Monotonie in der Coronakrise Wie man kreativ bleibt, wenn sich jeder Tag gleich anfühlt

Neue Erfahrungen und Begegnungen steigern Kreativität, in Zeiten von Social Distancing sind unsere Gewohnheiten allerdings alltäglich und vorhersehbar geworden. Aber es gibt Strategien, wie wir trotz Corona kreativ bleiben.
Foto: Westend61 / Getty Images

In den vergangenen Monaten, in denen sich das Coronavirus ausgebreitet hat, sind unsere Welten kleiner geworden. Das Arbeiten von zu Hause  aus ist nicht mehr die Ausnahme, sondern zur neuen Normalität geworden. Geschäfts- und Urlaubsreisen, die früher alltäglich waren, gibt es nicht mehr. Freunde treffen, in unsere Lieblingsrestaurants gehen, die Familie besuchen - die Liste der Dinge, die wir nicht machen können und auch in den kommenden Monaten wohl kaum möglich sein werden, ist endlos.

Das Gefühl, das jeder Tag gleich ist, und der Mangel an Neuem in unserem Corona-Alltag kann sich negativ auf unsere Kreativität auswirken - unsere Fähigkeit, Ideen in neuen, nützlichen Weisen zusammenzustellen, um Probleme zu lösen. Kreativität wird oft gesteigert, wenn wir neuen Situationen ausgesetzt sind.

In einem Experiment haben Forscher dies mithilfe virtueller Realität nachgewiesen. Sie teilten die Teilnehmer in drei Gruppen ein. Die erste Gruppe wurde einer verrückten Simulation ausgesetzt, die sich über die Gesetze der Physik hinwegsetzte: Die Teilnehmer liefen in einem Raum umher, in dem Objekte nach oben statt nach unten fielen oder kleiner wurden, wenn sie sich ihnen näherten. Die zweite Gruppe wurde in eine ähnliche Simulation versetzt, aber die Objekte verhielten sich normal. Und die dritte Gruppe von Teilnehmern sah sich einen Filmausschnitt der Simulation der ersten Gruppe an. Die Teilnehmer der ersten Gruppe zeigten eine Zunahme der kognitiven Anpassungsfähigkeit, ein wesentlicher Bestandteil von Kreativität, während sich bei den anderen keine Veränderung zeigte.

Die meisten von uns kommen nicht regelmäßig mit virtueller Realität in Berührung, aber vor der Corona-Pandemie sahen wir uns immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert. Selbst so alltägliche Aktivitäten wie wegen einer Baustellenumleitung einen anderen Weg zur Arbeit zu nehmen oder ein zufälliges Gespräch mit einem Kollegen auf dem Flur kann unsere kognitive Anpassungsfähigkeit steigern.

Wir stehen außerdem im Moment unter enormem Stress - von der Sorge um den Arbeitsplatz über die Gesundheit unserer Liebsten bis hin zur Ausbildung unserer Kinder. Studien zur Entscheidungsfindung haben gezeigt, dass unser Gehirn unter Stress eher reaktionär ist, was sich negativ auf die Kreativität auswirken kann. Bei der Entscheidungsfindung beschränken wir unser Denken wahrscheinlich eher auf Entweder-oder-Entscheidungen.

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Müssen wir uns angesichts der Pandemie, die uns auf absehbare Zeit in einer begrenzten und stressigen Welt hält, uns mit schwindender Kreativität in unserer Arbeit und unserem Leben abfinden?

Nicht unbedingt, sagen Führungs- und Kreativitätsexperten, solange wir wissen, was wir dagegen tun können. Hier sind fünf forschungsgestützte Strategien, um Ihre Weltsicht zu erweitern und Ihre Kreativität zu steigern.

