Neue Routinen entwickeln Nicht gleich aufgeben

Wer seine Angewohnheiten langfristig verändern will, muss erst lernen, mit Misserfolgen umzugehen. Wie Sie Vorsätze umsetzen - und auch wirklich dabei bleiben.
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Wohl nur die wenigsten von uns haben zum Jahreswechsel den Neujahrsvorsatz gefasst, mehr zu scheitern. Vielleicht aber würde uns genau das guttun.

Wenn Sie langfristig neue Angewohnheiten etablieren wollen, müssen Sie zuerst lernen, zu scheitern. Die Soziologin Christine Carter sagt, dass wir uns besser an neue Routinen gewöhnen, wenn wir anfangs akzeptieren , dass wir es auch mal nicht hinbekommen. Und egal wie intelligent wir sind oder wie schlau wir uns anstellen, neue Vorsätze umzusetzen wird uns am Anfang nie leichtfallen. Es ist deutlich wahrscheinlicher, dass wir uns schwertun, als dass wir sofort in einen "Flow" kommen. Unser Gehirn möchte uns solche vermeintlichen Rückschläge ersparen, deshalb müssen wir lernen, in kleinen Schritten zu scheitern.

Hier sind vier Strategien, die ich in meinen Workshops vorstelle und die viele meiner Coaching-Klienten erfolgreich angewandt haben. Mit ihnen können Sie neue Vorsätze auch wirklich umsetzen und ein Leben lang davon profitieren.

Werden Sie immun gegen Rückschläge

Der Unternehmer Jia Jiang feierte gerade den erfolgreichen Kauf eines Unternehmens, als der Deal plötzlich platzte. Ihm war zwar klar, dass Misserfolg für jeden Unternehmensgründer dazugehört, aber er tat sich sehr schwer damit, zurückgewiesen zu werden. Also beschloss Jiang, eine regelrechte Immunität gegen Ablehnung aufzubauen. Er erfand eine 100-tägige Reihe kleiner Experimente , bei denen er wahrscheinlich Zurückweisung erfahren würde. Darunter: Einen Fremden Fragen, ob er in dessen Garten Fußball spielen darf und während eines Live-Interviews im Fernsehen darum bitten, den Wetterbericht vortragen zu dürfen (hier  die vollständige Liste).

Kleine Fehlschläge bewusst herbeizuführen ist eine gute Möglichkeit, sich auch gegen große Enttäuschungen abzuhärten. Sie sprechen nicht gern in der Öffentlichkeit? Ihre Stimme zittert, Sie stolpern über Ihre Worte und fühlen sich von Mal zu Mal unsicherer? Fangen Sie klein an: Filmen Sie sich beim Sprechen eines Satzes und sehen Sie sich die Aufnahme an. Oder Sie überwinden sich, in einer Besprechung auf eigene Initiative eine Frage in die Runde zu stellen.

Wenn wir uns unseren Schwächen in kleinen Schritten stellen, ist es weniger wahrscheinlich, dass wir im Falle des Scheiterns eine allzu herbe Enttäuschung erfahren. Vielmehr würden wir von einem Rückschlag sogar profitieren, denn wir stärken unsere Immunität  und erhöhen die Chancen, in Zukunft über unsere Schwächen hinauszuwachsen.

Verpflichten Sie sich, bevor Sie sich drücken könnten

So begeistert wir auch sind, wenn wir ambitionierte Vorsätze fassen, ebenso groß ist auch unsere Angst vorm Scheitern. Es ist immer leicht, sich einzureden, dass heute der falsche Tag ist, um das Strategiepapier zu schreiben oder das unangenehme Gespräch  zu führen.

