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Karrierepfade: Franziska Heine "Aufzusteigen war für mich nicht der entscheidende Punkt"

Was macht Karriere heute aus? Wir haben Führungskräfte gefragt, wie ihre Karriere verlaufen ist und welche Vorstellungen sie haben. Franziska Heine verzichtete auf Gehalt, als sie von einem Konzern zum gemeinnützigen Verein Wikimedia wechselte.
aus Harvard Business manager 9/2021
"Der Schritt in einen gemeinnützigen Verein war mit finanziellen Einbußen verbunden", sagt Franziska Heine, stellvertretende Geschäftsführerin von Wikimedia.

"Der Schritt in einen gemeinnützigen Verein war mit finanziellen Einbußen verbunden", sagt Franziska Heine, stellvertretende Geschäftsführerin von Wikimedia.

Für eine Softwareexpertin ist mein Weg ungewöhnlich. Ich habe Mediengestaltung studiert und mich im Rahmen meiner Abschlussarbeit erstmals mit Software beschäftigt. Ich konzipierte damals ein Analysetool für Videos, das ursprünglich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eingesetzt werden sollte.

Als ich nach dem Studium in der Europa-Zentrale von Ebay anfing, habe ich mich um den Aufbau und die Pflege unseres Kundennetzwerks gekümmert. Ebay war damals, Anfang der 2000er Jahre, enorm erfolgreich und größer als Amazon. Es war aber auch ein klassischer Konzern mit klassischen Strukturen und Hierarchien. Bald hatte ich das Gefühl, mich nicht mehr weiterentwickeln zu können. Ich wollte immer lernen, das treibt mich bis heute an.

Ich wechselte zu Nokia, wo ich stärker in die Produktentwicklung einsteigen konnte. In den acht Jahren dort ist viel passiert: Nokia geriet in Schwierigkeiten, und der Bereich, in dem ich arbeitete, wurde erst an Microsoft und dann als Here Technologies an Daimler, BMW und Audi verkauft.

Karrierepfade

Wie eine erfolgreiche berufliche Entwicklung aussieht, definieren immer mehr Menschen nach ihren persönlichen Vorstellungen. Was sie eint, ist der Mut, Neues zu probieren – und das Gefühl, am richtigen Ort das Richtige zu tun. Fünf Frauen und Männer erzählen, wie sie ihren Weg gefunden haben.

Ohne das Unternehmen aktiv zu wechseln, habe ich so unterschiedliche Kulturen kennengelernt. Bei jedem Übergang änderte sich das Geschäftsmodell: Ich hatte bei einem Hardwarehersteller angefangen, arbeitete nun aber in einem Unternehmen, das Karten- und Navigationssoftware entwickelte und sich mit Sensordaten in Autos befasste.

Entsprechend hat sich mein jeweiliges Jobprofil verändert. Ich fand das interessant und habe immer geschaut: Was gibt es zu entdecken und zu lernen? Software für Telefone zu entwickeln fand ich genauso spannend wie mit den Erlkönigen von Daimler oder Audi unterwegs zu sein und zu prüfen, ob unsere Software funktioniert.

Trotzdem habe ich mich entschlossen, Here zu verlassen. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Doch die Chance, Wikidata als freie Wissensdatenbank für Wikipedia weiterzuentwickeln, hat mich so fasziniert, dass ich 2017 den Schritt aus der internationalen Konzernwelt in einen deutschen Verein gewagt habe.

Ich hatte Wikimedia und das Projekt Wikidata bereits ein paar Jahre lang verfolgt. Schon beim Bewerbungsgespräch hatte ich das Gefühl, ich werde künftig an den meisten Tagen morgens spüren, wofür ich aufstehe: Die Chance, dabei zu sein, wenn wir eine weltweite Wissenszukunft bauen.

Unsere Software können Communities und Ehrenamtliche überall auf der Erde unentgeltlich nutzen. Jeder, der in Wikipedia nachschlägt, nutzt die Daten von Wikidata. Unsere Herausforderung ist, eine Software zu kreieren, die für alle Menschen gleichermaßen funktioniert. Deshalb arbeite ich bei Wikidata mit einem wirklich divers zusammengesetzten Team aus 26 Nationen, 48 Prozent der angestellten Mitarbeiter sind Frauen. Das empfinde ich als große Bereicherung.

Gerade in einem Verein stellt sich die Frage des Miteinanders. Ich setze auf Transparenz. Mein Ziel ist, dass die Menschen um mich herum wissen, warum ich die Dinge entscheide, wie ich sie entscheide. Hierarchien gehören allerdings auch bei uns dazu. Als ich im Frühjahr dieses Jahres vor der Entscheidung stand, ob ich den Job der stellvertretenden Geschäftsführerin übernehmen will, habe ich lange nachgedacht.

Aufzusteigen war für mich nicht der entscheidende Punkt. Die Frage, die ich mir gestellt habe, war: Bringt mich das in eine Position, die Ziele, die wir uns für Wikidata gesetzt haben, besser zu erreichen? Am Ende war die Antwort: ja. Der neue Titel hat nach außen eine größere Wirkung als der vorherige als Leiterin der Softwareentwicklung. Vor allem wenn ich mit Partnern aus Industrie oder Institutionen spreche, die uns unterstützen.

Der Schritt in einen gemeinnützigen Verein war mit finanziellen Einbußen verbunden. So eine Entscheidung ist sehr von den Lebensumständen abhängig. Mission und Werte sind ein wichtiger Teil von Arbeit, aber man muss natürlich auch seine Rechnungen bezahlen. Meine Familie hat meine Entscheidung unterstützt. Ich bin mir dieses Privilegs bewusst und sehr dankbar, dass ich die Chance hatte, so entscheiden zu können. © HBm 2021

Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 2021 des Harvard Business managers.

Ausgabe September 2021

Aufstieg um jeden Preis?

Karriere: Ein Blick in die Zukunft, die bereits begonnen hat.

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