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Präsentismus Krank am Arbeitsplatz

Viele Mitarbeiter schleppen sich regelmäßig mit Allergien, Migräne und Rückenschmerzen zur Arbeit. Weil dadurch die Produktivität stark sinkt, sollten Unternehmen Ausgaben für das Gesundheitsmanagement als lohnende Investition und nicht als überflüssige Kosten betrachten.
aus Harvard Business manager 1/2005

Illustration: Patrick Mariathasan für Harvard Business Manager

Amy Farler, zuständig für die Entwicklung von Getriebekomponenten bei International Truck and Engine, litt jahrelang im Stillen. Ab und zu fehlte sie einen Tag, wenn sich der allergiebedingte Schmerz in der Stirnhöhle zu einer echten Migräne steigerte. Doch überwiegend ging sie zur Arbeit und lebte ohne zu klagen mit dem Schmerz und Unwohlsein als Folge ihrer Allergien.

"Manchmal ist es so schlimm, dass man gar nichts dagegen hätte, wenn einem der Kopf abfiele", sagt die 31-jährige Ingenieurin, die den Großteil ihres Arbeitstages mit 3-D-Modellen vor dem Computer verbringt. "Man fühlt sich wie benebelt. Am liebsten möchte man wegen des Drucks im Kopf die Augen schließen. Es ist schwer, sich zu konzentrieren. Und letztlich schleppt man sich nur irgendwie durch den Tag."

Woody Allen sagte einmal, für 80 Prozent des Erfolges im Leben sei allein Anwesenheit entscheidend. Doch eine zunehmende Zahl von Studien zeigt, dass diese sarkastische Einschätzung – zumindest am Arbeitsplatz – wohl etwas optimistisch ist. Laut Fachleuten kann die Produktivität des Einzelnen durch Präsentismus – Beschäftigte kommen zur Arbeit, aber auf Grund von Krankheit oder anderen medizinischen Indikationen sind sie nicht voll einsatzfähig – um ein Drittel oder sogar um mehr gemindert werden.

Tatsächlich scheint Präsentismus ein weitaus kostspieligeres Problem zu sein als sein bekanntes Gegenstück, der Absentismus. Und im Gegensatz zu Absentismus ist Präsentismus nicht immer klar erkennbar: Es ist offensichtlich, wenn jemand nicht am Arbeitsplatz ist, aber es lässt sich oft nicht sagen, wann – oder wie oft – eine Krankheit oder medizinische Indikation die Leistung eines Mitarbeiters beeinträchtigt. "Nach außen hin sieht man zwar gut aus", sagt Farler, die über die Jahre eine Vielzahl an verschreibungspflichtigen und rezeptfreien Medikamenten gegen ihre Allergien ausprobierte, allerdings mit nur geringem Erfolg. "Die Leute sehen aber nicht, wie es einem wirklich geht."

Eine Hand voll Unternehmen – darunter International Truck and Engine, Bank One (kürzlich durch J. P. Morgan Chase übernommen), Lockheed Martin und Comerica – haben das Problem des Präsentismus erkannt und versuchen, etwas dagegen zu tun. Dazu müssen Manager zunächst herausfinden, wie verbreitet bestimmte Krankheiten und medizinische Probleme sind, die die Arbeitsleistung der Mitarbeiter schmälern.

Es gilt, den damit verbundenen Produktivitätsverlust zu berechnen und kostengünstig zu bekämpfen. Das ist ein neues Forschungsgebiet. Deshalb sind noch Fragen zu vielen Themen offen, einschließlich der zentralen Frage: In welchem exakten Ausmaß beeinträchtigen verschiedene Krankheiten die Produktivität? Doch Fachleute entdecken immer verlässlichere Wege, um dies zu messen. Und viele von ihnen sind der Ansicht: Präsentismus kostet die Firmen jedes Jahr Milliarden.

Dabei gibt es immer mehr Anhaltspunkte, dass mit relativ geringen Investitionen in Mitarbeiterauswahl, Behandlung und Ausbildung erhebliche Produktivitätsgewinne erreicht werden können.

International Truck and Engine nahm an einer Studie teil, die untersuchte, wie Allergien die Beschäftigten des Unternehmens beeinflussen. Die Firma bot interessierten Mitarbeitern in ihrem Lkw-Entwicklungs- und Technologiecenter in Fort Wayne, Indiana, eine kostenlose Beratung bei einem Allergiespezialisten an.

Auch Amy Farler nahm diese Beratung wahr. Nach der Konsultation des Experten beschloss sie, die Meinung eines weiteren Allergologen einzuholen. Der stellte endgültig fest, dass ihre Krankheit in der Vergangenheit falsch diagnostiziert worden war: Sie reagierte nicht nur allergisch auf Traubenkrautpollen, sondern auch auf Hausstaubmilben. Diese Allergie war die Ursache dafür, dass die Symptome das ganze Jahr hindurch nicht abklangen.

Der Arzt verschrieb eine Kombination aus Medikamenten, die Farlers Zustand deutlich verbesserten. Auch wenn sie während der Hauptheuschnupfensaison noch immer einige Probleme hat, fühlt sie sich nun die meiste Zeit gut. "Ich weiß jetzt besser über meine Krankheit Bescheid und kann mich auch besser konzentrieren", sagt Farler. Sie selbst schätzt, dass ihre Produktivität vor der richtigen Diagnose möglicherweise um bis zu 25 Prozent verringert war.

Erfahrungen dieser Art werfen umfassende Fragen auf hinsichtlich der umfangreichen gegenwärtigen Bemühungen, die Gesundheitskosten einzudämmen.

Könnte es sein, dass Unternehmen beispielsweise durch den Versuch, die direkten Kosten zu reduzieren, indem sie Leistungen für die Arbeitnehmer kürzen, an der falschen Stelle sparen und diese Einsparungen durch indirekte Kosten auf Grund reduzierter Produktivität zunichte gemacht werden? Oder andersherum: Machen sich gezielte Investitionen in die Behandlung bestimmter weit verbreiteter Krankheiten durch Produktivitätsgewinne am Ende mehr als bezahlt?

Chronische Leiden

Bei Präsentismus handelt es sich, laut Definition, nicht um Simulation (also vorzugeben, krank zu sein, um sich seinen Pflichten bei der Arbeit zu entziehen) oder Müßiggang bei der Arbeit (im Internet surfen, wenn man beispielsweise einen Bericht fertig stellen sollte). Der Begriff – der inzwischen gebräuchlich ist, obwohl manche Wissenschaftler ihn für nicht anschaulich genug halten – bezieht sich auf Produktivitätsverluste auf Grund tatsächlicher Gesundheitsprobleme.

Den Forschungen über Präsentismus liegt die Annahme zu Grunde, dass die Mitarbeiter ihren Job nicht auf die leichte Schulter nehmen und die meisten von ihnen weiterarbeiten müssen und wollen, wenn es irgendwie geht. "Wir reden über Menschen, die sich zur Arbeit schleppen, obwohl sie krank sind, und die versuchen, trotz ihrer Symptome ihre Arbeit zu erledigen", sagt Debra Lerner, Professorin an der Tufts University School of Medicine in Boston. Ihrer Meinung nach ist Präsentismus in harten Wirtschaftszeiten noch verbreiteter, da die Menschen Angst haben, ihren Job zu verlieren. "Würde jeder Mitarbeiter jedes Mal zu Hause bleiben, wenn ein chronisches Leiden aufflammt, würde die Arbeit nie erledigt werden." Dass einige Manager Zweifel hinsichtlich der Arbeitseinstellung ihrer Beschäftigten hegen, ist einer der Gründe für die fortwährenden Bemühungen der Forscher, ihre Ergebnisse mit noch mehr Beweisen zu untermauern.

Viele der medizinischen Probleme, die zu Präsentismus führen, sind ihrer Natur nach relativ harmlos – ernstere Erkrankungen zwingen Menschen dagegen häufig, für einen längeren Zeitraum von der Arbeit fern zu bleiben. Deshalb konzentriert sich die Forschung über Präsentismus auf chronische oder in regelmäßigen Abständen wiederkehrende Leiden wie saisonale Allergien, Asthma, Migräne, Rückenschmerzen, Arthritis, Magen-Darm-Erkrankungen und Depressionen. Schwerwiegendere Krankheiten wie Herzinsuffizienz oder Krebs, die kostspielige Behandlungen erfordern und die Menschen für gewöhnlich erst in fortgeschrittenem Alter treffen, sind die größten Verursacher der direkten gesundheitsbezogenen Kosten der Unternehmen – das heißt, die Prämien, die ein Unternehmen an eine Versicherung zahlt oder, wenn die Firma selbst versichert ist, die Ansprüche, die für medizinische Versorgung und Medikamente gezahlt werden.

Wenn Menschen trotz Krankheit zur Arbeit gehen, verursachen sie weitaus geringere direkte Kosten, sind allerdings gewöhnlich für höhere Produktivitätsverluste verantwortlich, da diese Krankheiten weit verbreitet sind, oftmals nicht behandelt werden und typischerweise im besten Arbeitsalter auftreten. Diese indirekten Kosten waren lange Zeit größtenteils unsichtbar für Arbeitgeber.

Krankheit beeinflusst sowohl das Arbeitspensum (Leute arbeiten beispielsweise langsamer als sonst oder müssen Dinge zweimal tun) als auch die Qualität der Arbeit (es werden mehr – oder schwerwiegendere – Fehler gemacht). Nicht behandelte Allergien wie die von Amy Farler können unter anderem die Konzentrationsfähigkeit mindern.

Das Unwohlsein bei Magen-Darm-Erkrankungen durch weit verbreitete, aber nur selten angesprochene Beschwerden – wie zum Beispiel das Reizdarmsyndrom und Gastroösophageale Refluxkrankheit (regelmäßiger Rückfluss von Magensaft, auch bekannt unter dem Begriff Sodbrennen) – beeinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit dauerhaft. Depressionen führen unter anderem zu Müdigkeit und Gereiztheit, worunter die Teamfähigkeit der Betroffenen leidet. Arthritis erschwert die manuelle Arbeit.

Sicherlich haben unterschiedliche Beschwerden unterschiedliche Auswirkungen auf unterschiedliche Tätigkeiten. Während Depressionen die Leistung eines Automechanikers vielleicht nicht ernsthaft beeinträchtigen, ist dies bei Schmerzen im Rücken sehr wohl der Fall. Ein schmerzender Rücken ist vielleicht kein großes Problem für einen Versicherungsmakler, Depressionen aber wahrscheinlich schon. In beiden Fällen ist das Resultat eine signifikante Verringerung der Arbeitsleistung.

Unsichtbare Kosten

Gut dokumentierte Studien der vergangenen Jahre beschäftigten sich mit Schätzungen der Kosten einiger weit verbreiteter Krankheiten in der Arbeitswelt der Vereinigten Staaten. Zwei Artikel, die 2003 im "Journal of the American Medical Association" veröffentlicht wurden, berichteten, dass Depressionen die US-Arbeitgeber jährlich ungefähr 35 Milliarden Dollar auf Grund verringerter Arbeitsleistung kosten. Bei Schmerzerkrankungen wie Arthritis, Kopfschmerzen und Rückenproblemen belief sich die Summe auf beinahe 47 Milliarden Dollar.

"Schmerzen, gleich welcher Ursache, werden immer zu verlorener Arbeitszeit führen", sagt der Hauptautor der Studien, Walter F. Stewart, Direktor am Center for Health Research & Rural Advocacy am Geisinger Health System in Danville, Pennsylvania.

Forscher versuchten außerdem, die Auswirkungen von Krankheiten auf die Arbeitsplatzproduktivität ganz allgemein zu messen. Mit den gleichen Methoden, die für die Kostenabschätzung bei Depressionen und Schmerzen angewendet wurden, führten sie mehr als ein Jahr lang eine Telefonumfrage bei 29 000 Arbeitnehmern durch. Diese Studie wurde "American Productivity Audit" genannt. Stewarts Forschungsteam fand heraus, dass sich die Kosten für das Präsentismusphänomen in den Vereinigten Staaten auf über 150 Milliarden Dollar jährlich belaufen. Ferner belegen die meisten Studien, dass Präsentismus weitaus kostspieliger ist als krankheitsbedingtes Fehlen oder Arbeitsunfähigkeit.

Die beiden genannten Artikel aus dem "Journal of the American Medical Association" belegen beispielsweise, dass der Produktivitätsverlust auf Grund von Depressionen und Schmerzen bei betroffenen Mitarbeitern, die zur Arbeit kamen, annähernd drei Mal so hoch war wie der Produktivitätsverlust durch Fehltage, die diesen Krankheitsbildern zugeschrieben wurden. Das bedeutet: Tatsächlich wurde weniger Zeit dadurch verloren, dass Mitarbeiter zu Hause blieben, als dadurch, dass sie zur Arbeit kamen, aber nicht ihre gewohnte Leistung erbrachten.

Wichtiger – aber umstritten – ist, dass Präsentismus die Unternehmen erheblich mehr zu kosten scheint als die direkten Ausgaben für ärztliche Behandlung und Medikamente. Aus den Studien geht hervor, dass Präsentismus die Arbeitgeber in der Regel zwei- bis dreimal so viel kostet wie die medizinische Behandlung, die von den Unternehmen in Form von Versicherungsprämien oder Ansprüchen der Mitarbeiter gezahlt wird.

Es muss hier allerdings angemerkt werden, dass viele Studien über Präsentismus, obgleich sie von Wissenschaftlern oder Gesundheitsmanagementberatern durchgeführt werden, von Pharmaunternehmen initiiert und finanziert werden. Sie erhoffen sich, so zeigen zu können, dass es sich lohnt, für bestimmte Medikationen zu bezahlen, da sie die Krankheitssymptome lindern und damit die Arbeitsleistung der Mitarbeiter verbessern.

Wenngleich die Ergebnisse der Untersuchungen bemerkenswert sind, bleiben sie so lange rein akademisch, bis ein Unternehmen die Auswirkungen von Krankheit auf die Produktivität seiner eigenen Mitarbeiter näher untersucht. Bank One beispielsweise kalkulierte seine direkten und indirekten Gesundheitskosten und fand heraus, dass die direkten Kosten nur einen Bruchteil der Gesamtkosten des Unternehmen in diesem Bereich darstellten (siehe Grafik "Die versteckten Kosten").

Comerica, eine andere große Bank, analysierte die Auswirkungen des Reizdarmsyndroms, eine häufig unerkannte, unter Frauen weit verbreitete Krankheit, auf den Präsentismus. Das Unternehmen entdeckte, dass mindestens 10 Prozent seiner überwiegend weiblichen Belegschaft von 11 800 Mitarbeitern an der Krankheit litten, deren Symptome unter anderem schmerzhafte Unterleibskrämpfe sein können.

Die Studie – finanziert von Novartis, dem Hersteller von Zelnorm, einem Medikament gegen das Reizdarmsyndrom – belegte, dass akute Beschwerden die Arbeitsproduktivität von Arbeitnehmern in mittleren und leitenden Positionen um ungefähr 20 Prozent reduzierten. "Die Leute kommen zur Arbeit, aber auf Grund der Schmerzen – ganz zu schweigen von den häufigen Gängen zur Toilette – sind sie einfach nicht sehr produktiv", sagt David Groves, Vice President für das Gesundheitsmanagement im Unternehmen.

In anderen Unternehmensstudien wurden die Auswirkungen individueller Krankheiten, von Arthritis bis hin zu Allergien, bewertet, da sie oftmals ein Problem einer bestimmten Belegschaft zu sein scheinen. Es gibt eine Reihe von Beispielen, wie saisonale Allergien die Produktivität reduzierten (siehe Kasten "Der heimliche Feind der Produktivität").

Manche Firmen versuchen, alle Krankheiten, die das Arbeitskräftepotenzial reduzieren, in den Griff zu bekommen. Lockheed Martin führte eine Pilotstudie mit 1600 seiner 25 000 Mitarbeiter durch, in der die Auswirkungen von mehr als einem Dutzend chronischer Krankheitsbilder untersucht wurden. Mit Hilfe eines detaillierten Fragebogens, mit dem festgestellt werden sollte, wie verschiedene Krankheiten die körperliche und geistige Fähigkeit der Mitarbeiter, ihre Arbeit zu erledigen, beeinträchtigten, identifizierte das Unternehmen versuchsweise, in welchem Maße jedes der unterschiedlichen Krankheitsbilder die Produktivität reduzierte (siehe Tabelle "Die Präsentismuskosten überblicken").

Ein junges Forschungsfeld

Produktivität, von jeher ein schwer fassbares Konzept, ist insbesondere in der heutigen Zeit mit unserer postindustriellen Wirtschaft schwer zu messen, weil so vieles, was wir produzieren, nicht in Zahlen belegbar ist. Deshalb sind Forscher dazu übergegangen, Fragebögen an die Mitarbeiter zu verteilen, um herauszufinden, ob sie an einer Erkrankung leiden und, wenn ja, wie stark diese ihre Leistung beeinträchtigt. Mindestens ein halbes Dutzend Messinstrumente werden derzeit verwendet. Jedes davon betrachtet das Problem der verringerten Produktivität aus einem leicht anderen Blickwinkel.

Ein von Walter F. Stewart entwickelter Fragebogen, der im American Productivity Audit angewendet wurde, fragt Arbeitnehmer, wie viel produktive Arbeitszeit sie auf Grund medizinischer Indikationen ihrer Meinung nach verloren haben. Ein anderer, entwickelt von Ronald Kessler, einem Professor an der Harvard Medical School, fragt die Arbeiter nach ihrer Gesamtleistung. Dieser Fragebogen wurde von der Weltgesundheitsorganisation übernommen und wird Anfang 2005 in zwei großen regionalen Studien Anwendung finden, die von Wirtschaftsverbänden im Mittleren Westen und dem Südosten der Vereinigten Staaten finanziert werden.

Ein drittes Instrument, von Debra Lerner bei Tufts entwickelt, betrachtet die verschiedenen Wege, wie eine Krankheit die Arbeitsfähigkeit eines Arbeitnehmers beeinträchtigen kann und wie die Kombination daraus die unterschiedlichen Berufe trifft. Es wird von vielen wissenschaftlichen Forschern, Pharmaunternehmen und Arbeitgebern – zum Beispiel in der Pilotstudie von Lockheed – verwendet.

Diese und andere Forschungsansätze haben zu unterschiedlichen Einschätzungen der Produktivitätsverluste bei der Arbeit geführt. Gemäß einer kürzlich durchgeführten Bewertung der bisherigen Forschungsergebnisse reichen diese Schätzungen von weniger als 20 Prozent der Gesamtaufwendungen eines Unternehmens für Gesundheit bis zu mehr als 60 Prozent. Ohne ein Standardmessinstrument "gibt es große Verwirrung, was wir überhaupt messen", gibt Stewart zu. Und es gibt andere Schwachstellen in der Forschung. Ein relativ geringes Nachlassen der Leistung eines Einzelnen kann sich beispielsweise schleichend auf ein ganzes Team auswirken. Die Gruppe kann möglicherweise Termine nicht einhalten, weil das kränkelnde Mitglied ein Treffen ausfallen lassen muss. Und Forscher haben immer noch mit Problemen zu kämpfen, wie sie etwa den relativen Effekt einzelner Krankheiten auf die Arbeitsproduktivität bei Mitarbeitern messen sollen, die an mehreren Krankheiten leiden.

Viele Führungskräfte – und auch einige Wissenschaftler, die sich mit diesem Forschungsgebiet beschäftigen – hüten sich davor, Umfragen einzusetzen, um Daten über Präsentismus zu sammeln, und misstrauen den aktuellen beträchtlich ausfallenden Schätzungen der Präsentismuskosten. Dazu gehören auch Finanzvorstände und die Verantwortlichen für die Abrechnung von Sozialleistungen, die es gewohnt sind, die Krankheitskosten bis auf den Pfennig genau auszurechnen. "Es gibt schon Skeptiker", gibt Sean Sullivan zu, Präsident des Institute for Health and Productivity Management, einer Organisation, der große Arbeitgeber, Gesundheitsdienstleister, Pharmakonzerne und andere Gruppen angehören, die an der Beziehung zwischen Arbeitnehmergesundheit und Geschäftserfolgen interessiert sind. "Sie sagen: 'Zeigen Sie mir konkrete Daten.' Doch in der modernen Wirtschaft haben wir schlichtweg immer weniger konkrete Daten."

Der heimliche Feind der Produktivität

Ein Produktivitätskiller. Es ist eine Erkrankung, die auf den Radarschirmen der Gesundheitsvorsorge der meisten Arbeitgeber nicht auftaucht. Denn für diese Krankheit werden nicht viele Ansprüche geltend gemacht. Betroffene nehmen oft nicht erstattungsfähige, rezeptfreie Medikamente. Viele gehen deshalb nicht zum Arzt. Nur wenige werden wegen dieser Symptome in ein Krankenhaus eingewiesen. Doch am entscheidendsten: Nur wenige bleiben zu Hause, wenn diese Krankheit sie befällt.

Doch saisonal bedingte allergische Rhinitis, gemeinhin bekannt als Heuschnupfen, wird von Forschern üblicherweise als eine ernst zu nehmende Ursache von Präsentismus – dem Rückgang der Arbeitsproduktivität der Mitarbeiter auf Grund von Erkrankungen und Beschwerden – angesehen. Saisonal bedingte Allergien haben starke Auswirkungen auf die Produktivität einer Belegschaft. Nicht etwa, weil sie die Leistung eines Einzelnen so gravierend beeinträchtigen, sondern weil sie so weit verbreitet sind. Auch wenn die Schätzungen auseinander gehen, sind circa 25 Prozent der US-Bevölkerung während der Pollensaison im Frühjahr und im Herbst von dieser Erkrankung betroffen.

Schwer wiegende Folgen einer harmlosen Krankheit. Die negativen Auswirkungen der allergischen Symptome – juckende Nase, Niesen, verstopfte Nase – auf die Leistung von Mitarbeitern wurde in einer Vielzahl von Studien belegt. In einer Untersuchung, an der 630 Angestellte eines Callcenters von Bank One in Elgin, Illinois, teilnahmen, wurde allergiebegründeter Präsentismus anhand so objektiver Daten gemessen wie der Zeit, die ein Angestellter für jeden Anruf brauchte. Während der Hauptsaison für Traubenkrautpollen war die Produktivität der Allergiebetroffenen um 7 Prozent geringer als die Produktivität der Kollegen, die nicht an Allergien litten. Zu Zeiten, in denen Traubenkraut kein Problem darstellte, war die Produktivität der beiden Gruppen ungefähr gleich (siehe Grafik "Mehr Pollen, weniger Produktivität"). "Die Arbeitsleistung der Mitarbeiter kann sinken, auch wenn sie nicht krank zu Hause bleiben", sagt Dr. Wayne Burton, der die Studie als Senior Vice President und Medizinischer Direktor bei Bank One leitete. "Es reicht eine laufende Nase, um die Produktivität zu verringern."

In einer anderen Studie, für die mehr als 10 000 Mitarbeiter an sechs Standorten der Firma International Truck and Engine im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten befragt wurden, sank die von den Mitarbeitern angegebene Produktivität in einigen Bereichen, wenn die Allergiesymptome den Angaben der Mitarbeiter zufolge zunahmen (siehe Grafik "Je schlimmer die Symptome, desto größer der Verlust").

Die weite Verbreitung saisonal bedingter Allergien kann zu erheblichen Gesamtverlusten bei der Produktivität führen. In einer Pilotstudie über die Auswirkungen von 28 bestimmten Erkrankungen auf den Präsentismus bei Lockheed Martin, wurden die Kosten für Allergien und Stirnhöhlenprobleme auf insgesamt 1,8 Millionen Dollar für eine Belegschaft von 25 000 Mitarbeitern geschätzt. "Dies ist ein Problem, über das man oft nicht nachdenkt", sagt Dr. Pamella Thomas, Direktorin für Wellness und Gesundheit des Unternehmens. "Mir hat die Studie die Augen geöffnet."

Was hilft? Ein wichtiger Punkt in der Allergieforschung ist es, zu bestimmen, wie Medikamente die Beschwerden lindern können. In der Bank-One-Studie lag die Produktivität der von Allergien betroffenen Angestellten, die keine Medikamente einnahmen, um 10 Prozent unter der der Kollegen ohne Allergien, während diejenigen, die Medikamente nahmen, eine lediglich um 3 Prozent geringere Leistung erbrachten. In den meisten Fällen werden nicht sedierende Antihistaminika als beste Medikation empfunden. Obgleich sie teurer sind und nicht bei allen Allergiebetroffenen helfen, sind so genannte nicht steroidale Antiphlogistika (NSA) im Allgemeinen besser als Antihistaminika der ersten Generation, die müde machen und kognitive und motorische Funktionsstörungen hervorrufen können – und somit nachweislich die Produktivität verringern. (Die Studien von Bank One und International Truck and Engine wurden beide finanziell von Schering-Plough unterstützt, dem Hersteller von Claritin, einem nicht sedierenden Allergiemedikament, das seit 2002 rezeptfrei erhältlich ist.) Forscher sehen Potenzial, die Produktivität in Unternehmen zu verbessern, indem Mitarbeiter über geeignete Medikationen aufgeklärt und dazu gebracht werden, die Tabletten, die der Arzt ihnen verschreibt oder empfiehlt, auch zu nehmen. Die Bank-One-Studie ergab, dass beinahe ein Viertel der Allergiebetroffenen überhaupt keine Allergiemedikamente nahm. Diese Studie besagte auch, dass sich die Übernahme der Kosten für nicht sedierende Antihistaminika für Allergiebetroffene durch die Unternehmen (ein Betrag von ungefähr 18 Dollar wöchentlich, für Tabletten wie zum Beispiel das inzwischen rezeptfreie Claritin) angesichts der Produktivitätsgewinne lohnen würde (ungefähr 36 Dollar pro Woche bei einem durchschnittlichen Wocheneinkommen eines Callcenter-Mitarbeiters von 520 Dollar).

Die Ergebnisse auswerten

Trotz der Skepsis – und obgleich die Präsentismusforschung noch eine junge Disziplin ist und die Messmethoden für Produktivitätsverlust ständig neu bewertet werden – konnten in jüngster Zeit Erfolge verzeichnet werden, die die Forschungsergebnisse stützen. Dazu gehört etwa die Auswertung von freiwilligen Mitarbeiterinformationen, die Art von Daten, die am häufigsten verwendet werden, um das Präsentismusphänomen zu messen. So fand man beispielsweise heraus, dass die Einschätzungen der Mitarbeiter zu Produktivitätsverlusten aus dem Fragebogen von Stewart, Keller und Lerner mit den Produktivitätsdaten der jeweiligen Firmen übereinstimmten, einschließlich der Einschätzung von Vorgesetzten und objektiven Messgrößen für die Arbeitsleistung der Mitarbeiter.

Eine Umfrage unter 10 000 Arbeitnehmern von International Truck and Engine untersuchte die Möglichkeit, dass befragte Mitarbeiter eventuell nicht ganz ehrlich in Bezug auf ihre Gesundheit und ihre Produktivität waren. Doch die Studie ergab, dass die Angaben der Mitarbeiter sowohl mit Beispielen nachprüfbarer Produktivitätsprobleme aus der Vergangenheit korrelierten, etwa Absentismus und Arbeitsunfähigkeit nach einem Unfall, als auch mit zusätzlichen Nachforschungen, die die Beschäftigten nicht vorhersehen konnten, als sie auf die Fragen antworteten.

Einer der eindeutigsten Beweise für einen Zusammenhang zwischen freiwilligen Angaben zu Präsentismus und tatsächlichem Produktivitätsverlust stammt aus mehreren Studien mit Angestellten im Kreditkarten-Callcenter bei Bank One. Es gibt eine Reihe objektiver Messgrößen für die Produktivität eines Kundendienstberaters, darunter die auf jeden Anruf verwendete Zeit, die Leerlaufzeit zwischen Anrufen (wenn der Mitarbeiter die Papierarbeit erledigt) und die Zeit, die der Betroffene nicht am System angemeldet ist. Eine in den späten 90er-Jahren durchgeführte Studie des Unternehmens zeigte einen Zusammenhang zwischen Mitarbeitern mit bestimmten bekannten Krankheiten (aus früheren Ansprüchen wegen Arbeitsunfähigkeit) und geringeren Produktivitätswerten.

