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Nachhaltigkeit Revolution der Investoren

Institutionelle Anleger machen Ernst beim Thema Nachhaltigkeit. Aktiengesellschaften müssen ihnen jetzt Rechenschaft darüber ablegen, was sie für Umwelt und Gesellschaft tun.
aus Harvard Business manager 9/2019
Verlorenes Land: Eine Cree-Ureinwohnerin schaut über einen Streifen Land bei Fort McMurray, der einst zum traditionellen Jagdrevier ihres Stammes gehörte. Im Hintergrund leuchten Anlagen für den Ölsandabbau.

Verlorenes Land: Eine Cree-Ureinwohnerin schaut über einen Streifen Land bei Fort McMurray, der einst zum traditionellen Jagdrevier ihres Stammes gehörte. Im Hintergrund leuchten Anlagen für den Ölsandabbau.

Foto: IAN WILLMS / @IANWILLMS

Die meisten Topmanager haben verstanden, dass Unternehmen eine entscheidende Rolle dabei spielen müssen, dringende Probleme wie den Klimawandel anzugehen. Doch viele Führungskräfte glauben auch, dass Nachhaltigkeitsziele nicht im Sinne ihrer Aktionäre seien. Natürlich beteuern einige Investmentgesellschaften, wie wichtig ihnen Nachhaltigkeit sei. Aber in der Praxis sprechen Investoren, Portfoliomanager und Analysten die Topmanager von Unternehmen selten auf ESG-Themen an ("ESG" steht für "Environmental, Social and Governance" – Umwelt, Soziales und Unternehmensführung –Anm. d. Red.). In den Führungsetagen von Unternehmen herrscht überwiegend noch der Eindruck vor, dieser Bereich spiele bei Investoren bestenfalls eine Nebenrolle.

Das stimmt aber nicht mehr. Wir haben vor Kurzem 70 Topmanager bei 43 global agierenden institutionellen Investoren befragt und herausgefunden, dass ESG-Themen bei fast allen auf der Prioritätenliste ganz oben stehen. Unter den befragten Unternehmen waren auch die drei größten Vermögensverwalter der Welt, BlackRock, Vanguard und State Street, sowie große institutionelle Investoren wie die staatlichen Versorgungswerke California Public Employees' Retirement System (CalPERS), California State Teachers' Retirement System (CalSTRS) sowie die staatlichen Pensionsfonds von Japan, Schweden und den Niederlanden. Wir kennen keine andere Untersuchung, an der so viele Entscheider von so vielen der größten Investmentgesellschaften teilgenommen haben. Dabei haben wir herausgefunden, dass ESG-Themen für diese Führungskräfte so gut wie immer im Vordergrund standen.

Natürlich äußern Investoren schon seit Jahrzehnten Bedenken zum Thema Nachhaltigkeit. Aber dass sie tatsächlich etwas unternehmen, ist neu. Die meisten der Befragten in unserer Studie haben konkrete Maßnahmen beschrieben, mit denen ihre Unternehmen Nachhaltigkeitsthemen in ihre Anlagekriterien aufnehmen. Dabei ist deutlich geworden: Unternehmenslenker werden den Aktionären schon bald Rechenschaft über die ESG-Performance ablegen müssen – wenn sie das nicht sowieso schon tun.

"ESG-Themen haben für uns als langfristige Investoren enorm an Bedeutung gewonnen", sagt Cyrus Taraporevala, President und CEO von State Street Global Advisors, der Vermögensverwaltungssparte des US-Finanzdienstleisters State Street. Ähnliche Aussagen haben wir von vielen Interviewpartnern gehört. "Wir versuchen herauszufinden, wie sich wesentliche Faktoren wie das Klimarisiko, die Qualität der Kontroll- und Führungsorgane oder Cybersicherheit positiv oder negativ auf den finanziellen Wert auswirken. Diesen integrativen Ansatz verfolgen wir zunehmend bei all unseren Anlagen." (Hinweis: Robert C. Eccles hat State Street und andere in diesem Artikel erwähnte Institutionen beraten.)

