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Produktentwicklung Kreativer dank Communities

MIT-Forscher Andrew P. McAfee erklärt, wie Unternehmen ihre Kunden bei der Produktentwicklung einbinden, welche Rolle Wikis und Blogs dabei spielen und was Mitarbeiter motiviert mitzumachen.
aus Harvard Business manager 10/2010
Andrew McAfee 2018 auf der Innovationskonferenz Digital-Life-Design in München

Andrew McAfee 2018 auf der Innovationskonferenz Digital-Life-Design in München

Foto: Matthias Balk / picture alliance /dpa

Harvard Business manager: Wie verändern die neuen Medien die Produktentwicklung?

Andrew P. McAfee: Unternehmen sind traditionell sehr eigen, wenn es darum geht, wer am Innovationsprozess beteiligt ist: Entwickler, Ingenieure, Wissenschaftler, all diese Leute gehören dazu. Sie haben die richtige Kombination aus Ausbildung, Erfahrung, Erfolg und Misserfolg und so weiter. Doch seit einiger Zeit erlauben Unternehmen wichtigen Nutzern ihrer Produkte, am Entwicklungsprozess mitzuwirken.

Einige Unternehmen sagen nun: Warum bei Lead Usern,der Kundengruppe, die neue Produkte viel früher als andere einsetzt, bleiben? Warum sollte nicht jeder helfen, ein neues Produkt zu entwickeln, ein bestehendes zu verbessern oder ein störendes Problem zu lösen? Die Verantwortlichen dieser Firmen unterscheiden nicht länger, wer am Innovationsprozess teilhaben kann, sie heißen einfach alle willkommen, die mitmachen möchten.

Moderne Unternehmenstools wie Wikis und Blogs sind geschaffen worden, um diesen offeneren Innovationsprozess zu unterstützen. Tatsächlich basieren die meisten modernen Innovationsmethoden wie Open Innovation oder Crowdsourcing auf den Werkzeugen des Unternehmens 2.0.

Procter & Gamble, das die OpenInnovation-Philosophie übernommen hat, unternimmt einige recht raffinierte Dinge auf seiner "Connect + Develop"-Website. Das Unternehmen veröffentlicht nicht, was die Mitarbeiter wissen und können, sondern auch, was noch fehlt. Das ist fundamental neu. Große Unternehmen zeigen normalerweise nicht ihre Wissenslücken. Außerdem suchen die Mitarbeiter auch nach Neuem, egal ob es sich um Ideen für Marken, Verpackungen, Marketingmodelle, Dienstleistungen oder Design handelt. Und: Jeder darf Ideen einreichen - nicht nur entsprechend qualifizierte Partner.

Bringt das Konzept des Unternehmens 2.0 bessere Ideen hervor, oder ertrinken die Firmen in unsinnigen Vorschlägen?

Sie müssen sich zwei Dinge vor Augen führen. Erstens: Es gibt keine Garantie dafür, dass die nächste Innovationsherausforderung auch nur annähernd so aussieht wie die vorangegangene. So könnten andere Perspektiven oder andere Fähigkeiten nötig sein, die die bisherigen Entwickler nicht haben. Mithilfe neuer Medien können neue Herausforderungen sehr weit verbreitet werden und sehr viele Leute darauf reagieren.

Zweitens kann die Gemeinschaft, die sich um ein bestimmtes Problem schart, dabei helfen, die Ideen zu sichten. Die Teilnehmer schlagen Verbesserungen vor und bewerten die Ideen anderer.

Hochwertige Inhalte werden so nach und nach für andere erkennbar. Das ist wichtig, denn eine gute Idee ist nicht immer auf den ersten Blick offensichtlich. Es gibt ein Spiel mit dem Namen Gwabs, dessen Charaktere einander mit den Elementen des Desktops bekämpfen, etwa mit Menüleisten oder Schaltflächen. Gwabs entstand in einem Crowdsourcing-Start-up, das von seiner großen Community Ideen erbat und sie bewerten ließ. Die Geschäftsführer des Unternehmens dachten, Gwabs sei eine ziemlich blöde Idee - aber es gewann den Wettbewerb. Nun finanzieren Investoren die weitere Entwicklung des Spiels.

Muss sich ein Unternehmen zwischen traditionellem und modernem Innovationsansatz entscheiden?

Die beiden Ansätze verstärken sich gegenseitig. Der Schuhmacher John Fluevog zum Beispiel hat sehr qualifizierte Designer. Trotzdem lässt er die Öffentlichkeit online Ideen vorschlagen - doch die letzte Entscheidung treffen die Mitarbeiter.

Experten und Freiwillige arbeiten in unterschiedlichen Branchen gemeinsam an Innovationen, etwa bei Kleidung, medizinischer Ausrüstung und Kochgeschirr. Eine kürzlich erschienene McKinsey-Umfrage zeigte, dass 20 Prozent der befragten Unternehmen den Innovationsprozess für Mitarbeiter und Kunden geöffnet haben. Das brachte ihnen im Durchschnitt 20 Prozent mehr Innovationen.

Worauf sollten Unternehmen achten, wenn sie neue Medien für Innovationsprozesse nutzen?

Es gibt nur wenige Risiken. Die Technik ist billig. Und ein Unternehmen kann kontraproduktive Beiträge jederzeit löschen. Das größte Risiko ist, dass sich das Unternehmen von seiner bewährten Quelle guter Ideen abwendet - seinen Mitarbeitern.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Oktober-Ausgabe 2010 des Harvard Business managers.

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