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Karriere So gelingt der Jobwechsel

Forschungen zeigen, dass sogar erfahrene Führungskräfte oft unglückliche und unüberlegte Karriereentscheidungen treffen. Lernen Sie, die fünf schlimmsten Fehler bei Ihrer beruflichen Lebensplanung zu vermeiden.
aus Harvard Business manager 3/2010

Berufstätige der Generation "Babyboomer" wechseln im Laufe ihres Berufslebens durchschnittlich zehnmal den Job. Das hat das amerikanische Amt für Arbeitsstatistik (Bureau of Labor Statistics) ermittelt. Der Arbeitnehmer als eigenständig Handelnder - ein Konzept, das in den 90er Jahren an Bedeutung gewann - ist auch heute noch Realität, unabhängig von den wirtschaftlichen Umständen. Deshalb müssen wir alle unsere berufliche Laufbahn stärker selbst in die Hand nehmen. Die Karriereleiter in Unternehmen gleicht nach wie vor einem wackligen Jenga-Turm, und selbst die Position des Geschäftsführers ist heute keine Stellung auf Lebenszeit mehr. Ein unabhängiger Finanzexperte, mit dem wir sprachen, formulierte es so: "Es gibt keine endgültigen Ziele. Ihre Karriere ist ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess."

Doch auch wenn Jobwechsel fast unvermeidbar sind, verlaufen sie nur selten glatt und sind fast immer nervenaufreibend. Das schmälert allzu oft die Leistung von Jobwechslern - sowohl kurz- als auch langfristig. In früheren Untersuchungen haben wir zum Beispiel festgestellt, dass herausragende Wertpapieranalysten, die zu neuen Investmentbanken wechselten, sage und schreibe fünf Jahre lang schlechtere Leistungen erbrachten. Alle Mitarbeiter, die zu einem anderen Unternehmen gehen, stehen vor ähnlichen Problemen - egal ob sie als Wide Receiver im American Football bei einem neuen Klub anheuern oder als Führungskraft in einem anderen Konzern anfangen. Und es geht nicht nur um die Lernkurve. Jede Veränderung bringt erhebliche interne wie externe Probleme und Transaktionskosten mit sich: eine unruhige Zeit zu Hause und im Privatleben, eventuelle Kosten für einen Umzug, die Notwendigkeit, sich an neue kulturelle und unternehmenspolitische Regeln anzupassen, mit ungewissen Erwartungen umzugehen und sich neue Regeln, neues Wissen und einen neuen Fachjargon anzueignen.

In einer Zeit, in der Jobs Mangelware sind, mag es wie Luxus erscheinen, über die Vor- und Nachteile eines bestimmten Stellenangebots zu diskutieren. Und natürlich gibt es Zeiten, in denen Sie aus finanziellen Gründen keine andere Wahl haben, als eine wenig verlockende Stelle zu akzeptieren. Doch auch dann ist dieser Job niemals einfach nur ein Job. Denn es geht um Ihre Karriere. Ein gelegentlicher Fehlgriff bei der Wahl Ihrer Jobs lässt sich noch verzeihen. Doch wenn Sie nicht allzu viele Fehler machen wollen - oder jene Fehler vermeiden möchten, die Sie auf Dauer zurückwerfen würden -, sollten Sie sich sorgfältig darüber informieren, mit welchen Risiken und Gegebenheiten Sie bei der Stellensuche rechnen müssen.

Die häufigsten Fehler

Wir wollten herausfinden, welche Fehler beim Jobwechsel immer wieder passieren, und analysierten dafür Daten aus drei verschiedenen Studien: einer Umfrage unter Personalberatern, einer Umfrage unter Personalchefs von internationalen Unternehmen und einer Interviewreihe mit Managern der obersten Führungsebene aus aller Welt (nähere Informationen hierzu im Kasten Seite 22).

