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Vordenker-Serie: Reinhard Selten Der Vollblutwissenschaftler

Reinhard Selten wurde als bislang einziger Deutscher mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Seine gesamte Karriere hindurch forschte der Mathematiker über die Spieltheorie.
aus Harvard Business manager 5/2013
Foto: China Photos / Getty Images

Werk und Wirkung

Auch für einen Nobelpreisträger gibt es ungewöhnlich kniffelige Fragen. Als ein Interviewer Anfang der 2000er Jahre von Reinhard Selten wissen wollte, welcher seiner Wünsche noch unerfüllt sei, musste dieser passen: "Ich habe nicht die Gewohnheit, mir etwas zu wünschen", sagte der Wissenschaftler. "Darüber müsste ich nachdenken." Länger nachdenken, meinte er, viel länger, als es ein Gespräch zulassen würde. Dann lachte Selten, was nicht allzu häufig vorkam.

Keine Frage: Reinhard Selten war Wissenschaftler durch und durch. Er war Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler - und einer der profiliertesten Spieltheoretiker weltweit. Ein gründlicher, bedachter und bescheidener Mensch, der Aussagen ungern traf, bevor er ihre Richtigkeit überprüft hatte. Dessen Lebensinhalt sein Forschungs- und Wissensdrang war. "Süchtig nach Wissenschaft" betitelte die "FAZ" einen Artikel über ihn sehr treffend.

Profil

Student
Selten wurde 1930 in Breslau geboren. An der Goethe-Universität in Frankfurt am Main studierte er Mathematik und wurde dort promoviert. Er blieb zehn Jahre an der Hochschule, 1968 habilitierte er sich in Wirtschaftswissenschaften.

Professor
Nach einem Aufenthalt als Gastprofessor in Berkeley, Kalifornien, folgte Selten 1969 einem Ruf an die FU Berlin. Drei Jahre später wechselte er an die Universität Bielefeld, 1984 nach Bonn. Dort baute er das Laboratorium für experimentelle Wirtschaftsforschung auf, an dem er nach seiner Emeritierung weiter aktiv war. Selten sprach Esperanto und lebte mit seiner Frau in Königswinter bei Bonn. Er starb 2016 in Posen (Polen).

Selten drängte sich nicht gern in den Vordergrund, er ließ seine Arbeitsergebnisse für sich sprechen. Als Selten 1994 als erster und bislang einziger Deutscher mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, beschäftigte ihn eher seine eigene Aufregung als Stolz oder Genugtuung. Er habe sich sehr darauf konzentriert, in Anwesenheit des schwedischen Königs und inmitten der feierlichen Zeremonie nichts falsch zu machen, sagte er später.

Auf Anfrage des Harvard Business managers schrieb der Grandseigneur der Spieltheorie: "Eigentlich lehne ich es ab, auf irgendetwas stolz zu sein. Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz."

Mathematiker

Immerhin sieht er es so, dass er im Laufe seines Lebens an mehreren Revolutionen in der Wissenschaft beteiligt war: Dazu zählt er die Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften - insbesondere die Durchsetzung der Spieltheorie, die heute ein selbstverständlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Instrumentariums ist. Zudem hat er dazu beigetragen, dass die experimentelle Wirtschaftsforschung ein etablierter Zweig der Ökonomik geworden ist.

Die Spieltheorie beschäftigte Selten schon sein wissenschaftliches Leben lang: Er hat sowohl seine Diplomarbeit als auch seine Dissertation dem Thema gewidmet. Gedanklicher Ausgangspunkt dabei ist stets eine Konfliktsituation wie etwa beim Poker- oder Schachspiel, bei dem sich die Handlungen der Spieler beeinflussen. Mittels einer mathematischen Methode werden diese Situationen nachgebildet, wobei die Akteure entweder kooperieren oder nicht zusammenarbeiten. Die Erkenntnisse werden auf komplexe wirtschaftliche Probleme, aber auch politische Fragestellungen übertragen.

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Anfangs konzentrierte sich die Wissenschaft eher auf die kooperative Spieltheorie, bei der die Spieler bindende Abmachungen treffen können. Demgegenüber steht die nicht-kooperative Spieltheorie, die eine Gleichgewichtslösung untersucht, an die sich jeder Spieler aus Eigeninteresse hält. Für seine Erkenntnisse im Bereich der nicht-kooperativen Spieltheorie hat Selten den Nobelpreis erhalten. Auch wenn der Professor damit mehr erreicht hat als die meisten seiner Kollegen, dachte er nicht daran aufzuhören. Selten arbeitete an einem Konzept der eingeschränkten Rationalität (siehe "Ziele und Visionen").

Vorbilder und Wegbegleiter

John Harsanyi traf Selten in den 60er Jahren bei seinen Forschungssaufenthalten an der Universität Berkeley. Gemeinsam forschten sie über spieltheoretische Gleichgewichte und erarbeiteten eine allgemeine Lösungstheorie für nicht-kooperative Spiele. Harsanyi starb im Jahr 2000.

John Nash hat mit Harsanyi und Selten 1994 den Nobelpreis erhalten. Nash hatte schon Anfang der 50er Jahre gezeigt, dass es bei jedem endlichen Spiel eine Art Gleichgewicht gibt. 2012 veröffentlichte Nash zusammen mit Selten und zwei weiteren Forschern einen neuen Artikel: Sie untersuchten, wie Kooperation und faire Resultate entstehen können, wenn die Verhandlungsmacht ungleich verteilt ist. Das Ergebnis: Wer freiwillig Macht an gewählte Vertreter abgibt, fördert die Konfliktlösung und verhindert Missbrauch. Nash starb im Jahr 2015.

Axel Ockenfels, Experimentalforscher und Professor an der Universität Köln, war ebenfalls an dem Artikel beteiligt und gehörte zu Seltens Studenten. Er hatte die jüngsten gemeinsamen Arbeiten mit Nash und Selten initiiert.

Literatur

John F. Nash Jr., Rosemarie Nagel, Axel Ockenfels, and Reinhard Selten: "The agencies method for coalition formation in experimental games" 

John C. Harsanyi, Reinheard Selten: "A Generalized Nash Solution for Two-Person Bargaining Games with Incomplete Information" 

Ziele und Visionen

Nach den Worten Seltens muss sich die Spieltheorie ändern, da das menschliche Verhalten nicht so rational ist, wie lange angenommen wurde. "In der traditionellen Wirtschaftstheorie wird im Allgemeinen unterstellt, dass jeder ökonomische Akteur etwas maximiert - einen langfristigen Gewinn oder eine Nutzenfunktion. In der Praxis werden jedoch viele wichtige Entscheidungen getroffen, ohne dass auch nur der Versuch einer quantitativen Begründung gemacht wird", sagte Selten.

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Deshalb wollte er beschreiben, wie solche Entscheidungen tatsächlich zustande kommen. "Wir wollen ein empirisch begründetes Bild des menschlichen ökonomischen Entscheidungsverhaltens entwickeln. Wir sind dabei, dem Konzept der eingeschränkten Rationalität zum Durchbruch zu verhelfen."


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