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Vordenker-Serie: Peter Senge Lehrmeister für Organisationen

Peter Senge machte den Begriff der lernenden Organisation bekannt. Gut 30 Jahre nach Veröffentlichung seines Standardwerks zu dem Thema zollen ihm Kollegen und Praktiker noch immer Respekt für seine Erkenntnisse. Senge sagt, dass Führungskräfte nicht alles wissen können. In modernen, sogenannten lernenden Organisationen kommt es vielmehr auf starke Teams an.
aus Harvard Business manager 6/2011
Foto: imago stock&people

Werk und Wirkung

Meditieren gehört zu seinem Leben wie Forschen und Lehren: Jeden Morgen zieht sich Peter Senge, Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology, für mindestens eine Stunde zurück, um in sich zu gehen, am Abend reserviert er weitere 45 Minuten für die Meditation.

Die Idee für seinen Weltbestseller kam ihm ebenfalls in einer Stunde des Innehaltens: Zwar sei das Werk "Die fünfte Disziplin" das Ergebnis ausgedehnter Forschungsarbeiten von ihm und seinem Team, doch die Vision, die dazu führte, hatte er beim Meditieren, erzählte Senge später. Weil ihm bewusst wurde, dass die lernende Organisation eine neue Mode im Management werden könnte.

Profil

Umtriebiger Wissenschaftler
Geboren 1947, studierte Senge Luft- und Raumfahrttechnik sowie Philosophie an der Stanford University in Kalifornien. 1972 erwarb er seinen Master am renommierten Massachusetts Institute of Technology, 1978 promovierte er an der dortigen Sloan School of Management. Noch heute ist er Fakultätsmitglied. Senge hat die Society of Organizational Learning gegründet, die Ideen von Managern, Forschern und Beratern zusammenträgt.

Gefragter Botschafter

Senge hält weltweit Vorträge und arbeitet mit Führungskräften in namhaften Unternehmen, Verwaltungen, Gesundheitsorganisationen und aus der Politik zusammen. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel, die "Financial Times" zählt ihn zu den einflussreichsten Managementvordenkerns.

Zukunft selbst gestalten

Das alles passierte Ende der 80er Jahre, als die Idee eines sich weiterentwickelnden Unternehmens noch in den Kinderschuhen steckte. Senge knüpfte an die Studien des Harvard-Professors Chris Argyris an, der die zwischenmenschlichen Beziehungen am Arbeitsplatz in den 60er Jahren untersuchte.

Senge definierte eine lernende Organisation als Ort, "an dem Menschen erleben, dass sie ihre Realität und ihre Zukunft selbst schaffen" und "permanent lernen, wie sie gemeinsam dazulernen können". Der Ölkonzern Royal Dutch Shell war für Senge Vorbild für die lernende Organisation: Er erklärte den Erfolg der Firma in den 70er und 80er Jahren inmitten eines schwierigen Umfelds - die erdölfördernden Länder schlossen sich zusammen, der Ölpreis schwankte extrem - damit, dass es Shell gelang, tief verwurzelte Annahmen seiner Manager offenzulegen, sie zu hinterfragen und so Veränderungen zuzulassen.

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Das Team weiß alles

Senge, studierter Ingenieur mit einem abgeschlossenen Philosophiestudium und einem Doktor in Ökonomie, definierte fünf Parameter, die für das kontinuierliche Lernen von Organisationen notwendig sind: persönliche Visionen (persönliches Engagement und Erfolg, die sich bestenfalls auf das Unternehmen übertragen), ein bewusster Umgang mit mentalen Modellen (tief verwurzelte Annahmen, die unter Umständen infrage gestellt werden müssen), eine gemeinsame Vision (mit der sich alle identifizieren), Teamlernen (nicht der Chef weiß alles, sondern das Team) sowie Systemdenken als integrativer Faktor, der die anderen Disziplinen miteinander verknüpft.