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Allerdings gibt es ein Zeitfenster zwischen der Entschlussfassung und jenem Tag, an dem wir aus Selbstschutzgründen einen Rückzieher machen. Nutzen Sie dieses Zeitfenster, um eine Verpflichtung gegenüber jemand anderem einzugehen. Sie können zum Beispiel einen Termin mit einer Kollegin oder einem Kollegen vereinbaren, um die unliebsame Aufgabe zu besprechen. Oder Sie verfassen einfach eine E-Mail, die ein Projekt gegenüber Ihrem Team einläutet, noch bevor Sie damit begonnen haben. Mit einer solchen Selbstverpflichtung schaffen wir einen Impuls, um ins Handeln zu kommen und machen uns anderen gegenüber verantwortlich. Und ist eine solches Bekenntnis erst einmal ausgesprochen, wird es uns viel schwerer fallen, davon abzurücken.

Verinnerlichen Sie Ihre Erkenntnisse

Wie heißt es so schön: Es kommt nicht darauf an, nicht hinzufallen, sondern immer wieder aufzustehen. Ebenso sollten Sie aus Ihren Misserfolgen lernen und sich anschließend wieder aufraffen. Wir neigen dazu, uns bedeckt zu halten (und uns vielleicht sogar ein paar Tage krankzumelden), wenn wir nicht die perfekte Lösung für ein Problem gefunden haben. Versuchen Sie stattdessen die Vorteile der gesammelten Erkenntnisse herauszustellen, um dem Scheitern den Schrecken zu nehmen.

Ein Unternehmen, mit dem ich zusammenarbeite, hat zum Beispiel eine Datenbank mit "Lessons learned". Nach jedem Meilenstein im Projekt rekapitulieren die Teammitglieder ihre Erkenntnisse und erstellen Einträge in der Datenbank. Kollegen, die am nächsten Projekt arbeiten, gehen dann diese Einträge durch, bevor sie mit ihrer Arbeit beginnen.

Als Einzelner können Sie Ihre eigenen Erkenntnisse reflektieren und sie in einer Besprechung oder schriftlich an Ihr Team weitergeben - oder Sie halten Ihre Erkenntnisse einfach griffbereit, um zu gegebenem Anlass darauf zurückgreifen zu können. Verwenden Sie außerdem eine eher vorsichtige Sprache, während Sie neue Kompetenzen aufbauen. Wenn Sie etwas als Experiment, Beta-Version oder Entwurf bezeichnen, nehmen Sie innerlich die Haltung eines Ausprobierenden ein. Dies macht Perfektion überflüssig und ermöglicht es Ihnen, schneller voranzukommen und auf dem Weg dorthin hilfreiches Feedback und Zuspruch einzusammeln.

Messen Sie ihren Fortschritt und erlauben Sie sich, aufzuhören.

Der beste Weg, von einem Couch-Potato zum Marathonläufer zu werden, besteht nicht darin, sich für jede versäumte Trainingsmöglichkeit selbst zu bestrafen. Jedes Mal, wenn wir uns Vorwürfe machen, untergraben wir jegliche Motivation, es weiter zu versuchen. Verfolgen Sie stattdessen ihre Ergebnisse über einen längeren Zeitraum, anstatt jeden Tag einzeln zu beurteilen. Wenn Sie ein Tagebuch über Ihre Bemühungen führen, werden Sie mit der Zeit feststellen, wohin die Tendenz geht.

Außerdem sollten Sie aufhören, wenn es am schönsten ist - also dann, wenn sie erfolgreich waren und es immer noch Spaß macht. Um sicherzustellen, dass Sie diesen Moment nicht verpassen, analysieren Sie, wann während vorausgegangener Bemühungen ihre Leistungsfähigkeit und Motivation aufgebraucht war und setzen Sie sich anschließend ein verbindliches Zeitlimit für das nächste Mal. Auf diese Weise können Sie sich auf den nächsten Anlauf freuen, anstatt sich von mittelmäßigen Leistungen herunterziehen zu lassen.

Fazit

Unser Gehirn und unsere Natur animieren uns zwar, groß zu denken, stehen uns aber im Weg, wenn wir befürchten, nicht gut genug zu sein. Wenn wir uns trauen, im Kleinen zu scheitern, öffnet sich uns ein Weg zu dauerhafter Veränderung. Es ist einfacher, Gewohnheiten zu ändern, wenn die mögliche Belohnung ein großer Fortschritt, der Preis jedoch kein schwerer Rückschlag ist.