In einer neueren Studie verglichen Forscher die Ergebnisse eines Präsentismusfragebogens mit objektiven Messgrößen für die Produktivität der Mitarbeiter eines Callcenters. Die Angaben der Mitarbeiter über eingeschränkte Produktivität auf Grund von gesundheitlichen Problemen stimmten stark mit den objektiven Daten überein. "Wir nähern uns dem Punkt, an dem wir, wenn – wie normalerweise üblich – keine objektiven Daten verfügbar sind, eine sehr gute Methode haben, um den Zusammenhang zwischen Krankheit und Produktivität bei der Arbeit zu berechnen", sagt Dr. Wayne N. Burton, langjähriger Vice President und Leiter des Gesundheitsmanagements bei Bank One sowie, seit der Übernahme der Firma, bei J. P. Morgan Chase.

Ronald Kessler, Forscher an der Harvard Medical School, sagt, dass Unternehmen wichtige Geschäftsentscheidungen regelmäßig auf der Grundlage subjektiver Informationen wie der 360-Grad-Leistungsbewertung und Umfragedaten treffen, die durch Vorurteile des Befragten gefärbt oder möglicherweise nicht aufrichtig seien. Was wichtig ist, sagt er, ist "keine 100-prozentige Genauigkeit, sondern Konsistenz" der Ergebnisse über die Zeit.

Präsentismus reduzieren

Welche Defizite heutige Messinstrumente und Forschungsansätze auch haben mögen, die meisten Menschen stimmen überein, dass Präsentismus ein Problem für Arbeitgeber darstellt: Wenn Menschen sich nicht gut fühlen, geben sie ganz einfach nicht ihr Bestes.

Aber es ist eine Sache, ein Problem aufzuzeigen. Viel schwieriger ist es zu beweisen, dass es eine Möglichkeit gibt, etwas dagegen zu tun – und, wenn etwas getan werden kann, dass der daraus resultierende Nutzen die Investitionen rechtfertigt. Ein zentrales Ziel der Präsentismusforschung ist es, kostengünstige Messgrößen zu identifizieren, mit deren Hilfe ein Unternehmen einen Teil oder sogar alle Produktivitätsverluste auf Grund von Erkrankungen der Mitarbeiter vermeiden kann.

Der erste Schritt ist sicherlich, den Managern – und sich selbst – das Problem bewusst zu machen. Buzz Stewart nahm seine Forschungstätigkeit in den späten 90er-Jahren wieder auf, als er Professor of Public Health an der Johns Hopkins University war. Er untersuchte die Auswirkungen von Migräne auf die Produktivität. Er war im ersten Moment selbst skeptisch in Bezug auf die Reichweite seiner Erkenntnisse. Dann begannen Menschen an der Universität, ihm zu erzählen, wie Migräne ihre Arbeit beeinflusste. Die große Überraschung aber kam mehrere Jahre später auf einer Feier, bei der er mit der Projektmanagerin der Migränestudie plauderte. Sie erzählte ihm, sie schließe ungefähr zwei Mal im Monat ihre Bürotür, sobald sie dort angekommen sei, mache das Licht aus und lege ihren Kopf auf den Tisch. Das Problem: natürlich der Migränekopfschmerz. "Na toll, da hatte ich, 'nationaler Experte' für das Thema Migräne, nicht mitbekommen, was mit meinen eigenen Mitarbeitern los ist", bekannte Stewart.

Im nächsten Schritt müssen Sie herausfinden, welche Gesundheitsprobleme ihre Mitarbeiter im Einzelnen haben. Dazu kann eine formale Studie nötig sein, aber zunächst könnten Sie ganz einfach Ihre Belegschaft beobachten und dabei gesundheitliche Aspekte im Hinterkopf haben. Debra Lerner formuliert es so: "Ein Arbeitgeber könnte sagen: ,Wir sind ein Unternehmen mit überwiegend weiblicher Belegschaft, und unsere Produktivität hängt von exzellentem Kundenservice ab. Depressionen sind bei Frauen wahrscheinlicher als bei Männern. Und Depressionen können die Kundenbeziehung schädigen. Vielleicht sollten wir aus diesem Grund etwas unternehmen.'"

Es ist auch sehr wichtig, Mitarbeiter zu schulen. Sie könnten zum Beispiel Programme einführen, um sicherzustellen, dass Krankheiten nicht unerkannt bleiben, da Mitarbeiter nicht ausreichend sensibilisiert sind, um ihr gesundheitliches Problem zu erkennen oder – wie in Amy Farlers Fall – damit Krankheiten nicht falsch diagnostiziert werden. Comericas Studie zum Reizdarmsyndrom brachte ans Tageslicht, dass einige Mitarbeiter über Jahre vergeblich bei nicht weniger als fünf oder sechs Ärzten Hilfe gesucht hatten, die eine falsche Diagnose stellten. In der irrigen Annahme, ihre Schmerzen zu lindern, hatten sich viele der Mitarbeiter sogar ohne eindeutigen Befund für eine Blinddarmoperation, eine Entfernung der Gebärmutter oder andere Operationen entschieden.

Hilfreich ist auch, die Mitarbeiter darin zu unterstützen, ihre Krankheiten besser in den Griff zu bekommen. Im Rahmen eines kürzlich durchgeführten Trainingsprogramms für Arthritiserkrankte bei Lockheed Martin wurden Tipps für Behandlungsmöglichkeiten gegeben und Ratschläge erteilt, wie Arztbesuche effizienter gestaltet werden können. Comerica bezahlte eine Reihe einstündiger Sitzungen mit Mittagessen, die von einem Gastroenterologen durchgeführt wurden, der den Mitarbeitern hauptsächlich Tipps gab, wie sie ihre Ernährung umstellen und Stress abbauen konnten, um die Symptome des Reizdarmsyndroms zu lindern. Normalerweise wird in diesen Schulungen der Fokus lediglich auf die regelmäßige Einnahme der Medikamente gelegt.