Die in diesem Beitrag vorgestellten Fehler beim Jobwechsel wurden von den Personalberatern mit Abstand am häufigsten genannt. Die Themen spiegelten sich aber auch in den Antworten der Personalchefs und den Geschichten der Manager über ihre besten und schlechtesten Entscheidungen wider. Diese Fehler sind: nicht genügend Erkundigungen einziehen, dem Lockruf des Geldes folgen, in erster Linie vom alten Arbeitgeber wegwollen statt hin zum neuen, sich selbst überschätzen und nicht langfristig planen. Die Fehler folgen vorhersagbaren Mustern und sind im Laufe einer Karriere immer wieder zu beobachten.

Sie treten jedoch keineswegs unabhängig voneinander auf, sondern entwickeln sich zu einem komplexen System aus fehlangepassten Verhaltensweisen, Unzufriedenheit, unrealistischen Hoffnungen, schlecht überdachten Entscheidungen und noch mehr Unzufriedenheit. Wer sich zu sehr auf die Verdienstmöglichkeiten fixiert, blendet dabei möglicherweise aus, dass er sich besser über den angebotenen Job informieren müsste. Und wer sich selbst überschätzt, übersieht mitunter, dass die Stelle gar nicht zu ihm passt - ein Problem, das sich mit besserer Recherche hätte vermeiden lassen. Einige Jobsuchende machen gleich alle fünf Fehler auf einmal: Weil sie sich überschätzen, fühlen sie sich im Jahresgespräch ungerecht behandelt und verlassen ihren Arbeitgeber für das erstbeste Unternehmen, das ihnen eine Bonuszahlung bei Vertragsunterzeichnung verspricht. Dabei vergessen sie, die langfristigen Perspektiven des Unternehmens mit gebührender Sorgfalt zu prüfen.

Die Führungskräfte in unseren Umfragen und Interviews waren keine jungen, unerfahrenen Manager. Wir legten unser Augenmerk auf gestandene Frauen und Männer (überwiegend aus dem Topmanagement), die reichlich Erfahrung mit Personalentscheidungen für die höchsten Jobs in ihrem Unternehmen gesammelt haben. Doch viele erfolgreiche Menschen haben - darauf wies uns ein Personalberater hin - seit Jahren keine neue Stelle mehr gesucht, manche seit Jahrzehnten nicht mehr, und wissen daher erstaunlich wenig über die aktuellen Entwicklungen am Arbeitsmarkt.

Ein anderer Personalberater drückte es so aus: "Sie glauben, Unternehmen würden ihnen die Zeit geben, sich in neue Geschäftsbereiche einzuarbeiten - so wie einst in ihren jungen Jahren." Sie haben unrealistische Vorstellungen davon, wie lange es dauert, eine Stelle zu finden. Und wenn sie in der Hierarchie sehr weit oben stehen, ist es vielleicht schon eine Weile her, seit sie eine ehrliche Rückmeldung über ihre Stärken und Schwächen bekommen haben. Das ist ein Grund dafür, dass sie in so offensichtliche Fallen tappen. Die Schuld liegt aber nicht allein bei den Stellensuchenden. Unternehmen jagen diese Elite in der Hoffnung, sie einfach in ein bestehendes Organigramm umtopfen zu können. Viel zu oft gehen sie bei ihrer Auswahl kaum strategisch vor und haben sich noch weni-ger Gedanken darüber gemacht, wie sie ihre neuen Manager ins Unternehmen integrieren wollen.

Fehler 1: Zu wenig nachforschen

Wie wir von Personalberatern hörten, recherchieren Stellensuchende in vier wichtigen Punkten nicht sorgfältig genug.

Erstens machen sie oft ihre Hausaufgaben nicht, was die Stellensituation in ihrer Branche oder ihrem Beruf betrifft. Und weil sie schlecht informiert sind, haben sie unrealistische Vorstellungen bei der Jobsuche.

Zweitens achten sie nicht genug auf die finanzielle Stabilität und Marktposition potenzieller Arbeitgeber. Selbst Führungskräfte, die bei jedem Unternehmenskauf die Bilanz des Übernahmekandidaten eingehend prüfen würden, sind davon überzeugt, dass Unternehmen, die ihnen eine Stelle anbieten, solide wirtschaften. Tatsächlich stellen viele Arbeitgeber auch dann noch Führungskräfte ein, wenn Schwierigkeiten bereits absehbar sind. Deshalb ist es Aufgabe des Bewerbers zu beurteilen, wie wahrscheinlich es ist, dass es seine neue Position auch in sechs Monaten noch gibt.

Drittens überlegen Manager häufig nicht, ob sie mit ihrer Persönlichkeit in die Unternehmenskultur passen. Auch wenn das eigentlich die Aufgabe des Personalverantwortlichen sein sollte, fällt diese Einschätzung oftmals unter den Tisch - und der neue Mitarbeiter leidet später darunter, dass er schlecht ins Unternehmen passt.

Viertens glauben neue Mitarbeiter, dass ihr offizieller Titel und ihre Stellenbeschreibung exakt darlegen, worin später ihre Aufgaben bestehen werden. Dabei ist bekannt, dass Unternehmen einen Job bisweilen attraktiver ausschreiben, um hochkarätige Talente anzulocken.

In schlecht geführten Unternehmen kann es außerdem passieren, dass Mitarbeiter sich auf unzureichend definierten Posten wiederfinden, die wenig mit ihrem offiziellen Titel zu tun haben. Ein Manager erzählte uns, dass seine schlechteste Karriereentscheidung gewesen sei, ein Unternehmen für ein viel kleineres zu verlassen, in dem ihm der Job des Chief Financial Officers (CFO) angeboten worden war. Tatsächlich entsprach die Fülle seiner Pflichten aber der eines Chief Operating Officers (COO). Angesichts der Diskrepanz zwischen seinen wirklichen Aufgaben und der Jobbezeichnung fiel es ihm schwer, sich die Glaubwürdigkeit zu erarbeiten, die er für seine Arbeit benötigte.

Bewerbern gelingt es oft nicht, mögliche Arbeitgeber auf solche Details festzunageln, etwa bei der Frage, wie ihre Leistung gemessen wird. Ohne diese Informationen hängt der Erfolg jedes Schrittes jedoch allein vom Zufall ab.

Fehler 2: Dem Lockruf des Geldes folgen

Auf ein finanziell attraktives Angebot hereinzufallen ist nicht schwer. Wie uns Personalberater erzählten, stufen wechselwillige Führungskräfte das Einkommen nur als viert- oder fünftwichtigstes Kriterium ein. Doch wenn sie schließlich ihre Entscheidung treffen, rutscht die Bezahlung an erste Stelle. Auch einige Manager, die wir interviewten, bekannten sich zu diesem Fehler. Der Vice President für Talentförderung und Personalfragen eines internationalen Kasinokonzerns beschrieb seine eigene geldgesteuerte Entscheidung folgendermaßen: "Ich habe für die gleiche Arbeit wie vorher 10 000 Dollar mehr bekommen. Aber im Nachhinein betrachtet, war all das Geld es nicht wert, Kollegen und Kontakte bei meinem früheren Arbeitgeber aufzugeben."

Dass Stellensucher sich zu sehr auf die Bezahlung fixieren, ist ein häufig genannter Grund dafür, weshalb sie sich zu wenig über das neue Unternehmen informieren: "Die Chance auf einen höher qualifizierten Job und mehr Geld lässt viele vergessen, dass sie sich besser über den neuen Arbeitgeber erkundigen müssten", erklärte uns ein Personalberater.

Fehler 3: Vom alten Arbeitgeber wegwollen statt hin zum neuen Arbeitgeber

Oft sind Jobsuchende so unglücklich mit ihrer aktuellen Position, dass sie nur noch wegwollen. Anstatt den nächsten Karriereschritt zu planen, taumeln sie von einer Stelle zur nächsten und setzen sich künstlich unter Druck bei der Jobsuche, anstatt auf das richtige Angebot zu warten.

Kandidaten sparen sich nicht nur fundierte Nachforschungen über das neue Unternehmen in dem Glauben, dass die Früchte in Nachbars Garten süßer seien. Sie versäumen es auch, einen strategischen Blick auf ihr aktuelles Unternehmen zu werfen und zu schauen, ob es dort nicht vielleicht doch Entwicklungschancen für sie gibt.

