Zur Ausgabe
Artikel 4 / 12
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Weiterbildung Woran Schulungen scheitern

Inspirierend im Seminarraum, irrelevant in der Praxis: Viele Investitionen in die eigenen Mitarbeiter verpuffen, weil Unternehmen nicht die richtigen Voraussetzungen für eine nachhaltige Umsetzung schaffen. Dabei sollten sie bei sich selbst anfangen und nicht bei ihren Angestellten.
aus Harvard Business manager 11/2016

Kunstwerk: Ben Zank „Going Nowhere, Untitled 2“ (2015), Giclée auf Papier

Unternehmen sind die großen Opfer der Weiterbildungsindustrie. US-Firmen geben enorme Summen für die Schulung und Fortbildung ihrer Mitarbeiter aus – 2015 waren es 160 Milliarden US-Dollar im eigenen Land und knapp 356 Milliarden US-Dollar weltweit –, doch das Ergebnis ist mau. Die Ausbildung führt in den meisten Fällen nicht zu besserer Leistung im Unternehmen, weil die Menschen schon bald wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurückfallen.
Nehmen wir als Beispiel die Abteilung für Mikroelektronikprodukte (MEP) eines Unternehmens, das wir untersucht haben. Wir wollen es hier SMA nennen. SMA investierte in ein Schulungsprogramm zur Verbesserung der Führungsqualität und organisatorischen Effizienz. Die MEP-Abteilung gehörte zu den ersten Nutznießern, und praktisch jeder ihrer regulären Angestellten nahm daran teil.

Die Teilnehmer beschrieben das Programm als sehr geballt. Eine ganze Woche lang waren sie im Team mit verschiedenen Aufgaben beschäftigt und bekamen über ihr Verhalten als Einzelne wie auch innerhalb der Gruppe sofort Rückmeldung. Das Programm schloss mit einem Plan, wie das Gelernte im Unternehmen umzusetzen sei. Umfragen vor und nach der Schulung deuteten darauf hin, dass sich Verhalten und Einstellung der Teilnehmer verändert hatten.

Einige Jahre später übernahm ein neuer Geschäftsführer die Abteilung und forderte eine Bewertung des kostspieligen Programms. Dabei zeigte sich: Die Führungskräfte im Unternehmen fanden, dass die Schulung damals zwar sehr inspirierend gewesen sei, aber letztlich kaum Spuren hinterlassen hatte. Was sie über Teamwork und Zusammenarbeit gelernt hatten, war im täglichen Geschäft nicht umzusetzen. Verschiedene betriebliche und organisatorische Hürden verhinderten das: fehlende strategische Klarheit, der autoritäre Führungsstil des früheren Geschäftsführers, ein intrigenreiches Umfeld sowie bereichsübergreifende Konflikte. "[Der frühere Geschäftsführer] hatte erheblichen Einfluss auf unsere Organisation; wir alle ahmten seinen Führungsstil nach", erklärte ein Mitglied des Führungsteams der Abteilung in einem Interview. "Wir sind heute alle autoritärer als vorher."

Kompakt

Das Problem
Unternehmen geben Milliarden für Schulungsund Entwicklungsprogramme aus, ohne dass diese Investitionen sich auszahlen. Denn bei aller Intelligenz und Motivation können Mitarbeiter das Gelernte in der Praxis oft nicht umsetzen - sie scheitern an einer Reihe organisatorischer Hürden. Dazu kann eine fehlende Strategie ebenso gehören wie Reibereien zwischen Abteilungen oder eine Kultur eingefahrener Verhaltensmuster.

Die Lösung
Der Fehler liegt in der falschen Reihenfolge: Schulungen und andere Maßnahmen zur Personalentwicklung können erst Wirkung zeigen, wenn zunächst auf organisatorischer Ebene ein fruchtbarer Boden dafür geschaffen wird. Die Autoren empfehlen ein Vorgehen in sechs Schritten: Nach der Vorstellung einer klaren Strategie wird Mitarbeiterfeedback eingeholt, um die größten Hindernisse zu beseitigen. Erst dann folgen zunächst ein Coaching und eine Prozessberatung, bevor Schulungen und eine Erfolgsmessung folgen.

Als Strategie zur Veränderung taugte die Schulung offensichtlich nicht. Dass dies kein Einzelfall ist, haben unsere Forschungen und Beratungstätigkeiten in Dutzenden Unternehmen gezeigt. Ein Hersteller musste zum Beispiel mehrere Todesfälle in seinen Werken erleben, obwohl er 20 Millionen US-Dollar in ein hochmodernes Zentrum für Sicherheitstraining investiert hatte. Teilnehmer von Schulungsprogrammen erzählen uns oft, dass es in ihrem Arbeitsplatzumfeld schwierig sei, das Gelernte umzusetzen.

Trotzdem pumpen Führungskräfte und deren HR-Teams weiterhin Jahr für Jahr Geld in Schulungsprogramme und versuchen so, organisatorische Veränderungen herbeizuführen. Was sie wirklich brauchen, ist eine neue Herangehensweise an Lernen und Entwicklung. Über Erfolg oder Nichterfolg entscheidet der Kontext: Es ist also wichtig, sich zuerst um Fragen der organisatorischen Ausgestaltung und betrieblicher Verfahren zu kümmern und diese dann mit Instrumenten zur persönlichen Entwicklung wie Coaching und Schulungen on- oder offline zu unterstützen.

Was genau läuft hier falsch?

Weiterlesen mit Harvard Business manager+

Das Wissen der Besten – zu den wichtigen Fragen rund um Führung, Strategie und Management.

Wir liefern Ihnen Knowhow aus den renommiertesten Hochschulen der Welt, anschaulich und umsetzbar für Ihren Alltag als Führungskraft.

Ihre Vorteile mit Harvard Business manager+

  • Der Harvard Business manager

    Wissen, Werkzeuge und Ideen für nachhaltigen Erfolg – als E-Paper

  • Zugang zu den besten Texten der vergangenen Jahre

    Inspiration, Leadership-Skills und Praxistipps für erfolgreiche Führungskräfte

  • Einen Monat kostenlos testen

    jederzeit online kündbar

Ein Monat für 0,00 €
Jetzt für 0,00 € ausprobieren

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement? Hier anmelden

Weiterlesen mit manager+

Immer einen Einblick voraus

Ihre Vorteile mit manager+

  • manager magazin+

    in der App

  • Harvard Business manager+

    in der App

  • Das manager magazin und den Harvard Business manager lesen

    als E-Paper in der App

  • Alle Artikel in der manager-App

    für nur € 24,99 pro Monat

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement?

manager+ wird über Ihren iTunes-Account abgewickelt und mit Kaufbestätigung bezahlt. 24 Stunden vor Ablauf verlängert sich das Abo automatisch um einen Monat zum Preis von zurzeit 24,99€. In den Einstellungen Ihres iTunes-Accounts können Sie das Abo jederzeit kündigen. Um manager+ außerhalb dieser App zu nutzen, müssen Sie das Abo direkt nach dem Kauf mit einem manager-ID-Konto verknüpfen. Mit dem Kauf akzeptieren Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärung .

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 12
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel