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Weiterbildung "Seminare bringen nichts"

DIE STUDIE: Die Professoren Wieland Cichon und Holger Günzel von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München haben untersucht, inwieweit Trainings für einen Projekterfolg entscheidend sind. Sie nutzten ein Projektplanspiel und teilten dafür 46 BWL-Studenten in zwei Gruppen ein. Das eine Team lernte zuerst die Grundlagen des Projektmanagements, das andere startete sofort mit der Projektsimulation und bekam den Theorieteil nachgeliefert. Am Ende war keine der beiden Gruppen signifikant besser. DIE THESE: Einmalige Schulungen zur Vorbereitung auf ein Projekt lohnen sich nicht.
aus Harvard Business manager 2/2011

Verteidigen Sie Ihre Forschung, Professor Cichon!

CICHON Die Ergebnisse des Planspiels haben uns selbst überrascht. Wir gingen anfangs davon aus, dass sich theoretische Crashkurse zu wichtigen Projektmanagementthemen effektiv auf den Projekterfolg auswirken würden. Doch das war ein Trugschluss. Zwischen der theoretisch geschulten Gruppe und der Praxisgruppe stellten wir keine signifikanten Unterschiede bei den vier Messgrößen Kosten, Motivation, Zeit, Qualität fest. Für jede dieser Größen wurde ein Zielwert von 100 Prozent festgelegt. Bei den Kosten zum Beispiel erreichte die Theoriegruppe im Mittel 96 Prozent und die Praxisgruppe 97 Prozent, das heißt, sie haben das anvisierte Budget leicht überschritten. Wir konnten mit diesen Ergebnissen also nachweisen, dass einmalige Trainingsmaßnahmen verpuffen. Wir haben die Ergebnisse unserer Studie anschließend mit diversen Lerntheorien abgeglichen und festgestellt, dass sie sich 1:1 auf das Verhalten in realen Projekten übertragen lassen. Unsere These ist daher, dass auch Manager in der ersten Stresssituation das Gelernte wieder über Bord werfen.

Ein klassischer Anfängerfehler?

CICHON Richtig. Unsere Referenzgruppe im Planspiel hat gezeigt, wie wichtig die Wiederholung des Gelernten ist. Sie verfügte über mehr Erfahrungen im Projektmanagement und erzielte deutlich bessere Ergebnisse, weil sie das Gelernte bereits verinnerlicht hatte. Die Referenzgruppe übertraf die Zielwerte bei unseren Messgrößen. Sie erreichte bei den Kosten 101 Prozent, beim Faktor Zeit 110 Prozent und beim Faktor Motivation 107 Prozent. Neben der Wiederholung ist das Einbinden in einen kontinuierlichen Lernprozess mit einem Lernkonzept entscheidend für den Erfolg. Lernen erstreckt sich über einen Zeitraum, es erfolgt am und im Projekt. Solche Lernphasen müssen definiert und eingeplant werden. Ansonsten sind vorbereitende Seminare hinausgeworfenes Geld.

Wann lohnen sich solche Kurse denn überhaupt?

CICHON Trainings bringen nur etwas, wenn sich Theorie und Praxis ergän-zen und miteinander verzahnt sind. Die Theorie darf also nicht losgelöst von einer konkreten Problemstellung vermittelt werden. Vielmehr muss der Teilnehmer einen Nutzen für sich persönlich erkennen. Nur dann wird er den Stoff aufnehmen und weiterverarbeiten. Ein weiteres Ergebnis unserer Simulation war, dass Seminare wenig effektiv sind, wenn der zeitliche Abstand zur Umsetzung im Alltag zu groß ist. Die Teilnehmer müssen in der Praxis schnell das Erlernte einüben und verinnerlichen. So kann etwa ein nachfolgender Workshop dazu dienen, das Gelernte unternehmensspezifisch weiterzuentwickeln und zu verfeinern. Wichtig ist, dass der praktische Nut-zen der Methode definiert und erkennbar ist.

Inwieweit ist Unternehmen dieser Zusammenhang klar?

CICHON Es ist Fakt, dass in den Jah-ren der Krise als Erstes an der Weiterbildung gespart wurde; schnelle Erfolge rückten in den Vordergrund, doch dadurch entstand ein langfristiger Schaden. Derzeit bieten viele Unternehmen vielleicht gerade noch einen Online-Vorbereitungskurs, dann geht es in das Seminar, und das war's. Unserer Einschätzung nach gibt es keine Nachbereitung, keine Begleitung, kein Mentoring. Der praktische Nutzen ist selten erkennbar, das nachhaltige Lernen fehlt. Es ist ein kurzsichtiges Geschäft. Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Seminare schlecht sind. Was aber fehlt, ist die Einbindung in ein Lern- und Entwicklungskonzept. Hier müssen die Unternehmen dringend ansetzen.

Was sollten Manager noch beachten, wenn sie Mitarbeiter zum Thema Projektmanagement richtig schulen wollen?

CICHON Es sollte die Devise gelten: Think big, start small. Wir meinen damit, klein zu starten und das große Bild nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn ich auf ein konkretes Projekt schaue, bewerte, was gut und was schlecht gelaufen ist, und daraus ableite, was ich gelernt habe, erkenne ich den Handlungsbedarf. Auf dieser Basis können Module für die Mitarbeiter, die Projekte, die Kompetenzen und den Handlungsbedarf erarbeitet werden, die in ein Lernkonzept münden. Am Ende steht die Integration in die Organisations- und Personalentwicklung. Das Ziel ist eine laufende Verbesserung und Verfeinerung der Lernkonzepte, hin zu einer Lernkultur.

Ein weiteres Ergebnis Ihrer Untersuchung zeigt, dass Projekte einen gewissen Grad an Entschleunigung brauchen. Lässt sich das im Alltag mit zunehmender Projektarbeit und dem damit verbundenen Abgabedruck überhaupt umsetzen?

CICHON Ich kann trotz des großen Termindrucks während eines Projekts Pausen einbauen, die es mir erlauben, meine Verhaltensweisen zu hinterfragen und zu ändern. Und ich kann mir am Ende eines Projekts und vor dem nächsten die Zeit nehmen, das Abgearbeitete zu betrachten und mal zu fragen "Was war gut?" und vor allem "Was war schlecht?" Dann lässt sich auch die Frage beantworten, was in kommenden Projekten besser gemacht werden kann. Leider findet diese Retrospektive zu selten statt, weil immer schon das nächste Projekt ansteht. Erleichterung kann daher nur durch andere Vorgaben der Geschäftsführung kommen.

Jeden Monat überprüfen wir die Thesen eines Wissenschaftlers.

Dieses Mal sprachen wir mit (hier mit Studenten). Er ist Professor für Projektmanagement, Organisation und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München. Er forscht über Bestimmungsfaktoren und Gestaltungsmöglichkeiten der Zusammenarbeit von Menschen und Organisationen.

ERFAHRUNG

IST DER ZENTRALE WERT

für das Gelingen eines Projekts. Je mehr Kenntnisse und Erfahrungen Seminarteilnehmer im Projekt-management haben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche anschließende Projektarbeit.

NACHDRUCK

Nummer 201102014, siehe Seite 112 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Manager

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