Fehler 4: Sich selbst überschätzen

Nach Ansicht eines Personalberaters "glauben Menschen, dass sie einen höheren Beitrag für ihr Unternehmen leisten, als das tatsächlich der Fall ist. Und sie unterschätzen, wie stark ihr Arbeitgeber sie darin unterstützt, ihre Ziele zu erreichen." Wie wir herausgefunden haben, stufen Jobsuchende oft ihre Fähigkeiten sowie Karrierechancen und gelegentlich auch ihre Schuld an Fehlentwicklungen unrealistisch ein. Häufig gelingt es ihnen nicht, die Ursachen für Erfolg oder Misserfolg in ihrem aktuellen Job zu beurteilen. Wie uns ein Berater erklärte, betrachten Bewerber "ihr derzeitiges Unternehmen als Problem und erkennen nicht, dass sie selbst möglicherweise Teil dieses Problems sind". Ein anderer Berater stimmte dem zu: "Oft gelingt es Menschen nicht, die Realität zu erkennen und sich selbst kritisch zu betrachten. Daher glauben sie, dass ihre Frustration oder ihr Misserfolg mit äußeren Umständen und mit ihrer Umgebung zu tun haben statt mit ihren eigenen Problemen."

Ihre übertrieben optimistische Selbstwahrnehmung lässt Bewerber unterschätzen, wie lange die Suche nach einer neuen Stelle dauern kann und wie hoch die Kosten für den Wechsel sind. Sie überschätzen zudem, welche Gehaltsforderungen sie stellen können und wie gut sie mit den Herausforderungen der neuen Position zurechtkommen werden - insbesondere mit der schwierigen Aufgabe, in einem großen Unternehmen etwas zu verändern. Dieser letzte Fehler klang bei vielen Managern an, die wir interviewten. So bereute der CFO eines Softwarekonzerns, eine Stelle bei einem internationalen Unternehmen angenommen zu haben, das "so viel größer, unübersichtlicher und unpersönlicher war und in dem es so viel schwieriger war, etwas zu bewirken. Egal was ich versucht habe, es machte einfach keinen Unterschied."

Fehler 5: Zu kurzfristig denken

Eine kurzfristige Perspektive kann jeden der anderen vier Fehler verschlimmern. Wenn Sie sich beispielsweise überschätzen, glauben Sie vielleicht, dass Sie jetzt sofort eine Belohnung verdienen und nicht erst in fünf Jahren. Sowohl die Entscheidung, Ihr Unternehmen des Geldes wegen zu verlassen, als auch der Drang, den alten Arbeitgeber verlassen zu wollen, statt gezielt auf einen neuen Arbeitgeber zuzugehen, sind zu stark von kurzfristigen Informationen und Überlegungen beeinflusst. "Wie viel Geld könnte ich momentan verdienen?", fragt sich der Manager. "Wie kann ich einem unangenehmen Arbeitsumfeld entgehen?" Doch viele Personalberater stuften eine mangelnde Langzeitperspektive als schweren Karrierefehler ein; sie nannten ihn als separaten Punkt und erwähnten ihn nicht nur im Zusammenhang mit anderen Fehlern.

Entscheiden unter Druck

Die Fehler von Stellensuchenden passieren nicht zufällig. Jeder von uns ist psychologischem, gesellschaftlichem und zeitlichem Druck ausgesetzt; dadurch kann uns jeder der fünf Fehler unterlaufen. Auch wenn niemand davor gefeit ist, können wir uns und andere hinterfragen, um die negativen Folgen dieses Drucks abzuschwächen.

Psychologischer Druck

Wir alle sind bestrebt, uns ein Gefühl psychologischer Sicherheit zu erhalten - indem wir ein positives Selbstbild aufbauen, die Welt für durchschaubar und berechenbar halten und Risiken vermeiden. Dies kann uns zur Selbstüberschätzung verleiten und dazu, nur jene Informationen wahrzunehmen, die unsere vorhandenen Auffassungen stützen. Psychologen nennen diese selektive Wahrnehmung "Bestätigungsfehler". Sie kann sich verheerend auf eine strategisch angelegte Stellensuche auswirken. Ein Unternehmen, das neue Mitarbeiter einstellen möchte, wird sich in vorteilhaftem Licht darstellen, und wenn ein Kandidat seinen Job wechseln möchte, wird er sehr geneigt sein, nur die positiven Seiten zu sehen.

