriet.

Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften zu kürzen.

Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften zu kürzen.

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