Die Zahlen bestätigen, dass sich die Kapitalmärkte im Umbruch befinden. Als 2006 die von den Vereinten Nationen unterstützten Prinzipien für verantwortliches Investieren (UN Principles for Responsible Investment, UNPRI) ins Leben gerufen wurden, unterzeichneten 63 Investmentgesellschaften eine Verpflichtung, bei ihren Anlageentscheidungen künftig ESG-Kriterien zu berücksichtigen. Es handelte sich um Vermögensinhaber, Vermögensverwalter und Dienstleister, die zusammengenommen 6,5 Billionen Dollar verwalten. Bis April 2018 war die Zahl der Unterzeichner auf 1715 und das von ihnen verwaltete Vermögen auf 81,7 Billionen Dollar angewachsen. Einer FTSE-Russell-Umfrage von 2018 zufolge sind mehr als die Hälfte der Vermögensinhaber weltweit momentan damit beschäftigt, ESG-Kriterien in ihre Anlagestrategien zu integrieren, oder prüfen entsprechende Maßnahmen.

Dieser neuen Realität scheinen sich viele Unternehmenslenker noch nicht bewusst zu sein. Eine aktuelle Umfrage der Bank of America Merrill Lynch zeigt, dass amerikanische Manager massiv unterschätzen, wie viele ihrer Aktionäre mit nachhaltigen Anlagestrategien arbeiten. Die Manager taxierten den Anteil im Durchschnitt auf 5 Prozent, tatsächlich sind es rund 25 Prozent.

Der erste Schritt, um sich auf die veränderten Prioritäten einzustellen, ist ein Blick auf die Triebfedern dieser Entwicklung. Wenn Manager verstehen, warum ESG-Themen bei Investoren inzwischen einen so großen Stellenwert haben, können sie in ihren Unternehmen die nötigen Veränderungen anstoßen, um die langfristige Wertentwicklung für Aktionäre zu maximieren.

Was hinter dem Wandel steckt

In den vergangenen fünf Jahren ist das Interesse der Investoren an ESG-Themen immer stärker gewachsen. Sechs maßgebliche Faktoren haben diese Entwicklung vorangetrieben.

1. Größe der Gesellschaften

Die Branche der Vermögensverwalter ist stark konzentriert. Die fünf größten Gesellschaften halten 22,7 Prozent des extern verwalteten Vermögens, die Top Ten kontrollieren 34 Prozent. Führende Investmentgesellschaften sind heute so groß, dass sie die systemischen Risiken mit der modernen Portfoliotheorie allein nicht mehr ausreichend begrenzen können. Diese Theorie besagt, dass Investoren die Volatilität minimieren und die Rendite maximieren können, wenn sie in einem Investmentportfolio Anlageklassen mit unterschiedlichen Risikoeigenschaften kombinieren.

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Ein kleiner Vermögensverwalter kann sich gegen den Klimawandel und andere systemische Risiken absichern, indem er in Krisenanlagen wie Gold investiert oder in Aktien von Unternehmen, die von Krisen profitieren, etwa Hersteller von Notunterkünften. Investmenthäuser, die Vermögen im Wert von mehreren Billionen Dollar verwalten, können sich aber nicht mehr gegen die Weltwirtschaft absichern. Sie sind zu groß geworden, als dass sie den Planeten vor die Wand fahren lassen könnten.

Außerdem sind Großinvestoren wie Pensionsfonds gezwungen, eine langfristige Perspektive einzunehmen, denn sie haben langfristige Verpflichtungen: Sie müssen die Auszahlung von Renten und Pensionen für die nächsten 100 Jahre planen. Hiro Mizuno, der Investmentchef des 1,6 Billionen Dollar schweren staatlichen Pensionsfonds in Japan, sagt: "Wir sind ein klassischer Universaleigentümer mit generationsübergreifenden Verpflichtungen; daher haben wir zwangsläufig eine langfristige Perspektive."

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