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Kolumne Sensible Aufsteiger

aus Harvard Business manager 3/2009

Karriere ist ein anderes Wort für Zielstrebigkeit, weckt Assoziationen von Planung und Kalkül - im schlimmsten Falle von kaltem Karrierismus. Nämlich dann, wenn alles andere im Leben dem Ziel des Vorankommens untergeordnet wird und Zielstrebigkeit nur noch eine Art betriebswirtschaftlicher Kalkulation des Grenznutzens von Studieninhalten, Bekanntschaften, Netzwerken und Weiterbildungen darstellt.

Meine These aus den Erfahrungen als Wirtschaftssoziologe, der an der Ausbildung von künftigen Personalern, Coachs, Ingenieuren - ja: Ingenieuren wird mittlerweile Soziologie verabreicht - und Kaufleuten beteiligt ist: Vergesst das alles. Die Wege nach oben haben sich in den letzten Jahren so diversifiziert, dass die beste Möglichkeit, sie zu finden, eine wache Sensibilität für den Zufall ist. Es herrscht munteres Chaos. Die Wirklichkeit tanzt der Statistik mit ungezählten Einzelfällen auf der Nase herum. Und jeder von uns ist ein Einzelfall.

Ich habe das wissenschaftlich getestet, habe mit meinen Studenten Untersuchungen vieler Berater (Spencer Stuart, Heidrick & Struggles, Hermann Simon und viele andere) erneut gelesen, ungezählte Biografien studiert, eine Analyse von Best Practices unternommen und Absolventinnen und Absolventen verschiedenster Disziplinen befragt.

Das Ergebnis ist vielfältig und unübersichtlich, stimmt aber gerade dadurch optimistisch: Trotz der Mutmaßung, dass Spitzenpositionen durch "soziale Adoption" vergeben würden (Stichwort: Habitus), sind letztlich alle Herkunftsmilieus vertreten. Die Bedeutung der Studienfächer sinkt. Während bis in die 80er Jahre ein Jurastudium den Einstieg in hohe Positionen fast garantierte, dominierten danach eine kurze Zeit Betriebswirte mit finanzwirtschaftlicher Spezialisierung. Wenig später verlagerte sich der Schwerpunkt auf Leute mit Vertriebserfahrung, abgelöst von Wirtschaftsingenieuren mit MBA. In manchen Branchen punkten Ingenieure auch auf BWL-Terrain: Sie besetzen bereits zwei Drittel der Managementpositionen im Maschinenbau.

Ein leichter Anstieg der Spitzenkräfte mit personalwirtschaft-lichen Kompetenzen mag eine neue Tendenz andeuten, könnte aber auch Zufall sein. Zudem ist es keineswegs ausgeschlossen, dass interessante Positionen weiter mit Juristen besetzt werden, auch im Personalwesen. Quereinstiege nehmen zu. Im Mittelstand schreitet die Feminisierung voran. Alter wird unwichtiger. Vor allem aber: Kaum einer der Erfolgreichen hatte seinen Karriereweg wirklich geplant. Wir konnten keine Regel erkennen.

Selbst die Suche nach mystischen Faktoren lief ins Leere. Immerhin habe ich - in der Hoffnung, es käme Widder heraus - die Sternbilder untersuchen lassen. Kein Befund. Kalkulationen auf Karrieren gleichen Systemen fürs Roulette.

Und doch bleibt am Ende etwas Gemeinsames: der un-verwechselbare Charakter kraftvoller Individuen mit der Begeisterung für eine Idee, dem Mut zu ungewöhnlichen Lösungen, der Fähigkeit zur Kommunikation und der Sensibilität für die Wirklichkeit jenseits der eigenen Horizonte. In diesem Licht erscheint Karriere nur als ein anderes Wort für die Abfolge ungeahnter Möglichkeiten. _

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