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Psychologie Selbstvertrauen ist ansteckend

Ist ein Teammitglied übermäßig selbstbewusst, wirkt sich das auf alle anderen aus, fanden Forscher in Gruppenexperimenten heraus. Dieser Effekt ist nicht nur positiv, sondern kann auch gefährlich für Unternehmen werden.
aus Harvard Business manager 11/2020

Illustration: Tim Bower

Das Selbstwertniveau innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen ist oft ähnlich hoch. Man vergleiche die ausgeprägte Demut der !Kung-Völker im südlichen Afrika mit der Kultur der Arroganz, die den Energiekonzern Enron in den Bankrott trieb und viele seiner Führungskräfte ins Gefängnis brachte.

Ein Forscherteam hat sich nun der Frage gewidmet, warum übermäßiges Selbstvertrauen in sozialen Clustern auftritt. Einer der Gründe, nachgewiesen in sechs Experimenten: Selbstvertrauen ist ansteckend.

Im ersten Experiment wurden 104 Studierende per Zufall zu Paaren gruppiert. Erst mussten sie einzeln eine Aufgabe am PC lösen und zuvor voraussagen, wie gut sie selbst abschneiden würden. Dann arbeitete jedes Paar gemeinsam an einer Erweiterung der Aufgabe; anschließend mussten beide Probanden ihre Einzelleistung neu bewerten.

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Die Forscher fanden heraus, dass die Zusammenarbeit mit übermäßig selbstbewussten Probanden (deren Selbsteinschätzung viel besser war als ihre spätere Punktzahl) auch deren Partner allzu selbstsicher machte. Folgeexperimente zeigten, dass der Effekt dauerhaft war und über verschiedene Aufgaben hinweg anhielt. Er trat auch dann auf, wenn die sozialen Bindungen nur indirekt waren und die Probanden wussten, dass das Selbstbewusstsein ihres Partners ungerechtfertigt war.

Zu viel Selbstbewusstsein ist fatal

Doch es gab eine Ausnahme: Wenn die selbstbewussten Statements von Mitgliedern einer Außenseitergruppe kamen (in der Studie erfuhren Studierende der University of Illinois, dass ihr Partner von einem Football-Erzrivalen kam), dann wirkte Selbstvertrauen nicht ansteckend.

"Allzu hohes Selbstbewusstsein kann schlimme Folgen haben – Gewalt oder Krieg, Unternehmenspleiten und Börsenblasen", schreiben die Forscher. "Daher ist es wichtig zu verstehen, wie sich solche Verzerrungen verhindern lassen." Beim Aufbau von Unternehmen oder Teams  müsse künftig auch der soziale Einfluss durch übermäßig selbstbewusste Individuen berücksichtigt werden.

Quelle: Joey T. Cheng et al.: "The Social Transmission of Overconfidence", Journal of Experimental Psychology: General, Juni 2020

Dieser Artikel erschien in der November-Ausgabe 2020 des Harvard Business manager.

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