Nutzen Sie Ihre negativen Gefühle

Immer mehr Psychologen und Hirnforscher finden Belege dafür, dass negative Emotionen ein wichtiger Bestandteil unseres emotionalen Werkzeugkastens sein können. Insbesondere Wut kann eine motivierende Kraft sein, die unsere Gedanken und Stimmungen in produktive Bahnen lenkt und uns antreibt, unsere Ziele zu erreichen. Wenn Menschen wissen, dass sie die Fähigkeit haben, Dinge zu verbessern, können pessimistische Stimmungen das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren.

In meiner Coaching-Praxis für Führungskräfte habe ich aus erster Hand erfahren, wie die Wut und Frustration, die meine Klienten gegenüber der Pandemie und anderen gesellschaftlichen Missstände empfinden, zu Entscheidungen führen, sich von gut bezahlten Jobs zu verabschieden und sich kreativeren Unternehmungen zuzuwenden.

Eine meiner Klientinnen, Dr. Susan Abookire, war zum Beispiel Chefärztin eines Krankenhauses und bekam ein beträchtliches Gehalt. Sie kündigte vor Kurzem, um ein neues Programm zur Ärzteausbildung aufzubauen, das mit einem innovativen Lehrplan Natur und Medizin besser verbinden will, um die öffentliche Gesundheit zu fördern - eine radikale Abkehr von der traditionellen Ärzteausbildung. "Ich glaube, dass die Pandemie meine Kreativität gefördert hat, indem sie Störelemente beseitigt hat, die mich abgelenkt haben, oft auf chaotische und auslaugende Weise", sagt Susan. "Fantasie kann sich entfalten, wenn wir uns ungestört dem widmen, was wir zu schaffen hoffen."

Suchen Sie sich ein kreatives Ventil

Studien haben gezeigt, dass künstlerische Betätigung dabei helfen kann, Stress und Ängste  zu bewältigen, und sogar die Gesundheit verbessern kann.

Bevor das Coronavirus zuschlug, entschied sich eine andere meiner Kundinnen - eine Top-Managerin eines gemeinnützigen Unternehmens im Gesundheitswesen, die ich Julia nennen möchte - für einen Improvisationsschauspielkurs , der ihr bei der Stressbewältigung helfen sollte.

In der Coronakrise wurde Julia unerwartet zur Interims-CEO, und in dieser Rolle hat sie festgestellt, dass ihr Improvisationskurs, den sie weiterhin virtuell besucht, ihr geholfen hat, kreative Lösungen für unerwartete Probleme zu finden. Zum Beispiel hat sie durch Improvisation gelernt, auf nonverbale Signale zu achten - nicht nur auf Worte, sondern auch auf den Subtext und die Absicht.

Eine andere Kundin beschloss, in der zusätzlichen Zeit, die sie durch den Wegfall des Pendelns gewann, Ukulele spielen zu lernen. Diese Entscheidung hat ihr geholfen, neue Menschen kennenzulernen, ihre Einsamkeit zu mindern und für neue Erfahrungen zugänglich zu sein.

Kommen Sie in einen Flow-Zustand

Waren Sie schon einmal so sehr in eine Aktivität vertieft, dass Sie jegliches Zeitgefühl verloren haben? Vielleicht haben Sie einen mentalen Zustand erlebt, der als "Flow" bekannt ist. Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi definiert ihn als "vollständig in eine Aktivität involviert sein".

Forschungen der Harvard-Professorin Teresa Amabile zeigen, dass Menschen, die Flow erleben, ein höheres Maß an Kreativität, Produktivität und Glück empfinden. Amabile fand heraus, dass Menschen im Flow nicht nur kreativer sind, sondern auch berichten, dass sie insgesamt mehr kreative Tage haben - was darauf hindeutet, dass Flow die Kreativität nicht nur im Moment, sondern auch auf lange Sicht steigert. Mit anderen Worten: Im Flow zu sein, hilft uns, kreativer zu sein.

