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Risikomanagement Ein Feuermelder für die Finanzwelt

Auf Konjunkturprognosen ist häufig wenig Verlass. Ein Team um den Schweizer Risikoforscher Dirk Helbing will das ändern. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass sich ökonomische und gesellschaftliche Krisen mit einem neu entwickelten Simulator präziser vorhersagen lassen.
aus Harvard Business manager 12/2011
Foto: Michael Weber / imagebroker / imago images

Harvard Business manager: Herr Helbing, Sie mahnten bereits im April 2008, etwa fünf Monate vor der Lehman-Pleite, dass die Finanzmärkte nicht mehr kontrollierbar seien. Seitdem hat sich wenig geändert: Die Börsen sind nervöser denn je. Sind wir Menschen unbelehrbar?

Dirk Helbing: Mir als Komplexitätsforscher steht es nicht zu, dass Verhalten der Menschen zu beurteilen. Ich untersuche Systeme. Was beeinflusst sie? Wie organisieren sie sich? Wodurch entstehen Rückkoppelungseffekte? Und was sind sogenannte "tipping points", wie man die Punkte nennt, an denen kontinuierliche Entwicklungen plötzlich eine unerwartete Wendung nehmen?

Die Risikoforschung wird von der Öffentlichkeit gern als eine Art wissenschaftlich fundierte Zukunftsdeutung interpretiert - zu Unrecht. Wir sind keine Wahrsager und auch kein neuzeitliches Orakel. Wir entwickeln eher Mikroskope für techno-sozioökonomische Systeme, die sonst kaum erkennbare Details sichtbar machen. Die Frage, was man mit den daraus gewonnenen Informationen anfängt, steht auf einem anderen Blatt. Im Idealfall helfen sie, Stellschrauben zu finden, die Entwicklungen positiv beeinflussen. Und Handlungsalternativen aufzuzeigen, sodass man einen Plan B in der Hinterhand hat.

Wie soll das in einer immer komplexer werdenden Welt gelingen? Auf dem Finanzmarkt geben inzwischen selbst Insider zu, den Blick für das große Ganze verloren zu haben.

Bei derartigen Äußerungen sollten sofort die Alarmglocken schellen. Natürlich sind hochkomplexe Systeme wie die Finanzmärkte schwer überschaubar. Aber die vorauseilende Kapitulation macht das nicht besser, im Gegenteil.

Studien zeigen, dass der Mangel an Transparenz Systeme negativ beeinflusst. Je weniger die Menschen dazu fähig sind, Risiken zu überschauen, desto eher neigen sie dazu, das Verhalten anderer zu kopieren. Auch der Grad der Vernetzung von Finanzinstituten und -instrumenten hat Einfluss auf deren Stabilität: Ein moderates Maß an Vernetzung wirkt wie eine Versicherung, aber zu viel Vernetzung schafft systemische Risiken. Lokale Probleme können sich in null Komma nichts global ungehindert ausbreiten.

Profil

Der Kopf

Dirk Helbing, 46, ist Professor für Soziologie, insbesondere Modellierung und Simulation, an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Zuvor arbeitete der studierte Physiker in Deutschland Israel, Kalifornien und Ungarn. In Dresden hatte er von 2000 bis 2007 den Lehrstuhl für Verkehrsökonometrie und -modellierung inne. Helbing setzt sich intensiv für die Erforschung von sozioökonomischen Krisen ein.

Die Idee

Die Realität verstehen und mögliche Bedrohungsszenarien wie Chancen vorab zu erkennen – das ist das Ziel des weltweiten wissenschaftlichen Konsortiums um Dirk Helbing, das sich mit seinem Projekt "FuturICT" momentan als Flagship-Forschungsprojekt bei der Europäischen Kommission beworben hat. Die Forscher wollen eine dezentrale und global vernetzte Computer- und Datenanalyseplattform schaffen, mit deren Hilfe frühzeitig auf Krisen wie Engpässe in der Energie- oder Rohstoffversorgung hingewiesen werden kann, damit Entscheidern genügend Zeit bleibt gegenzusteuern.

Dabei zeigen doch Studien über Ameisen- und Bienenvölker, dass der Verbund schlauer sein kann als das einzelne Gruppenmitglied.

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