Zur Ausgabe
Artikel 15 / 19
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Bücher Showdown im Internet

Eine Polemik gegen die zerstörerische Umsonstkultur des Web 2.0 wühlt in den USA die Blogosphäre auf. Nun ist das umstrittene Buch auch auf Deutsch erschienen.
aus Harvard Business manager 9/2008

Dieses Buch polarisiert. So sehr, dass die amerikanischen Leser es auf Amazon.com entweder mit fünf Sternen oder mit nur einem Stern bewertet haben. So sehr, dass sich Genauso-istes-Kommentare und Hasstiraden gegen den Autor exakt die Waage halten. "Reaktionär" und "anmaßender Wichtigtuer" sind dabei noch die harmloseren Beschimpfungen. Ein sicheres Indiz dafür, dass Andrew Keen mit seiner Polemik "Die Stunde der Stümper - Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören" den Nerv des Web 2.0 getroffen hat.

Er greift genau das an, was den Jüngern des Mitmachnetzes lieb und billig ist: die Umsonstkultur der sogenannten nutzergenerierten Inhalte. Wikipedia, YouTube, Blogs & Co. gefährdeten, so argumentiert Keen, die Arbeit von Buchautoren, Musikern, Filmemachern, Fotografen und Journalisten. Sie stürzten Unternehmen in den Ruin und machten Tausende arbeitslos. Denn wo Amateure teuer produzierte Inhalte stehlen und nach Belieben neu mischen können, da bleiben Qualität, Glaubwürdigkeit und letztlich auch Talente auf der Strecke.

Da es keine materiellen Anreize mehr gebe, lohne es sich auch nicht mehr, kreativ zu arbeiten. Oder, wie Keen es formuliert: "Begabte, gut ausgebildete Menschen wird man nicht im Schlafanzug am Computer finden." Dass Blogger sich damit brüsten, weder Ausbildung noch Normen oder Moralkodex zu haben, ist ihm zutiefst zuwider.

Sein Buch ist das "Zwölf Uhr mittags" der modernen Informationsgesellschaft: der große Showdown zwischen Experten und Laien. Nur dass diesmal wohl nicht die Guten (in Keens Augen: die gebildeten, ehrbaren Experten) triumphieren werden.

Wer nun glaubt, Andrew Keen sei ein Technikfeind, der irrt. In den 90er Jahren gehörte er zu den Pionieren des Goldrauschs im Internet und gründete Audiocafe.com, eine Website für digitale Musik. Erst 2004 begann er seinen Feldzug gegen die Oberflächlichkeit des Mitmachnetzes.

Es sei noch einmal gesagt: Dieses Buch ist eine Polemik. Nicht alle Argumente sind komplett wasserdicht. Und gegen Ende vergaloppiert sich der Autor in den kriminellen Auswüchsen des Webs wie Online-Glücksspiel, Kinderpornografie und Identitätsdiebstahl. Doch er schafft es hervorragend, jenes Unbehagen in Worte zu fassen, das sensiblere Internetnutzer immer mal wieder überfällt.

Am Ende ruft Keen nach dem Staat und neuen Gesetzen, was zeigt, dass er den Kampf im Grunde schon verloren gibt. Aber er hat es wenigstens versucht. Unter seinem echten Namen. Mit einem ordentlich lektorierten Buch. Mit eigenen Ideen. Das soll ihm erst mal ein Blogger nachmachen.

Zur Ausgabe
Artikel 15 / 19
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.