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Innovationen in Afrika Die nächste Werkbank der Welt

Chinesische Investitionen tragen dazu bei, in vielen Ländern Afrikas eine industrielle Revolution in Gang zu setzen. Davon profitieren die Unternehmen, deren Mitarbeiter, aber auch die ganze Gesellschaft.
aus Harvard Business manager 12/2017

Illustration: Patrick Mariathasan für Harvard Business Manager

In einem flachen Bürobau seines riesigen Keramikwerks im Südwesten Nigerias bestand Sun Jian darauf, mir Tee anbieten zu dürfen. Erst wenige Tage zuvor war er aus China zurückgekehrt und hatte von seiner Reise eine Reihe erlesener Tees mitgebracht, die er nun – ganz im Sinne jahrhundertealter chinesischer Regeln guter Gastfreundschaft – mit mir teilen wollte.

Sun stammt aus Wenzhou, einer mittelgroßen Stadt im Südosten Chinas. Dort war vor fast 4000 Jahren das Seladon erfunden worden, ein nach seiner blassgrünlich glänzenden Glasur benanntes Steinzeug, das Wenzhou zur Geburtsstätte chinesischer Keramik machte. In den 70er Jahren waren die Zeiten jedoch schwierig. Nach der Grundschule brach Sun die Schulausbildung ab und begann zu arbeiten. 1978, zwei Jahre nach dem Tod Mao Tse-tungs, war Wenzhou die erste Stadt, in der Privatunternehmen gegründet wurden. Sun arbeitete sich im lederverarbeitenden Gewerbe nach oben und hatte schließlich genug Geld gespart, um eine eigene Ledermanufaktur zu gründen. Ende der 2000er Jahre stiegen die Kosten jedoch rasant an, und Sun wurde bewusst, dass er für weiteren geschäftlichen Erfolg China würde verlassen müssen. Ein Freund riet ihm, es in Nigeria zu versuchen.

Er nahm sich fünf Tage Zeit, das Land zu erkunden. "Sofort wurde ich von all den Armen um Geld angebettelt", berichtet er. "Aber dann sah ich, dass es dort auch viele Reiche gibt; und obwohl es schwer sein würde, im dortigen Markt zu bestehen, war es doch für jeden anderen ebenso schwierig wie für mich." Zurück in China, rief er einen Bekannten beim Zoll an und fragte ihn, was das schwerste und am teuersten zu versendende Produkt sei, das in großen Mengen nach Nigeria exportiert würde. Die Antwort? Keramik.

Und so nahm Sun nach diesem ersten Besuch 40 Millionen US-Dollar in die Hand und errichtete in Nigeria ein Keramikfliesenwerk. Das Werk produziert heute rund um die Uhr und beschäftigt nahezu 1100 Mitarbeiter, davon rund 1000 einheimische. Die Versorgung mit Strom ist unzuverlässig und teuer, aber die Geschäfte laufen gut. Dank des fehlenden Wettbewerbs und der wachsenden Nachfrage erwirtschaftet Sun in Nigeria eine Gewinnmarge von 7 Prozent, verglichen mit einer Spanne von 5 Prozent, die er in China erzielt hatte. Im verarbeitenden Gewerbe sind die Margen oft hauchdünn und ein Aufschlag von 2 Prozentpunkten ist beträchtlich.

Suns Geschichte ist nicht ungewöhnlich. Nach Angaben des chinesischen Handelsministeriums tätigen Privatunternehmen aus China jedes Jahr mehr als 150 Direktinvestitionen in Afrikas Fertigungssektor, gegenüber nur zwei im Jahr 2000. Die tatsächliche Zahl ist wahrscheinlich zwei- bis dreimal so hoch: Wissenschaftler, die das Thema vor Ort erforschen, stoßen regelmäßig auf chinesische Unternehmen, die von den offiziellen Daten nicht erfasst sind.

Diese Betriebe entfalten bereits eine enorme Wirkung. In Nigeria kochen chinesische Konzerne den Stahl, der den Bauboom in Afrikas größter Volkswirtschaft speist. Im winzig kleinen Lesotho produzieren chinesische und taiwanische Firmen massenweise Yogahosen für die Kaufhauskette Kohl's, Jeans der Marke Levi's oder Sportmode für das Label Reebok – Bekleidung, die für den US-Markt bestimmt ist. Dank der chinesischen Unternehmer hat sich die Modeindustrie zum wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes gemausert. In Äthiopien nahm der chinesische Pharmahersteller Humanwell den Bau eines 20 Millionen Dollar teuren Werks vor den Toren Addis Abebas just zu dem Zeitpunkt in Angriff, als der britische Pharmakonzern GSK seine Pläne zur Gründung eines Produktionsstandorts wieder einstampfte. Letzten Endes investierte Humanwell insgesamt 100 Millionen Dollar in die Pharmaproduktion in Äthiopien.

In den vergangenen Jahren habe ich mit fast 50 chinesischen Unternehmern des Fertigungssektors in einem halben Dutzend afrikanischer Staaten gesprochen. Auf den folgenden Seiten beschreibe ich, wie deren Investitionen die Wirtschaft und Gesellschaft Afrikas verändern, indem sie Millionen Afrikanern erstmals ein formales Beschäftigungsverhältnis bieten, eine ganze Generation afrikanischer Unternehmer hervorbringen und afrikanische Institutionen dazu inspirieren, dynamische Produktionscluster zu fördern. Diese Unternehmer sind sicher keine Heiligen. Schmiergelder, miserable Arbeitsbedingungen und ein achtloser Umgang mit der Umwelt sind allgegenwärtig. Dennoch zieht es immer mehr chinesische Hersteller nach Afrika, und das verarbeitende Gewerbe eröffnet – anders als natürliche Ressourcen oder Dienstleistungen – die Möglichkeit einer Industrialisierung. Eine industrielle Revolution in Afrika? Eine Vorstellung, die nicht mehr länger abwegig scheint.

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