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Jerry Rice "Ich habe einfach härter gearbeitet als alle anderen"

Footballstar Jerry Rice hat in der NFL mehr Touchdowns erzielt als jeder andere. Nicht sein Talent habe ihn so weit gebracht, sagt er, sondern eiserne Disziplin. Ein Gespräch mit einem der erfolgreichsten Spieler der Geschichte.
Das Interview führte Alison Beard
aus Harvard Business manager 11/2022
Footballheld: Jerry Rice beim 54. Superbowl in Miami im Jahr 2020

Footballheld: Jerry Rice beim 54. Superbowl in Miami im Jahr 2020

Foto:

Kevin Winter / Getty Images

Harvard Business manager: Wie sind Sie so schnell so gut im Football geworden?

Jerry Rice: Ich habe einfach härter gearbeitet als alle anderen. Ich hatte vielleicht nicht mehr Talent, dafür aber diese Arbeitsmoral. Mein Vater war Maurer und nahm mich jeden Sommer mit zu seiner Arbeit. Wir fingen um 7 Uhr morgens an und schufteten den ganzen Tag. Danach brachte er mich zum Training. Es dauerte zwei Stunden, anschließend lief ich acht Kilometer nach Hause.

Ihr Start in der Profiliga NFL war trotzdem holprig. Was lief schief?

In den ersten Spielen der Vorsaison wollte ich unbedingt zeigen, was ich konnte – und übertrieb es damit. Ich ließ Bälle fallen, die Medien fielen über mich her, und die Fans buhten mich aus. Die Leute fragten sich: "Warum hat Bill Walsh diesen Kerl unter Vertrag genommen?" Also hielt ich kurz inne und sagte zu mir selbst: "Schau mal, du kannst fangen. Du kannst rennen. Du verdienst es, hier zu sein." Trotzdem brauchte ich eine Weile, bis ich mich angepasst hatte. Dabei halfen mir Coach Walsh und einige großartige Spieler wie Joe Montana, Dwight Clark, Freddie Solomon und Ronnie Lott. Sie sagten mir: "Du wirst der beste Receiver überhaupt sein. Das sehen wir an deinem Training. Arbeite einfach weiter und bring das, was du kannst, mit aufs Spielfeld: am Sonntag, am Montag, bei Play-offs und Superbowls."

Das sind hohe Erwartungen. Wie haben Sie reagiert?

Indem ich noch härter arbeitete. Ich war der erste Spieler auf dem Feld und der letzte, der es verließ. Ich wollte einen neuen Standard setzen. Zudem hatte ich Versagensängste, und das trieb mich an. Ich wollte niemanden enttäuschen – weder meine Familie, meine Universität, die Fans, meine Mannschaft noch die Trainer in San Francisco. Das half mir, nicht eingebildet und selbstgefällig zu werden, sondern einfach immer weiter hart an mir zu arbeiten.

Sie sprachen darüber, wie Sie sich von eigenen Fehlern erholten. Aber was machten Sie, wenn Ihre Mannschaft verlor, obwohl Sie selbst alles gegeben hatten?

Wenn man als Team verliert, sucht man nicht nach Sündenböcken. Man geht einfach wieder an die Arbeit. Ich hatte Spiele, in denen ich mehr als zehn Bälle gefangen hatte, mehr als 200 Yards gelaufen war und drei bis fünf Touchdowns erzielt hatte. Aber wenn ich mir die Aufnahmen ansah, fielen mir immer meine Fehler auf. Höhen und Tiefen sind Teil des Spiels. So kämpft man sich durch. Wenn Sie jemand zu Boden wirft, bleiben Sie dann liegen? Oder stehen Sie wieder auf und versuchen es noch mal?

Wie haben Sie jüngere Spieler angeleitet?

Indem ich es ihnen vorlebte. Meine Mannschaftskameraden wussten, dass ich immer 100 Prozent geben würde. Sie sahen, wenn ich beim Training einen schwierig geworfenen Football fing und dann noch 95 Yards damit weiterlief. Sie sahen auch, wie ich nach den ganzen Erfolgen noch jedes Mal hart arbeitete, wenn ich das Trikot überzog. Und sie taten es mir nach.

Wie haben Sie Kameradschaft gefördert?

Ich verbrachte mit den Jungs viel Zeit. Wir sprachen über unterschiedliche Spielsituationen, und ich lernte ihre Stärken und ihre Schwächen kennen. Dadurch wusste ich genau, was Joe Montana dachte. Das Gleiche galt für Steve Young. Man muss miteinander reden und sich gegenseitig vertrauen.

Sie haben viele wichtige Spiele gewonnen und renommierte Auszeichnungen erhalten. Wie haben Sie sich danach motiviert? Hatten Sie Angst, dass es schwierig werden würde, noch einmal die gleiche Leistung abzurufen?

Ich hatte keine Angst, im Gegenteil. Ich mochte es, unter Druck zu stehen, weil das für das Leben stand, das ich gewählt hatte. Wenn wir einen Superbowl gewonnen hatten, wollte ich im nächsten Jahr zurückkommen und den nächsten Superbowl gewinnen. Ich hatte diesen Antrieb, immer mehr zu wollen. Ich glaube, das war der Grund, warum ich gerade dann auf einem sehr hohen Niveau spielen konnte, wenn es um alles ging. In den wichtigen Spielen – wie in Play-offs oder Superbowls – habe ich immer meine beste Leistung abrufen können. Der Druck brachte mich dazu, das Beste aus mir herauszuholen.

Ausgabe November 2022

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