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Karrierepfade: Insa Klasing "Wofür stehe ich morgens auf?"

Was macht Karriere heute aus? Wir haben Führungskräfte gefragt, wie ihre Karriere verlaufen ist und welche Vorstellungen sie haben. Unternehmerin Insa Klasing hat sich im Leben mehrfach neu sortiert. Dabei haben ihr zentrale Fragen geholfen.
aus Harvard Business manager 9/2021
"Niemand kann so gute Entscheidungen in eigener Sache treffen wie man selbst", sagt Insa Klasing, Gründerin und Co-CEO von The Next We.

"Niemand kann so gute Entscheidungen in eigener Sache treffen wie man selbst", sagt Insa Klasing, Gründerin und Co-CEO von The Next We.

Foto: Peter Rigaud

Es gibt wohl keinen besseren Moment als diesen Sommer, um die Karten vor sich auf den Tisch zu legen und seinen bisherigen Karriereweg grundlegend zu hinterfragen. Die Pandemie hat uns viele Monate an den heimischen Schreibtisch gefesselt und sämtliche alte Gewohnheiten und Automatismen außer Kraft gesetzt.

Insa Klasing

ist Gründerin und Co-CEO von The Next We, das Unternehmen mit digitalen Coachingprogrammen in der Transformation begleitet. Sie ist Young Global Leader des World Economic Forum und hält diverse Aufsichtsratsmandate im In- und Ausland.

Um herauszufinden, welche Arbeit einem das Herz wirklich höherschlagen lässt, muss man zunächst der Frage auf den Grund gehen, wer man eigentlich ist und wofür man morgens aufsteht. In meinem Buch "Der 2-Stunden-Chef" habe ich Fragen geteilt, die mir selbst im Laufe meines Arbeitslebens immer wieder dabei geholfen haben, genau das zu klären und meine Karriere neu auszurichten. Hier die vielleicht vier wichtigsten:

  1. Was mache ich immer schon, egal in welchem Zusammenhang?

  2. Was würde ich definitiv auch dann tun, wenn ich nicht dafür bezahlt würde?

  3. Was wollte ich rückblickend vom Ende des Lebens betrachtet definitiv nicht missen wollen?

  4. Was muss ich einfach tun?

Um die erste Frage zu beantworten, hilft oft schon ein Blick zurück in die eigene Kindheit. Meine Eltern erzählen mir etwa gern die Anekdote, wie ich früher am Strand zusammen mit meinem Bruder und anderen Kindern Muscheln verkauft habe. Für Außenstehende muss in diesem Moment klar gewesen sein, dass ich mal eine leidenschaftliche Unternehmerin werde – ich selbst habe aber über 13 Jahre Berufsleben gebraucht, um das so klar zu begreifen. Meine Karriere hat einige Steilkurven genommen: von der Entwicklungshilfe in Indien über die Welt der Unternehmensberatungen in London hin zu einem globalen börsennotierten Konzern und schließlich als Gründerin in ein Berliner Co-Working-Office. Jede Etappe hat wichtige Erkenntnisse geliefert auf dem Weg zu meiner eigentlichen Berufung als Unternehmerin, zum Sweet Spot sozusagen.

Karrierepfade

Wie eine erfolgreiche berufliche Entwicklung aussieht, definieren immer mehr Menschen nach ihren persönlichen Vorstellungen. Was sie eint, ist der Mut, Neues zu probieren – und das Gefühl, am richtigen Ort das Richtige zu tun. Fünf Frauen und Männer erzählen, wie sie ihren Weg gefunden haben.

Als ich beispielsweise von Bain & Company in London zur Smoothie-Marke Innocent wechselte, rieten mir einige Beraterkollegen dringend davon ab, diesen riskanten Schritt ins Ungewisse zu tun, und warnten mich, dass ich dadurch meine Karriere gefährden würde.

Sie rieten mir, erst einmal noch eine Weile wie gewohnt weiterzumachen und lieber die nächste Beförderung abzuwarten. Ich war jedoch schon beim ersten Kennenlernen absolut begeistert von dem Innocent-Gründer, von seiner Vision und seinem Tatendrang. Wenn ich nicht den gut gemeinten Ratschlag meiner Kolleginnen und Kollegen ignoriert und auf mein Bauchgefühl gehört hätte, wäre ich heute keine Gründerin. Das hat mir vor Augen geführt, dass niemand so gute Entscheidungen in eigener Sache treffen kann wie man selbst. Manchmal muss man einfach den Mut aufbringen, auf sein Bauchgefühl zu hören.

Als ich 2016 die oben skizzierten Fragen ehrlich für mich beantwortete, wurde mir klar, dass ich weniger Matrix-Konzern-Managerin bin, sondern durch und durch Unternehmerin.

Die Gründung von The Next We im Jahr 2017 war die drastischste und gleichzeitig beste Entscheidung meines Lebens. Statt Firmenwagen, Corner Office und Tausenden von Mitarbeitern hatte ich nun mein Fahrrad, einen Tisch im Co-Working-Space und meine beiden Mitgründer Anke und Klaas. Es war der krasseste Gegenentwurf zu meinem allerersten Arbeitsumfeld in der Entwicklungshilfe in Indien.

Doch es hat sich mehr als gelohnt, denn heute kann ich zusammen mit meiner Mitgründerin und meinem Mitgründer unsere Idee umsetzen, Unternehmen auf allen Ebenen grundlegend durch einen kollektiven Mindset-Wandel zu verändern.

Ich will keine meiner beruflichen Etappen missen – das Handwerkszeug, das ich mir in dieser Zeit zugelegt habe, nutze ich auch heute noch täglich. Jede Erfahrung auf dem eigenen Weg ist wertvoll. Man muss nur lernen, die richtigen Schlüsse für sich daraus zu ziehen. © HBm 2021

Ausgabe September 2021

Aufstieg um jeden Preis?

Karriere: Ein Blick in die Zukunft, die bereits begonnen hat.

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Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 2021 des Harvard Business managers.

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