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Vordenker Roger Martin fordert Umdenken Die Grenzen der Effizienz

Verschwendung abzuschaffen ist der Heilige Gral der Betriebswirtschaftslehre – aber es damit zu übertreiben bringt viele Probleme mit sich. Unternehmen sollten genauso viel Wert auf Anpassungsfähigkeit legen.
aus Harvard Business manager 3/2019
Foto: Patrick Seeger / picture alliance / dpa

Adam Smith gelang 1776 mit "Der Wohlstand der Nationen" ein bahnbrechendes Werk. Er wies darin nach: Wenn ein Unternehmen Arbeit klug aufteilt, kann es deutlich produktiver sein, als wenn es jeden einzelnen Arbeiter ein Produkt von Anfang bis Ende fertigstellen lässt.

Vier Jahrzehnte später führte David Ricardo diesen Gedanken in seinem Buch "Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung" weiter aus – er entwickelte die Theorie der komparativen Kostenvorteile. Ricardo wies darauf hin, dass es erheblich effizienter ist, wenn portugiesische Arbeitskräfte sich darauf konzentrieren, Wein herzustellen, während englische Arbeiter ihren Fokus auf die Produktion von Tuch legen. Beide Gruppen profitierten davon, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren und anschließend miteinander Handel zu treiben.

Diese Erkenntnisse spiegelten sich in der industriellen Revolution wider, die gleichsam von ihnen angetrieben wurde. Dass Prozessinnovationen Verschwendung reduzierten und die Produktivität erhöhten, spielte dabei eine ebenso große Rolle wie der Einsatz neuer Technologien. Die Annahme, dass die Art und Weise, wie wir Arbeit organisieren, einen stärkeren Einfluss auf die Produktivität haben kann als die Arbeit eines einzelnen Arbeiters, liegt der Betriebswirtschaftslehre bis heute zugrunde. Das Gleiche gilt für die Auffassung, dass Spezialisierung zu Wettbewerbsvorteilen führt. In diesem Sinne sind Smith und Ricardo die Vorläufer von Frederick Winslow Taylor, der die Ansicht vertrat, dass man Management wie eine Wissenschaft behandeln könne. Damit begründete er eine Strömung, die mit dem Ansatz des Total-Quality-Managements von W. Edwards Deming ihren Höhepunkt fand. Dieser war darauf ausgerichtet, jedwede Verschwendung im Produktionsprozess zu unterbinden.

Smith, Ricardo, Taylor und Deming machten aus dem Management eine Wissenschaft, deren Zielfunktion die Eliminierung von Verschwendung war – egal ob es sich dabei um Zeit, Material oder Kapital handelte. Der Glaube an die pure Kraft der Effizienz ist nach wie vor ungetrübt. Er wird durch multilaterale Organisationen wie etwa die Welthandelsorganisation verkörpert, die auf einen effizienteren Handel abzielt. Er steckt auch im Washington Consensus (der Begriff bezeichnet übereinstimmende Überzeugungen bei internationalen Finanzinstitutionen und der US-Regierung, wie makroökonomische Reformen aussehen sollen – Anm. d. Red.): Liberalisierung des Handels und ausländischer Direktinvestitionen, effiziente Formen der Besteuerung, Deregulierung, Privatisierung, transparente Finanzmärkte, ausgeglichene Haushalte und Regierungen, die Verschwendung bekämpfen. Und er wird in den Hörsälen einer jeden Business School auf dem Planeten angepriesen. Verschwendung zu unterbinden hört sich nach einem vernünftigen Ziel an.

Kompakt

Das Problem

Die Betriebswirtschaftslehre wird als Wissenschaft betrachtet, die dazu dient, Wirtschaftsunternehmen effizienter zu machen. Das zielgerichtete Streben nach Effizienz beeinträchtigt jedoch die Widerstandskraft von Unternehmen.

Die Ursache

Unternehmen, die durchweg effizienter arbeiten, vereinen einen immer größeren Anteil der Gewinne auf sich. So können sie den Markt stärker in ihrem Sinne beeinflussen. Mit der Zeit kommt es innerhalb einer Branche zur Konsolidierung, die von einem einzigen dominanten Geschäftsmodell getrieben wird. Eine solche Entwicklung birgt ein enormes Risiko von katastrophalen Fehlschlägen und erhöht die Wahrscheinlichkeit von Missbrauch.

