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Selbstdarstellung Unbescheidene Chefs schaden sich selbst

Sich für jeden Erfolg feiern zu lassen kann Topmanagern erheblich schaden, wie eine Studie zeigt. Sie werden dann auch für Probleme allein verantwortlich gemacht – und fliegen häufiger raus.
aus Harvard Business manager 9/2022
Wer sich als Führungskraft in den Mittelpunkt stellt und für Erfolge feiern lässt, der muss sich auch für Misserfolge rechtfertigen.

Wer sich als Führungskraft in den Mittelpunkt stellt und für Erfolge feiern lässt, der muss sich auch für Misserfolge rechtfertigen.

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Westend61 / Getty Images

Ein Unternehmen verzeichnet eine unerwartet positive Gewinnentwicklung. Die Freude ist groß – doch wer darf die Lorbeeren einheimsen? Für manche CEOs ist die Antwort klar: Natürlich haben sie diese Entwicklung herbeigeführt und niemand sonst. Doch es kann ein fataler Fehler sein, sich öffentlich als der oder die Alleinverantwortliche für den Gewinnsprung zu inszenieren. Denn wenn die Geschäftslage sich verdüstert, werden unbescheidene CEOs ebenfalls dafür verantwortlich gemacht – und mit höherer Wahrscheinlichkeit gefeuert.

Das hat ein Forschungsteam um die Managementprofessorin Nandini Rajagopalan von der USC Marshall School of Business in einer Analyse  von 23.000 Medienartikeln über mehr als 350 CEOs herausgefunden.

Eine weitere Erkenntnis aus der Studie: Umgekehrt werden Unternehmenschefs, die bescheiden auftreten und sich Erfolge nicht allein als Verdienst anrechnen, seltener für spätere Verluste verantwortlich gemacht. Und sie müssen deswegen auch nicht so oft ihren Posten räumen.

Grund dafür sei vor allem ein psychologisches Phänomen, der Ankereffekt ("Anchoring"), schreibt das Forschungsteam: Wenn eine CEO Analysten und Boardmitglieder glauben mache, die Erfolge seien allein auf ihre genialen strategischen Entscheidungen zurückzuführen, "verankere" sie bei ihnen eine gedankliche Verbindung zwischen CEO-Leistung und Unternehmenserfolg.

Die verzerrten Urteile dieser Gruppe könnten wiederum großen Einfluss auf Urteile in den Medien und in der Öffentlichkeit haben. Wenn dann der öffentliche Druck auf die CEO steige, gäben Boards diesem häufiger nach, statt ihre Entscheidungen auf Grundlage einer fairen, umfassenden Bewertung ihrer gesamten Amtszeit zu treffen.

"Die Tendenz der Wall Street, kurzfristiger Performance den Vorzug zu geben, hat leider eine Kultur befördert, die anfällig für kognitive Abkürzungen ist", erklären Rajagopalan und ihre Co-Autoren. Daher sollten CEOs bei Fragen der Selbstdarstellung eher einen weitsichtigen, nachhaltigeren Ansatz wählen. "Es ist nur natürlich, sich Anerkennung dafür zu wünschen, wenn alles gut läuft. Aber unsere Forschungen deuten darauf hin, dass sich ein wenig Bescheidenheit im Vorfeld auszahlt, sobald sich die Dinge zum Schlechteren wenden."

Quelle: Nandini Rajagopalan et al.: "Be careful what you wish for: CEO and analyst firm performance attributions and CEO dismissal", Strategic Management Journal, Oktober 2021

Ausgabe September 2022

Junge Säcke, alte Hüpfer

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