Der Wunsch, uns selbst zu schützen, ist stärker als unser Ego. Wir versuchen auch, unser materielles Wohlergehen aufrechtzuerhalten, indem wir Verluste minimieren. Da ganz klar ist, was jemand aufgibt, der seine aktuelle Stelle verlässt - selbst im schlimmsten Fall ist es immer noch das bekannte Übel -, mag eine extreme Fokussierung auf kurzfristige Vorteile und Geld ihn vor langfristigen Risiken schützen, die er noch nicht wirklich einschätzen kann.

Und dies sind die grundlegenden Fragen, die Sie sich bei jedem Schritt des Wechselprozesses stellen sollten: "Was, wenn ich mich irre? Welchen Be-weis gibt es, dass dieses neue Unternehmen gut zu mir passt?" Informieren Sie sich mindestens so gut über ein Unternehmen, in dem Sie arbeiten möchten, wie Sie sich über eine Firma informieren würden, deren Aktien Sie kaufen wollen. Entwickeln Sie alternative Szenarien. Überlegen Sie, wie Sie über Ihren derzeitigen Job denken würden, wenn beispielsweise Ihr Chef das Unternehmen verließe oder das Unternehmen nach Ihrem Abgang einen verlockenden neuen Kunden gewinnen würde. Und überdenken Sie, ob Sie manche Ereignisse in der Vergangenheit womöglich sehr egoistisch interpretiert haben. Welchen Beitrag haben zum Beispiel Ihre Arbeitskollegen zu Ihrem Erfolg geleistet?

Dies ist eine schwierige Aufgabe, und sie ist nur schwer allein zu bewältigen. Viele der von uns befragten Manager nehmen für diese Realitätsprüfung die Hilfe eines Mentors, eines Netzwerks oder eines persönlichen "Aufsichtsrats" in Anspruch.

Sozialer Druck

Unangenehme Situationen im Umgang mit anderen können den Kampf- oder Fluchtinstinkt in uns auslösen, was die Fähigkeit zu strategischem Denken sofort ausschaltet. Und sie verleiten uns immer wieder zu "Weg von"- statt "Hin zu"-Entscheidungen. Der CFO einer Marketingagentur erinnerte sich an eine solche Situation, in der er lieber den Job wechselte, statt ein oder zwei heikle Gespräche zu führen: "Obwohl ich mich im Unternehmen wohlfühlte und mich hervorragend mit dem CFO verstand, habe ich vor meinem Weggang nie mit ihm über das gesprochen, was mich bewegte. Rückblickend ist mir klar, dass er maßgeblich dazu hätte beitragen können, meine Karriere innerhalb des Unternehmens voranzutreiben. Wäre ich geblieben, könnte ich heute sehr glücklich und abgesichert leben."

Stressbewältigungsmethoden wie Yoga oder Meditation können helfen, diese Art sozialer Ängste abzubauen. Das gilt auch für das Durchspielen schwieriger Unterhaltungen, allein oder mit einem Partner. Indem Sie klare Kommunikation üben und Ihre Anliegen immer wieder formulieren, können Sie in einem echten Gespräch Ihre emotionalen Reaktionen kontrollieren und sachlich bleiben. Durch offene Gespräche mit Ihren Kollegen und Ihrem Chef können Sie womöglich Ihre derzeitige Stelle retten, statt sich in einen unklugen Jobwechsel zu stürzen.

Wenn Sie ernsthaft über einen Wechsel nachdenken, dann scheuen Sie sich nicht, im Vorstellungsgespräch hartnäckige Fragen zu stellen. Wenn Ihr Gesprächspartner nicht mit direkten und sachbezogenen Fragen umgehen kann, sagt das einiges über die Unternehmenskultur aus.

Soziales Unbehagen schüchtert uns viel mehr ein, als es uns jemals schaden könnte. So ist weithin bekannt, dass die meisten Menschen mehr Angst davor haben, in der Öffentlichkeit zu sprechen, als vor dem Tod. Wenn Sie es schaffen, solche irrationalen Ängste abzubauen, können Sie sich vielleicht auch von dem gesellschaftlichen Druck lösen, der Sie zu übereilten, unpassenden Karriereschritten verleitet.