Die Lösung

Manager, Regierungen und Bildungseinrichtungen müssen ihren Fokus deutlich stärker auf die Resilienz von Unternehmen legen. Dazu gehören die Begrenzung der Unternehmensgrößen sowie die Einführung von Hemmnissen im Welthandel und auf den Kapitalmärkten. Zudem sollten langfristig orientierte Anleger einen größeren Einfluss auf strategische Entscheidungen erhalten, Arbeitsplätze sollten mehr Qualifizierungsmöglichkeiten bieten und Bildungseinrichtungen sowohl Effizienz- als auch Resilienzdenken lehren.

Warum sollten wir nicht wollen, dass Manager danach streben, Ressourcen immer effizienter einzusetzen? Weil, wie ich darlegen werde, ein zu starker Fokus auf Effizienz erschreckend negative Auswirkungen haben kann. Und zwar in einem Ausmaß, dass supereffiziente Unternehmen das Potenzial für soziale Verwerfungen mit sich bringen. Dies kommt daher, dass die Vorteile, die durch Effizienz entstehen, mit ihrem Anstieg zunehmend ungleich verteilt werden.

Das hohe Maß an Spezialisierung führt zu einer immer größeren Marktmacht der effizientesten Unternehmen. Das Wettbewerbsumfeld wird so extrem riskant, und die hohen Gewinne fließen an eine kleiner werdende Zahl von Unternehmen und Menschen. Diese Entwicklung ist eindeutig nicht nachhaltig. Unternehmen, Regierungen und Bildungseinrichtungen müssen sich meiner Ansicht nach stärker auf eine weniger unmittelbare Quelle von Wettbewerbsvorteilen konzentrieren: auf Resilienz. (Lesen Sie dazu auch das Interview mit Ford-CEO Jim Hackett, "Darwin hat uns Demut gelehrt" .) Dies mag die kurzfristigen Gewinne durch Effizienz verringern. Es sorgt aber für ein langfristig stabileres und ausgeglicheneres Wettbewerbsumfeld. Im Folgenden werde ich beschreiben, wie eine auf Resilienz ausgerichtete Agenda aussehen könnte.

Um zu verstehen, warum ein unerbittlicher Fokus auf Effizienz so gefährlich ist, müssen wir zunächst unsere Grundannahmen darüber überprüfen, wie der Lohn wirtschaftlicher Aktivitäten verteilt ist.

Ungleiche Gewinnverteilung

Bei der Prognose wirtschaftlicher Ergebnisse wie der Einnahmen, der Gewinne und anderer gehen wir häufig davon aus, dass jeglicher Lohn auf der individuellen Ebene zufällig zustande kommt, quasi Glückssache ist. Das ist natürlich in Wirklichkeit nicht der Fall. Ob sich etwas auszahlt oder nicht, hängt von einer Menge Faktoren ab, nicht zuletzt von den Entscheidungen, die wir treffen. Aber diese Faktoren sind so komplex, dass wirtschaftliche Ergebnisse nach allem, was wir beurteilen können, genauso gut Glückssache sein könnten. Zufälligkeit ist eine vereinfachende Annahme, die zu dem passt, was wir beobachten.

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Wenn wirtschaftliche Resultate zufällig sind, so lehrt uns die Statistik, folgen sie der Gauß-Verteilung. Grafisch dargestellt zeigt sich, dass sich die große Mehrheit der Ergebnisse nah am Durchschnitt befindet. Je weiter wir uns davon nach links oder rechts entfernen, desto geringer wird die Anzahl. Manchmal wird dies auch als Normalverteilung bezeichnet, denn viele Dinge in unserer Welt folgen diesem Muster. Dazu gehören menschliche Merkmale wie Größe, Gewicht und Intelligenz. Wegen ihres Verlaufs wird diese Darstellung auch Glockenkurve genannt. Je mehr Daten ihr zugrunde liegen, desto mehr nähert sie sich einer Normalverteilung an.

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