Diese Maßnahmen scheinen einfach, aber die Herausforderung, das Gesundheitsbewusstsein zu stärken, ist weit davon entfernt, trivial zu sein. Dies bestätigen auch die Ergebnisse der Allergiestudie von International Truck and Engine. Das Unternehmen hatte die traditionellen Wege (Newsletter, Broschüren und schwarzes Brett), um mit seinen Mitarbeitern zu kommunizieren, erweitert und Websites sowie Beratungen mit Allergologen vor Ort angeboten. Doch eine Folgestudie zeigte, dass der Anteil der Allergiebetroffenen – ungefähr 25 Prozent –, die die neue Generation nicht sedierender Medikamente nahmen, nicht zugenommen hatte.

"Einmalige Trainingsmaßnahmen sind nicht effektiv", sagt Berater Harris Allen, der gemeinsam mit Dr. William Bunn, Vice President für Gesundheit, Sicherheit und Produktivität im Unternehmen, die Studie leitete. "Selbst wenn die potenziellen Ziele nur niedrig gesteckt sind, wie etwa die Menschen dazu zu bewegen, auf eine bessere Medikation umzusteigen, müssen Sie emotionale Barrieren, wie Misstrauen gegenüber Neuem oder ganz einfach Trägheit, überwinden."

Investieren, um zu sparen

Letztlich bedarf es mehr als relativ kostengünstiger Trainingsprogramme, wenn Sie die Produktivität verbessern wollen, indem Sie die Gesundheit der Mitarbeiter verbessern. Sie müssen auch für neue oder bessere medizinische Behandlungen bezahlen, etwa Medikamente gegen Allergien, Therapien gegen Depressionen oder Tests, um die Ursachen chronischer Kopfschmerzen zu ergründen. Bestimmte Medikamente – beispielsweise zur Behandlung von Allergien, Migräne, Asthma und Depressionen – verbessern, laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage von Wayne N. Burton, Alan Morrison und Albert J. Wertheimer zu diesem Thema, die Produktivität erheblich.

Bis jetzt gab es allerdings nur wenige Studien, die belegen, dass Produktivitätsgewinne die direkten Kosten für das Bereitstellen der Medikamente vollständig ausgleichen. Eine dieser Studien untersuchte, wie sich Allergien auf die Mitarbeiter des Callcenters von Bank One auswirkten, und kam zu dem Schluss, dass die Produktivitätssteigerungen in der Tat die Kosten für die Allergiemedikamente mehr als ausgleichen würden. Und sogar allgemeinere Befunde – dass die Produktivität steigt, wenn Arbeitnehmer mit Gesundheitsproblemen die richtigen Medikamente nehmen – lassen vermuten, dass die (anteilige) Übernahme der Kosten für Medikamente zumindest teilweise als eine Investition in die Produktivität der Belegschaft angesehen werden sollte.

Nehmen wir das Bürotechnikunternehmen Pitney-Bowes als Beispiel. Im Jahr 2001 verringerte Pitney-Bowes die Zuzahlungen der Arbeitnehmer für Diabetes- und Asthmamedikamente mit dem Ziel, die Gesundheitsausgaben zu reduzieren. Im Anschluss an diese Maßnahme sanken die direkten Behandlungskosten für diese Krankheiten um mehr als 10 Prozent, vermutlich, weil die Mitarbeiter die erschwinglicheren Medikamente regelmäßig nahmen. Ein wahrscheinlicher zusätzlicher Vorteil: weniger Absentismus und Präsentismus.

Eine Studie von Forschern der Harvard Medical School und des Pharmacy Benefits Manager Medco Health Solutions, die im Dezember 2003 im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurde, konnte nachweisen, dass Patienten bei einem deutlichen Anstieg der Zuzahlungen für ihre Medizin mit großer Wahrscheinlichkeit aufhören, die notwendigen Medikamente zu nehmen – ein Problem, das durch erhöhten Absentismus oder Präsentismus die Einsparungen bei den direkten Krankheitskosten eines Unternehmens wieder zunichte machen könnte.

Anhaltspunkte für die potenzielle Rentabilität von Investitionen in die Mitarbeitergesundheit treiben die Forschung weiter voran. Zwei geplante Studien von Unternehmen im Mittleren Westen und dem Südosten der USA , die jeweils mehrere Dutzend Organisationen einschließen, werden versuchen, wirtschaftliche Maßnahmen zu identifizieren, die Unternehmen einleiten könnten, um gesundheitsbezogene Produktivitätsverluste einzudämmen.

Eine andere Studie, die vom National Institute of Mental Health finanziert wird und an der 100 000 Arbeitnehmer mehrerer Unternehmen, darunter auch American Airlines und Northeast Utilities, teilnehmen, untersucht, ob depressionsbedingter Präsentismus kostengünstig durch Screening- und Beratungsprogramme, Zugang zu billigen Medikamenten und individuelle Betreuung verringert werden kann.

Das Vorzeigebeispiel dafür, dass sich diese Investitionen bezahlt machen, ist die Grippeschutzimpfung. Viele Studien haben gezeigt, dass die Kosten für ein Unternehmen, das seinen Mitarbeitern eine kostenlose Grippeschutzimpfung anbietet, bei weitem von den Einsparungen durch verringerten Absentismus und Präsentismus aufgewogen werden.