Zeitdruck

Ein vorschneller Jobwechsel aufgrund von unzureichenden Informationen hat von vornherein einen Makel. Unter Zeitdruck neigen Menschen dazu, die immergleichen, vorhersagbaren Fehler zu machen. Sie konzentrieren sich auf leicht verfügbare Details wie Gehalt und Jobbezeichnung, anstatt tiefer gehende Fragen zu stellen. Zudem richten sie ihr Augenmerk nur auf die unmittelbare Zukunft und lassen langfristige Überlegungen unberücksichtigt oder interpretieren sie falsch. Viele haben auch einen Hang zur Egozentrik. Sie achten nur auf das, was sie persönlich betrifft, und lassen den größeren Kontext außer Acht.

Gleichwohl unterliegt ein Karrierewechsel immer einem gewissen Zeitdruck. Um damit zurechtzukommen, so berichtete ein COO in unserer Umfrage, versuche er stets, über Branchentrends in den USA und weltweit auf dem Laufenden zu sein. Dies sei eine Möglichkeit, bei Karriereentscheidungen immer eine Nasenlänge voraus zu sein.

Doch egal, wie gut Sie informiert sind: Sie brauchen Strategien, um Ihre üblichen Denkmuster abzulegen und darauf zu achten, dass Sie nicht nur die naheliegendsten, lautesten und am schnellsten zugänglichen Informationsquellen berücksichtigen. Erstellen Sie mithilfe Ihres Mentors oder Netzwerks eine Liste mit Unwägbarkeiten. Stellen Sie kontrafaktische Überlegungen an. Fragen Sie sich also, ob Sie den neuen Job auch annehmen würden, wenn Sie das gleiche Gehalt bekämen wie auf Ihrer jetzigen Stelle. Überlegen Sie sich, wie es in den kommenden drei Jahren vermutlich in Ihrem jetzigen und dem neuen Unternehmen weitergehen wird, und gehen Sie dabei einmal vom optimistischsten, einmal vom pessimistischsten Szenario aus. Welche Entscheidung wäre in jeder dieser Situationen die richtige?

Nicht um jeden Preis wechseln

Und was, wenn Sie einen falschen Job annehmen? Alle von uns befragten Manager waren sich in diesem Punkt einig: Minimieren Sie den Schaden, und ziehen Sie weiter. Trotzdem kann die Lösung nicht sein, in eine weitere unbefriedigende Anstellung zu flüchten. Unser Vorschlag: Gehen Sie Ihren nächsten Schritt strategisch an - und wo immer im Jobsuchprozess Sie sich gerade befinden, zögern Sie nicht, einen anderen Weg einzuschlagen, sobald Ihnen klar wird, dass ein bestimmter Wechsel nicht richtig wäre.

Der beste Schutz vor Fehlern beim Karrieremanagement ist womöglich Selbsterkenntnis. Dabei handelt es sich um ein vielschichtiges Kon-zept, bei dem es nicht nur darum geht, Ihre karriererelevanten Stärken und Schwächen zu verstehen, sondern auch darum zu erkennen, für welche Fehler Sie anfällig sind. Dazu gehört das Wissen, wie Sie diese Anfälligkeit bekämpfen können, wie andere Sie wahrnehmen, wann Sie die Hilfe eines Mentors oder eines Netzwerks Ihres Vertrauens in Anspruch nehmen sollten, welche Kriterien einen Job für Sie wirklich befriedigend machen und worin für Sie eine gesunde Work-Life-Balance besteht.

BORIS GROYSBERG

(bgroysberg@hbs.edu) ist Associate Professor für Organisationsverhalten an der Harvard Business School. Im Mai erscheint sein Buch "Chasing Stars" (Princeton University Press 2010).

ROBIN ABRAHAMS

(rabrahams@hbs.edu) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Organisationsverhalten der Harvard Business School.

© 2010 Harvard Business School Publishing

Produktnummer 201003018, siehe Seite 112

Illustrationen: Luke Best

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