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Führung Wem wir vertrauen

Wir vertrauen anderen Menschen von Natur aus, darauf ist unser Gehirn eigentlich ausgelegt. Trotzdem geht Vertrauen im Arbeitsalltag oft verloren. Wenn Sie die neurologischen Zusammenhänge verstehen, können Sie es gezielt wieder aufbauen.
aus Harvard Business manager 10/2020

Illustration: Stuart Bradford

Vertrauen ist Grundvoraussetzung für die Weltwirtschaft – ohne Vertrauen wären die meisten Geschäfte unmöglich. Vertrauen ist auch ein Merkmal leistungsstarker Organisationen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von sogenannten High-Trust-Unternehmen sind produktiver, zufriedener mit ihrem Job, zeigen mehr Einsatzfreude, wechseln seltener den Arbeitgeber und sind sogar gesünder als Beschäftigte in Firmen mit schwacher Vertrauenskultur. Firmen, die bei ihren Kundinnen und Kunden Vertrauen stärken, werden mit größerer Treue und höheren Verkaufszahlen belohnt. Und Verhandlungsführer, die sich vertrauensvoll begegnen, werden eher profitable Abschlüsse machen.

Obwohl Vertrauen in der Wirtschaft also eine zentrale Rolle spielt, waren die neurobiologischen Grundlagen bis vor Kurzem noch nicht eingehend erforscht. Im Laufe der vergangenen 20 Jahre haben Wissenschaftler herausgefunden, warum wir Fremden vertrauen, welches Führungsverhalten zu Vertrauensverlust führt und wie neurobiologische Erkenntnisse dazu beitragen können, das Vertrauen zwischen Kollegen zu stärken – ein Faktor, der Unternehmen signifikant erfolgreicher macht.

Die Biologie des Vertrauens

Das menschliche Gehirn weist zwei Besonderheiten auf, die es uns ermöglichen, auch Menschen zu vertrauen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, die nicht unserer direkten sozialen Gruppe angehören. Dazu ist kein anderes Lebewesen in der Lage.

Die erste Besonderheit betrifft unsere vergrößerte Hirnrinde, die äußere Oberfläche des Gehirns, wo Erkenntnis, Handlungsplanung und abstraktes Denkvermögen verortet sind. Teile dieser Hirnrinden erlauben uns etwas ganz Außergewöhnliches: Sie machen es möglich, dass wir uns in jemand anderen hineinversetzen. Ohne diese Fähigkeit, die Psychologen Theory of Mind (ToM) nennen, wäre es nicht möglich zu denken: "Wenn ich Sie wäre, würde ich das tun." Wir können damit Handlungen anderer voraussehen und unser eigenes Verhalten daran anpassen.

Die zweite Besonderheit ist Empathie, unsere Fähigkeit, die Gefühle anderer zu teilen. Umfangreiche Forschungen, anfangs in meinem eigenen Labor und später von anderen repliziert, belegen, dass Empathie verstärkt wird, wenn das Gehirn das Hormon Oxytocin ausschüttet. Menschen verfügen über eine hohe Dichte von Oxytocinrezeptoren im Frontallappen der Großhirnrinde – weit mehr als alle anderen Tiere. Unsere soziale Ader ist also anatomisch in unserem Gehirn verankert. Als Folge davon können wir – unbewusst – soziale Informationen ganz mühelos aufnehmen und die Motive anderer nachvollziehen.

Oxytocin hat noch zwei andere bemerkenswerte Wirkungen auf Menschen. Erstens mindert es die Angst, die wir von Natur aus haben, wenn wir unter anderen sind. Und zweitens motiviert es uns, mit anderen zusammenzuarbeiten und einander zu helfen. Das hängt damit zusammen, dass Oxytocin auch Dopamin regelt, den antriebssteigernden Botenstoff des Gehirns. Dopamin sorgt dafür, dass sich die Zusammenarbeit mit und der Kontakt zu anderen gut anfühlt. Die Freude an Kooperation ist uns also gleichsam in die Wiege gelegt.

Bevor wir jemandem vertrauen, insbesondere einem Menschen, den wir nicht kennen, erstellt unser Gehirn ein Modell davon, wie unser Gegenüber sich höchstwahrscheinlich verhalten wird und warum. Mit anderen Worten: Wir nutzen bei jeder Form von Zusammenarbeit sowohl ToM als auch Empathie. Und der andere macht intuitiv genau dasselbe mit uns. Menschen spielen demnach fortwährend ein gegenseitiges "Vertrauensspiel" miteinander: Sollte ich dir vertrauen? Und wie sehr vertraust du mir?

Im Arbeitskontext kommt zu diesem Vertrauensspiel ein weiterer Faktor hinzu: der Vorbildcharakter von Führungskräften. Als soziale Wesen folgen wir von Natur aus Anführern und ahmen ihr Verhalten nach. Durch den Einfluss, den sie somit haben, können sie Vertrauen auf zweierlei Art sabotieren: indem sie Angst schüren und indem sie Macht ausüben.

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