Zur Ausgabe
Artikel 13 / 23
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Vordenker-Serie: Erich Gutenberg Verfasser der BWL-Bibel

Es ist sein Verdienst, dass die deutsche Betriebswirtschaftslehre heute gleichberechtigt neben der Volkswirtschaftslehre steht. Er gilt als Begründer einer der großen Denkschulen der BWL - dem produktivitätsorientierten Ansatz: Erich Gutenberg, Nachfolger Eugen Schmalenbachs als BWL-Professor an der Universität zu Köln.

aus Harvard Business manager 6/2013
Foto: imago images / ecomedia/robert fishman

Werk und Wirkung

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zu seinem Lebenswerk geworden: Bis ins hohe Alter hat Erich Gutenberg an seinen drei Bänden "Die Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre" gearbeitet. Er habe sich stark mit dem Werk identifiziert, schrieb sein einstiger Student Albrecht Dietz anlässlich des 100. Geburtstags Gutenbergs.

Immer wieder habe er das 1951 erstmals veröffentlichte Werk "überarbeitet, seine Aussagen präzisiert, durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt und an stilistischen Feinheiten gefeilt". So entwickelten sich die dicken Bücher - die "Gutenberg-Bibel" - zur Pflichtlektüre für Generationen von BWL-Studenten.

Gutenberg, Nachfolger von Eugen Schmalenbach, dem Begründer der modernen Betriebswirtschaftslehre, ist bald aus dem Schatten des berühmten Kölner Professors getreten: Der 1984 verstorbene Gutenberg gilt als mindestens genauso bekannter und bedeutsamer Vertreter seines Fachs. Ihm haben es nachfolgende Generationen zu verdanken, dass die deutsche Betriebswirtschaft gleichberechtigt neben der Volkswirtschaftslehre steht.

Gutenberg hat die systematische unternehmenstheoretische Forschung als Grundlage für die anwendungsorientierte betriebswirtschaftliche Forschung in der Disziplin BWL eingeführt. Bis dahin waren ausschließlich Ergebnisse der theoretischen Nationalökonomie für weitere Überlegungen herangezogen worden. Schwerpunkt seiner Arbeit war die Kosten- und Produktionstheorie von Unternehmen. Ihm ging es vor allem um die Produktivitätsbeziehung zwischen Faktoreinsatz und Ertrag. Gutenberg interpretierte einen Betrieb als Gesamtheit der Teilfunktionen Produktion, Absatz und Finanzen - nicht als eine Sammlung losgelöster Teilbereiche. Nach seinem Verständnis werden alle Prozesse vom sogenannten dispositiven Faktor gesteuert. Verkörpert wird dieser Faktor durch die Unternehmensführung, also das Management, das die Geschicke im Betrieb plant, organisiert, lenkt und leitet.

Theorie und Praxis

Dem Wissenschaftler, der in der Praxis gearbeitet hat - erst im elterlichen Betrieb, später als Wirtschaftsprüfer - wird zugutegehalten, dass er sich bei aller Theoretisierung der betrieblichen Praxis stets an ihr orientierte und sie in einem gut lesbaren und verständlichen Stil seinen Studenten nahebrachte.

Lead Forward

Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte

Antonia Götsch, Chefredakteurin des Harvard Business managers, teilt Wissen aus den besten Managementhochschulen der Welt und ihre eigenen Erfahrungen mit Ihnen. Einmal die Woche direkt in Ihr E-Mail-Postfach. 

Jetzt bestellen

In aktuellen Lehrbüchern würde er sein Fach wohl nicht wiedererkennen. Die Humanwissenschaften haben einen großen Einfluss auf die BWL genommen. Die stark technische Sichtweise der BWL ist in den Hintergrund gerückt, der Mensch als handelndes Subjekt - mal rational, häufig irrational - steht im Vordergrund.

Zu Zeiten Gutenbergs wurde ausschließlich der vernunftgesteuerte Akteur beschrieben, dessen Gedanken in Formeln und Gleichungen nachgebildet werden konnten. Erst später flossen verhaltenswissenschaftlich orientierte Erkenntnisse in die BWL ein. In diesem Zuge wurde die Disziplin zunehmend verbreitert, Professoren und Forscher mussten sich stärker spezialisieren. Zu nennen sind hier besonders Hans Ulrich, der für den sogenannten Systemansatz steht, und Edmund Heinen mit seinem entscheidungsorientierten Ansatz. Dennoch gilt Gutenbergs Arbeit als eine der großen Denkschulen der BWL, die bis heute von Bedeutung ist.

Vorbilder und Anhänger

Horst Albach war Assistent Erich Gutenbergs an der Universität in Köln. Er selbst verbrachte die meiste Zeit seiner wissenschaftlichen Laufbahn an der Universität in Bonn. Albach heiratete Gutenbergs Tochter Renate. Die Eheleute haben mehrere Aufsätze gemeinsam veröffentlicht.

Eugen Schmalenbach gilt als Begründer der modernen Betriebswirtschaftslehre, er war der erste Habilitand des Fachs und stand für die Praxisorientierung der BWL. Ihm folgte Gutenberg an der Universität Köln auf den Lehrstuhl für Allgemeine BWL.

Johann Heinrich von Thünen, Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler sowie Landwirt im 19. Jahrhundert, ist bekannt geworden durch seine Veröffentlichung "Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie". Er gilt als Begründer der Grenzproduktivitätstheorie. Erich Gutenberg widmete seine Promotion 1921 dem Wissenschaftler. Unter dem Titel "Thünens Isolierter Staat als Fiktion" legte er damit den Grundstein für seine Produktivitätstheorie.

Ziele und Visionen

Schon zu Lebzeiten des Professors hatte eine Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus Habilitanden, Doktoranden und Diplomanden, eine große Bedeutung für Gutenberg: Er diskutierte in diesem Kreise wichtige Probleme der Betriebswirtschaftslehre. Nach Gutenbergs Tod wurde die Kölner Erich-Gutenberg-Arbeitsgemeinschaft 1994 als Verein gegründet - mit dem Ziel, die Theorie der Unternehmung weiterzuentwickeln und ihre Anwendung in der Praxis voranzutreiben.

Vordenker der Ökonomie, Management-Theorie und Psychologie

Clayton Christensen und seine disruptive Innovation, die "Five Forces" von Michael Porter und die Management-Tipps von Linda Hill – die Ideen und Konzepte zahlreicher Vordenkerinnen und Vordenker haben die Management-Theorien geprägt. Lesen Sie hier die wichtigsten Ideen und Beiträge von Vordenkern wie Joseph Schumpeter, John P. Kotter, Peter Drucker und Herminia Ibarra.

Zur Übersicht

270 Vertreter aus Wissenschaft und Praxis gehören heute dem Kreis an. In regelmäßigen Arbeitstagungen werden aktuelle Probleme der Betriebswirtschaft diskutiert, beispielsweise über Themen wie Change-Management oder Nachhaltigkeit gesprochen. Darüber hinaus werden Publikationen gefördert - in Zusammenarbeit mit der "Zeitschrift für Betriebswirtschaft", die unter anderem von Gutenberg nach der Gründung 1924 fortgeführt wurde.

Anlässlich der Jahrestagungen wird ein Erich-Gutenberg-Preis verliehen, um herausragende Leistungen zu würdigen. Einer der Preisträger ist der Unternehmensberater Hermann Simon.

Zur Ausgabe
Artikel 13 / 23
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.