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Jamie Dimon im Interview "Manager kennen nicht alle Antworten"

Die "New York Times" bezeichnete Jamie Dimon einst als "Amerikas am wenigsten gehassten Banker". Besser geht's nicht für einen Titanen der Wall Street. Ein Gespräch über soziale Verantwortung, CEO-Aktivismus und das Geheimnis guter Führung.
Das Interview führte Adi Ignatius
aus Harvard Business manager 11/2018
Jamie Dimon ist CEO und Chairman von JPMorgan Chase.

Jamie Dimon ist CEO und Chairman von JPMorgan Chase.

Foto: Michael Reynolds / picture alliance/dpa/epa

Harvard Business manager: Die öffentliche Meinung von der Wall Street ist immer noch ziemlich negativ. Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, das zu verbessern?

Jamie Dimon : Es ist schwer, diese Wahrnehmung zu verändern, weil Banken nun mal anders sind als andere Unternehmen. Wenn Sie in einen Walmart gehen und Geld in der Tasche haben, dann verkaufen sie dir etwas. Aber Banken müssen Menschen abweisen. Wir gewähren den Kredit nicht. Oder wir geben Ihnen zwar einen Kredit, erzählen Ihnen aber, dass Sie praktisch Ihren Erstgeborenen verkaufen müssen, um den Vertrag zu erfüllen. Jeder kennt solche Horrorgeschichten. Wir müssen unseren Job machen, unsere Kunden gut behandeln, und dann ergibt sich unser Ruf schon.

Hat das schlechte Ansehen der Branche Folgen?

Ja. Teile dieser negativen Wahrnehmung haben die Banken sich während der Finanzkrise 2008 wohlverdient. Nicht alle Banken waren für das Scheitern und den Abschwung der Wirtschaft verantwortlich, aber wir wurden alle über einen Kamm geschoren: "Das sind doch alles Bonzen, die mit Steuergeldern gerettet werden mussten." Es wird eine Generation dauern, um den Ruf der Branche wiederaufzubauen.

Profil

Der Manager

Jamie Dimon (62) steht seit mehr als zwölf Jahren an der Spitze von JPMorgan Chase, er ist CEO und Chairman. Er hat einen MBA der Harvard Business School. Dimons Ruf nahm 2012 Schaden, als ein Händler im britischen Büro von JPMorgan eine Reihe von Derivatgeschäften machte, die zu einem Verlust von 6,2 Milliarden US-Dollar führten. In einem Brief an die Shareholder bezeichnete Dimon diese Episode als "die dümmste und peinlichste Situation, in der ich jemals war".

Die Bank

JPMorgan Chase hat die Finanzkrise von 2008 besser überstanden als die meisten anderen amerikanischen Banken. Das Geldinstitut musste aber ebenfalls Rettungsmilliarden der US-Regierung annehmen, die für Banken in ernsthaften Krisen gedacht waren. Unter Dimons Ägide ist die Bank konsequent gewachsen. Fast jeder Geschäftsbereich wurde erweitert. Der Gewinn von 24,7 Milliarden Dollar (Einnahmen: 95,7 Milliarden Dollar) im Jahr 2016 gilt als der höchste, der jemals von einer amerikanischen Bank erzielte wurde.

Weitaus mehr Vermögen konzentriert sich seitdem bei nur wenigen US-Banken. Ist das okay?

Ja, ich denke schon. Die Menschen müssen das rational sehen. In den USA ist die Bankbranche weitaus weniger konzentriert als in vielen anderen Ländern: Japan, Frankreich, Großbritannien. Wenn Sie global und diversifiziert sind, dann müssen Sie groß sein. Es ist schwer mitzuhalten, wenn Sie keine Größenvorteile haben.

Heißt das, "Too big to fail" ist ein sinnloses Konzept?

Niemand will Banken, die zu groß zum Scheitern sind – wenn das Ergebnis des Scheiterns ist, dass die Menschen dafür bezahlen müssen oder es mit der Wirtschaft bergab geht. Einem Unternehmen sollte es aber erlaubt sein, pleitezugehen, wenn das für die Wirtschaft nicht gefährlich wird und nicht die Steuerzahler dafür aufkommen müssen.

Haben die seit der Finanzkrise eingeführten Gesetze dabei geholfen?

Die neuen Eigenkapitalregulierungen sind gut. Heute müsste Lehman Brothers (das während der Krise von 2008 zusammenbrach – Anm. d. Red.) dreimal mehr Eigenkapital und viermal mehr Liquidität vorhalten – und wenn das Unternehmen in Schwierigkeiten geriete, würde es wahrscheinlich nicht abstürzen. Heute haben die Regulierungsbehörden einen Mechanismus, Dinge geordnet abzuwickeln, wenn eine Bank bankrottgeht. Außerdem werden die Verluste auch der Bank rückbelastet, nicht der amerikanischen Bevölkerung.

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Sind Sie mit den geltenden Regulierungen im Allgemeinen zufrieden?

Um das deutlich zu sagen, keine große Bank möchte den Dodd-Frank-Act zur Förderung der Finanzmarktstabilität abschaffen und alles umschreiben. Einige der Regulierungen sind tatsächlich gut: Stresstests, Sanierungs- und Abwicklungspläne, Transparenz. Aber andere Aspekte waren übertrieben und unkoordiniert. Wenn wir diese Dinge ändern können – durch Justierung und Beseitigung von Überschneidungen –, werden wir ein sichereres System haben, das Wachstum besser finanziert.

Das größte Risiko für das System sind heutzutage wahrscheinlich Cyberattacken. Wie gut ist JPMorgan Chase darauf vorbereitet?

Wir geben in diesem Bereich 700 Millionen Dollar pro Jahr aus. Dennoch, egal wie gut Sie sind, Ihr Gegner ist auch gut. Es ist ein Wettrüsten. Wir arbeiten eng mit der Regierung zusammen, aber wir müssen mehr tun – und das schnell.

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