Sie können einen Flow-Zustand kultivieren, ohne bewusst zu versuchen, kreativ zu sein. Denken Sie an die Momente, in denen Sie am ehesten die Zeit aus den Augen verlieren: Was tun Sie in diesen Momenten? Gehen Sie joggen? Lesen Sie ein gutes Buch? Eine Methode, die von Giorgia Lupi in ihrem Buch "Observe, collect, draw" empfohlen wird, besteht darin, eine persönliche Dokumentation ihres Alltags zu erstellen, indem Sie die alltäglichen Kleinigkeiten Ihres Lebens aufzeichnen.

Erweitern Sie Ihr Netzwerk

Die Forschung zeigt, dass diverse Netzwerke die Kreativität fördern und dass Wissensvielfalt mit individueller Kreativität in Verbindung steht. In den 1970er und 1980er-Jahren wurde Wissensbildung als eine Aktivität betrachtet, die auf unserer Fähigkeit beruht, Daten und Informationen zu verarbeiten. Die heutige Wissenschaft versteht es jedoch als einen sozialen Prozess, der durch die Interaktion mit Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und Wissen gefördert wird.

Auch wenn die meisten von uns gerade nicht reisen oder an Veranstaltungen vor Ort teilnehmen, können wir uns dennoch virtuell vernetzen . Sie können Ihre eigene Veranstaltung ausrichten. Ich habe zum Beispiel eine Gruppe von Unternehmerinnen mitgegründet, die sich alle zwei Wochen digital trifft.

Wir kommen als Entrepreneurinnen mit sich gegenseitig ergänzenden Fähigkeiten zusammen, die sich Feedback von intelligenten, motivierten Menschen dazu wünschen, wie wir unsere Unternehmen weiterentwickeln können. Zusätzlich zu den Gesprächen über das Geschäft haben wir an einem Kunst-Workshop teilgenommen, um unsere Laune zu verbessern, und online gemeinsam ein Escape Game gespielt.

Verbringen Sie Zeit in der Natur

Eine psychologische Studie, die den Einfluss der Natur auf die Kreativität untersuchte, fand heraus, dass der Aufenthalt im Freien das kreative Potenzial verbessert. 56 Menschen, die an einem Wanderausflug teilnahmen, haben bei einem Test mitgemacht, der das kreative Potenzial anhand von Wortassoziationen gemessen hat. 24 der Teilnehmer nahmen an dem Test teil, bevor sie den Ausflug gemacht haben, und die anderen 32 Personen am vierten Tag. Letztere schnitten deutlich besser ab. Die Forscher fanden schließlich heraus, dass der Aufenthalt in der Natur die Ergebnisse des Kreativitätstests um 50 Prozent verbesserte.

Team A - Der ehrliche Führungspodcast

Astrid (Maier, Xing-Chefredakteurin) und Antonia (Götsch, Chefredakteurin des Harvard Business manager) - deshalb Team A - leiten seit Jahren Teams. Sie sprechen alle zwei Wochen mit Gästen aus Unternehmen und Universitäten offen über starke Führung und das, was Managerinnen und Manager umtreibt.

Alle Folgen

Susan, die leitende Ärztin, die zur Ausbilderin von Ärzten wurde, nutzte ihre Zulassung als Waldtherapeutin, um jungen Ärzten etwas über Systeme und Führung beizubringen. Dieses Projekt forderte gleichzeitig ihre eigene Kreativität. "Diese Pandemie hat mir mehr Ruhe verschafft, um mich auf kreative Unternehmungen zu konzentrieren und sie durchzuhalten", sagte sie.

Alle oben genannten Strategien sind ein guter Ausgangspunkt, wenn Sie neue Ideen finden und umsetzen wollen. "Unsere Kreativität wird schwinden", sagt der Kreativitätsexperte David Burkus, "wenn wir uns nicht bewusst der Angst in unserer aktuellen Situation entgegenstellen". Ein guter Rat, denn Ihre Kreativität sollte nicht etwas sein, das Sie in einer Zeit aufgeben, in der Sie es am meisten brauchen.

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