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Karrierepfade: Agnes Kesper "Mein Ego stand mir ein Stück weit im Weg"

Was macht Karriere heute aus? Wir haben Führungskräfte gefragt, wie ihre Karriere verlaufen ist und welche Vorstellungen sie haben. Projektmanagerin Agnes Kesper konnte ihren Traum von einer Führungsposition wahrmachen, doch dann gab es ein anderes, attraktives Angebot.
aus Harvard Business manager 9/2021
"Ich habe begriffen, dass ich diesen Schritt keinesfalls als Scheitern begreifen muss oder will", sagt Agnes Kesper, Projektmanagerin im Bereich Marketing und Technologie beim Personaldienstleister Hays.

"Ich habe begriffen, dass ich diesen Schritt keinesfalls als Scheitern begreifen muss oder will", sagt Agnes Kesper, Projektmanagerin im Bereich Marketing und Technologie beim Personaldienstleister Hays.

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Einmal die Chance zu haben, Führungskraft zu werden, war mein klares Ziel. Daher fing ich nach meinem Studium am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und einer Projektmitarbeit im Gleichstellungsbüro der Uni Heidelberg beim Personaldienstleister Hays als Recruiterin an. Nach nur zwei Jahren wurde ich zur Senior-Recruiterin befördert. Im Juni 2019 hörte ich intern von einer attraktiven Führungsposition in meinem Bereich, die damals noch gar nicht offiziell ausgeschrieben war. Ich ergriff die Chance und bewarb mich. Ich sollte die Führung von sechs Teammitgliedern übernehmen – das konnte ich mir sehr gut vorstellen.

Attraktiv erschien mir damals auch die Aussicht, den Titel "Teamleiterin" in der E-Mail-Signatur zu haben, ein höheres Ansehen im Unternehmen zu genießen und natürlich Führungskompetenz aufbauen zu können. Ich sah diese Position als Bestätigung meines Werdegangs und wollte genau das verkörpern, was ich selbst von einer guten Führungskraft erwarte: Berechenbarkeit, Nahbarkeit und immer ein offenes Ohr für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben. Ich wollte eine Ansprechpartnerin sein, der man bedingungslos vertrauen kann.

Nach den ersten Monaten stellte ich dann allerdings fest, dass sich die Führungsaufgabe schwieriger gestaltete, als ich sie mir vorgestellt hatte. Vor allem vor dem Hintergrund der neuen Arbeitsbedingungen, die die Corona-Pandemie mit sich brachte. Als gerade frisch gebackene Chefin musste ich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sofort aus der Distanz heraus führen – das empfand ich als herausfordernd.

Karrierepfade

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Den richtigen Kommunikationsmodus in dieser Situation zu finden, war nicht immer ganz einfach. Noch im selben Jahr bekam ich das Angebot, bei uns eine neue Projektmanagementaufgabe zu übernehmen. Diese Option war allerdings mit hoher inhaltlicher Verantwortung verbunden und hatte rein gar nichts mehr mit disziplinarischer Führungsverantwortung zu tun.

Auf den ersten Blick schien mir diese Aufgabe äußerst attraktiv, zumal es sich um Digitalisierungs- und Automatisierungsprojekte handelte. Ein Zukunftsthema, das gerade zu diesem Zeitpunkt im Unternehmen einen hohen Stellenwert genoss. Ich haderte mit mir: Mein Ego stand mir ein Stück weit im Weg. Ich hatte gerade erst den Status einer Führungskraft erreicht – etwas, was ich mir immer gewünscht hatte. Gleichzeitig war mir auch klar, dass ich in diese Rolle erst hineinwachsen musste. Wollte ich den Status allein um des Status willen?

Ich überlegte hin und her: Wie würde mein Umfeld reagieren, wenn ich das neue Angebot annahm? Würde man mich womöglich als gescheiterte Führungskraft sehen? Und überhaupt: Noch mal neu anfangen und das unter Corona-Bedingungen – waren das gute Voraussetzungen?

Ich habe mir eine Woche Bedenkzeit eingeräumt und bei Freunden und der Familie Rat eingeholt. Schließlich kam ich zu dem Schluss, dass ich der projektbasierten selbst gesteuerten Aufgabe, also der fachlichen Karriere, den Vorzug geben wollte. Mir war klar geworden, dass mir diese Aufgabe helfen würde, meine persönlichen Stärken zu nutzen und auszubauen. Ich bin beispielsweise gut darin, klar zu kommunizieren, und kann sehr gut organisieren. Zudem verfüge ich über ein gutes Selbstmanagement und analytische Fähigkeiten. All dies, so dachte ich mir, würde mir die große Chance eröffnen, Expertin auf meinem Einsatzgebiet zu werden.

Ich habe auch begriffen, dass ich diesen Schritt keinesfalls als Scheitern begreifen muss oder will. Noch dazu, wenn ich mich für eine Aufgabe entscheide, die mir aktuell mehr Möglichkeiten und Freiheitsgrade bietet. Ich bin jetzt 35 Jahre alt – Führungskraft kann ich immer noch werden. Bis jetzt habe ich meine Entscheidung nicht bereut. Im Gegenteil: Ich habe den Eindruck, dass ich mir dadurch viele weitere Türen geöffnet habe. Schon jetzt, nur wenige Monate nachdem ich auf der neuen Position bin, habe ich inhaltlich bereits unheimlich viel gelernt und mein Kompetenzprofil erweitert. © HBm 2021

Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 2021 des Harvard Business managers.

Ausgabe September 2021

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