Es gibt auch eindeutige Beweise dafür, dass gut durchdachte Mitarbeiterbetreuungsprogramme (die Beratungsservice für Mitarbeiter und ihre Familien anbieten), Gesundheitsrisikobewertungen (bei denen von den Mitarbeitern Informationen über bestimmte Symptome wie Bluthochdruck gesammelt werden, die später zu gesundheitlichen Problemen führen können) und Wellness-Programme (die die Gesundheit etwa durch sportliche Betätigung und gesunde Ernährung fördern) sich selbst tragen, da die direkten und indirekten Gesundheitsausgaben des Unternehmens sinken. Der Kern solcher Programme ist der Glaube, dass gesunde Mitarbeiter einen Unternehmenswert darstellen, für den sich Investitionen lohnen. Und dass sich eine höhere Effizienzsteigerung erreichen lässt, wenn eine Firma das Asthma ihrer Mitarbeiter behandelt, als wenn sie ein neues Telefonsystem installiert.

Das Problem an der Wurzel packen

Falsches Konzept. Wenn die Produktivität leidet, weil Mitarbeiter mit chronischen Krankheiten oder Beschwerden zur Arbeit kommen, warum sollte man dann nicht versuchen, das Präsentismusproblem vorab zu umgehen, indem man schon im Bewerbungsgespräch Mitarbeiter mit relativ harmlosen chronischen Gesundheitsproblemen aussortiert?

Nun, zum einen wäre eine derartige Selektion möglicherweise illegal. Solange es sich um eine chronische Erkrankung handelt, dürfte der Betreffende beispielsweise in Amerika durch das Behindertengleichstellungsgesetz (Americans with Disabilities Act) geschützt sein, wie Mark Kelman, Fachmann für Diskriminierung an der Stanford Law School, meint.

Darüber hinaus aber würden Sie die Auswahl an talentierten Bewerbern drastisch einschränken. "Sie würden ja auch nicht sagen: 'Ich werde keine Menschen einstellen, die eine Grippe bekommen'", kommentiert Ronald Kessler, Professor an der Harvard Medical School. "Und genauso sinnlos wäre es zu sagen: 'Ich werde jene 25 Prozent der Menschen, die an saisonal bedingten Allergien leiden, nicht einstellen.'"

Effektive Hilfe. Tatsächlich ist es wirkungsvoller, das Problem erst anzugehen, nachdem die Menschen eingestellt wurden. Sie sollten ihnen besser eine effektive Behandlung anbieten, als von vornherein ihre Einstellung auszuschließen.

Doch die Bedenken der Mitarbeiter, chronische Erkrankungen offen zuzugeben, können Sie in Ihren Bemühungen behindern, das Ausmaß an Präsentismus in Ihrem Unternehmen einzuschätzen und darauf zu reagieren. Mitarbeiter zögern möglicherweise, an einer Umfrage über Präsentismus teilzunehmen, auch wenn sichergestellt ist, dass die Umfrage durch einen Außenstehenden durchgeführt wird und die Angaben somit vertraulich behandelt werden.

Um diese Zurückhaltung zu überwinden, bieten Arbeitgeber gewöhnlich einen Anreiz an – sagen wir ein T-Shirt des Unternehmens oder die Teilnahme an einer Verlosung mit Geldgewinn. Doch laut den Forschern ist für die Mitarbeiter der größte Anreiz gegeben, wenn sie davon überzeugt sind, dass dem Unternehmen ihr Wohlbefinden wichtig ist. Ein Gefühl, das durch gezielte Gesundheitsförderung und Mitarbeiterbetreuungsprogramme gefestigt werden kann.

Teil eines großen Puzzles

Kosten oder Investition? Diese Frage ist entscheidend für viele der aktuellen Forschungen zum Thema "Humankapital". Genauso wie die Ausgaben für Weiterbildung von vielen als Investition in qualifiziertes Personal angesehen werden, sind die Ausgaben für medizinische Versorge eine Investition in eine gesunde Belegschaft – eine Belegschaft, deren Produktivität nicht durch relativ harmlose, aber weit verbreitete Gesundheitsprobleme beeinträchtigt wird.

"Ein besseres Management der Mitarbeitergesundheit kann zu verbesserter Produktivität führen, was einen entscheidenden Geschäftsvorteil schaffen kann", sagt Sean Sullivan vom Institute for Health and Productivity Management. In Wirklichkeit, fügt er hinzu, bieten Investitionen zur Reduzierung von Präsentismus eine bessere Möglichkeit, die Konkurrenz zu überholen, als Investitionen in traditionelle Bereiche wie Schulungen – und zwar weil sie so selten durchgeführt werden.

Zahlreiche Forscher meinen, dass den Bemühungen, etwas gegen Präsentismus zu tun, vor allem die Menschen im Weg stehen, deren Job es ist, die Ausgaben ihres Unternehmens für Gesundheit zu überwachen und einzudämmen. Aus deren Perspektive profitiert nicht das Unternehmen von dem, was es in die Mitarbeiter investiert; sondern die Arbeitnehmer sind die Nutznießer dieser Ausgaben. In seiner radikalsten Form würde eine solche Sicht nahe legen, chronisch Kranke erst gar nicht einzustellen. Doch das wäre möglicherweise nicht nur ungesetzlich, sondern auch unklug (siehe Kasten "Das Problem an der Wurzel packen").

Vor über 200 Jahren bemerkte Adam Smith in seinem Werk "Der Wohlstand der Nationen" bereits, dass Arbeiter weniger produktiv arbeiten, "wenn sie oft krank sind, als wenn sie generell recht gesund sind ... [Krankheit] führt unabdingbar zu einer verringerten Produktivität ihrer Firma". Es ist zwar ein Gemeinplatz, aber Smith' Worte klingen heute nur allzu wahr, und Forscher versuchen, genau zu dokumentieren, wie sich mangelnde Gesundheit in Unternehmen auswirkt und was Manager dagegen tun können.

© 2004 Harvard Business School Publishing

Dieser Artikel erschien erstmals in der Januar-Ausgabe 2005 des Harvard Business managers.

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