Manager müssen forschen

Zu viele Führungskräfte glauben noch immer, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung im Unternehmen zu verstehen, kritisiert Senge. Das sei nahezu unmöglich, weil die Wirtschaft zu komplex geworden sei. Senge: "Manager von heute müssen Forscher sein, die ihre eigenen Unternehmen genau studieren. Sie müssen Gestalter sein, die jene Lernprozesse anstoßen, die Selbstorganisation erst ermöglichen und zu fruchtbaren Leistungen in einer sich ständig verändernden Welt führen." Der rasante technische Fortschritt unterstreiche dies.

Kritiker warfen Senge vor, seine Ideen seien völlig utopisch - und fügten spöttisch hinzu, dass dies angesichts seiner Studienjahre in den 60ern in Kalifornien kein Wunder sei. Dort beschäftigte er sich später mit fernöstlichen Philosophien. Doch Senge behielt mit seiner Annahme Recht: "Der einzige nachhaltige Wettbewerbsvorteil ist die Fähigkeit einer Organisation, schneller zu lernen als die Wettbewerber." Dem widerspricht heute wohl kaum jemand. Sein Buch hat sich mehr als eine Million Mal verkauft.

Vorbilder und Anhänger

Chris Argyris Der Harvard-Professor hat den Begriff der lernenden Organisation geprägt. Schon in den 50er Jahren widmete er sich der Frage, die sein Schaffen bestimmen sollte: Inwiefern beeinflusst eine Organisation ihre Mitarbeiter und wie stark ist sie von deren Leistung und Qualität abhängig? Argyris, Jahrgang 1923, gilt als einer der Begründer der Organisationsentwicklung. Er verstarb im November 2013.

Tom Peters Der Berater und Autor, der seinerseits als Managementguru gilt, bewundert Senge: "Er kam ... zu der brillanten Erkenntnis, dass Unternehmen lernende Organisationen sein müssen. Meine Forderung für 2001: Unternehmen müssen vergessende Organisationen sein." Peters wollte damit verdeutlichen, dass Organisationen sich von alten Überzeugungen oder Denkansätzen trennen müssen, um neue Wege einzuschlagen.

Arie de Geus Der langjährige Strategiechef von Royal Dutch Shell trieb die Idee der lernenden Organisation voran. Auch nach seiner Pensionierung 1989 beschäftigte er sich mit dem Thema und traf immer wieder mit Senge zusammen. Beide arbeiteten in der "Society for Organizational Learning" in Cambridge.

Ziele und Visionen

Revolution Nachhaltigkeit

In einem weiteren Buch wendet sich Senge einem Thema zu, das viele Wissenschaftler für sich entdeckt haben: die Nachhaltigkeit. Unter dem Titel "The Necessary Revolution" entwirft der Managementguru zusammen mit mehreren Koautoren eine Welt, in der Konzerne selbstverständlich mit Umweltverbänden kooperieren und in der umweltfreundliche Produkte und Prozesse günstiger sind als andere.

Vordenker der Ökonomie, Management-Theorie und Psychologie

Clayton Christensen und seine disruptive Innovation, die "Five Forces" von Michael Porter und die Management-Tipps von Linda Hill – die Ideen und Konzepte zahlreicher Vordenkerinnen und Vordenker haben die Management-Theorien geprägt. Lesen Sie hier die wichtigsten Ideen und Beiträge von Vordenkern wie Joseph Schumpeter, John P. Kotter, Peter Drucker und Herminia Ibarra.

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Wachstum und Begrenzung

Senge zeigt, dass sich seine Erkenntnisse zu Leadership und lernenden Organisationen auch auf dieses Thema anwenden lassen: In Systemen zu denken, Visionen zu kreieren oder in Organisationen zu lernen, hilft Führungskräften, das eigene Unternehmen umwelt- und sozialverträglicher zu gestalten. Ziel sollte es sein, die Firma als ein "auf Nachhaltigkeit bedachtes lebendes System zwischen Wachstum und Begrenzung" zu verstehen.

Senge ist sich allerdings bewusst, dass der Richtungswechsel den meisten Firmen schwerfallen dürfte. Nach wie vor identifizieren sich viele mit ihrem unmittelbaren Umfeld und ignorieren die globalen Interdependenzen.

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