Konflikt-Management Zeigen Sie Haltung!

Ob es die täglichen Diskussionen am Arbeitsplatz oder Äußerungen zu gravierenden politischen Ereignissen sind: Viele Führungskräfte halten sich lieber raus, statt Stellung zu beziehen. Ein Fehler, wie eine große Studie zeigt.
Stellung beziehen: Führungskräfte, die ihre Meinung preisgeben, werden als vertrauenswürdiger angesehen.

Stellung beziehen: Führungskräfte, die ihre Meinung preisgeben, werden als vertrauenswürdiger angesehen.

Foto: John Sleezer / Tribune News Service via Getty Images

Sollte sich eine CEO zu Abtreibungsrechten äußern oder ein Kollege im Team über News aus der Politik diskutieren? Ist es das Risiko wert, seine persönlichen politischen Ansichten mit allen zu teilen? Vor allem, wenn es um kontroverse Themen geht, würden viele Führungskräfte eher mit "Nein" antworten und zögern Partei zu ergreifen. Schließlich könnten sie so Kundinnen oder Mitarbeiter vor den Kopf stoßen.

Der Wunsch, sich aus Konflikten herauszuhalten, ist verständlich.  Aber unsere Forschungsergebnisse  deuten darauf hin, dass diese Strategie meist nach hinten los geht. Wir haben eine Reihe von Experimenten mit mehr als 4.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in einer Vielzahl von Berufsfeldern durchgeführt. Dabei stellten wir durchweg fest, dass Menschen ihren Kolleginnen, Vorgesetzten oder Personen des öffentlichen Lebens eher mit Skepsis begegnen, wenn sich diese stets neutral verhalten. Menschen, die sich weigern, Partei zu ergreifen, erhalten weniger Vertrauen als jene, die sich klar und offen äußern. Das gilt selbst dann, wenn die geäußerte Meinung nicht der eigenen entspricht. Eine auffallend neutrale Haltung führt zudem dazu, dass Zuhörer eher den Eindruck gewinnen, ihr Gegenüber versuche zu verbergen, dass er anderer Ansicht ist – auch wenn dies nicht zutrifft.

In einem Experiment zeigten wir den Teilnehmenden den Videoclip einer Pressekonferenz. In der Konferenz wurde der Besitzer eines National Football League-Teams gefragt, ob man Spielern erlauben sollte, während der Nationalhymne zu knien . Er antwortete, dass er sich dazu lieber nicht positionieren würde. Die meisten Befragten gaben an, dass sie den Besitzer ehrlicher, aufrichtiger und vertrauenswürdiger empfunden hätten, wenn er Stellung bezogen hätte. Und dies selbst dann, wenn er damit ihren eigenen moralischen Ansichten widersprochen hätte.

Ein weiteres Ergebnis: Wurde den Probanden des Experimentes gesagt, der NFL-Team-Besitzer sei von einem liberalen Nachrichtensender interviewt worden, gingen sie davon aus, er habe konservative Ansichten. Wurde hingegen behauptet, dass er von einem konservativen Nachrichtensender interviewt worden war, nahmen sie das Gegenteil an. Unabhängig von den tatsächlichen Ansichten vermuteten sie also, dass der Besitzer eine andere Meinung als sein Interviewer hatte und deshalb hinterm Berg hielt. Das ließ ihn unaufrichtig und unglaubwürdig erscheinen.

In einem anderen Experiment luden wir die Probanden ein, zusammen an einer Aufgabe zu arbeiten. Dabei hatten sie die Wahl zwischen einem Partner, der eine andere Meinung zur Waffenreform hatte als sie selbst (die Experimente fanden alle in den USA statt), und einem, der seine Meinung nicht offenlegen wollte. Das Ergebnis: Die Teilnehmer wollten lieber mit jemandem zusammenarbeiten, der ihnen offen widersprach, als mit jemandem, der nicht bereit war, Stellung zu beziehen. Die Personen, die ihre Überzeugung nicht preisgaben, wurden als weniger vertrauenswürdig angesehen.

Dieses Phänomen ist nicht auf Laborbedingungen beschränkt. Ähnliche Effekte sind auch in der Realität zu beobachten. Als Taylor Swift zum Beispiel versuchte, in politischen Fragen neutral zu bleiben, erntete sie viel Misstrauen . Das veranlasste sie schließlich dazu, direkter zu kommunizieren . Bob Chapek, Vorstandsvorsitzender von Disney, geriet ebenfalls in Schwierigkeiten . Er hatte kurzzeitig versucht, sich nicht zu dem "Don't Say Gay"-Gesetz in Florida zu äußern (was die Liberalen verärgerte, die gegen das Gesetz waren). Anschließend verpflichtete er sich halbherzig, gegen das Gesetz vorzugehen (was allerdings die Konservativen verärgerte, die das Gesetz unterstützen).

In der internen Kommunikation stehen Führungskräfte vor dem gleichen Dilemma: Wenn sie nicht an politischen Diskussionen teilnehmen (auch wenn sie dafür stichhaltige Gründe haben), kann ihnen dies moralisches Misstrauen einbringen. Egal, ob Sie mit einer Handvoll Kollegen in einem Zoom-Meeting sprechen oder eine öffentliche Erklärung an Millionen von Fans abgeben – Vertrauen  ist der Schlüssel. Und je länger Sie damit warten , Ihre Meinung zu äußern, desto misstrauischer werden die Menschen um Sie herum.

Ein wichtiger Unterschied: In unseren Forschungen nahmen die Befragten neutrale Botschaften deutlich toleranter auf, wenn sie dahinter Unsicherheit und den Willen zum Kompromiss bei einer Person vermuteten - und nicht etwa den Versuch eines strategischen Ausweichmanövers. Zudem beurteilen Menschen Zurückhaltung anders als eine offenkundige Weigerung, Stellung zu beziehen. Wenn sie Neutralität erst gar nicht bemerken, ahnden sie sie auch nicht. Wenn Sie sich also aus Foren und von Veranstaltungen fern halten, in denen es um Politik geht, wird dies anders bewertet als eine Teilnahme mit neutralen Äußerungen.

Kunden  und Mitarbeitende  verlangen heute von Chefs und Chefinnen jedoch zunehmend klare öffentliche Einschätzungen zu gesellschaftlichen Themen. Sich solchen Gesprächen zu entziehen oder Versuche, Diskussionen mit Ausflüchten abzubügeln wie "ich sehe auf beiden Seiten Vorteile" oder "ich kann wirklich nicht sagen, was ich darüber denke", rufen deshalb inzwischen häufig Unwillen und Feindseligkeit hervor.

Ganz gleich, ob Sie ein Unternehmen führen, eine Sitzung abhalten oder mit Kollegen zu Abend essen – an politischen Themen geht oft kein Weg vorbei. Unsere Forschung zeigt: Wer schweigt, erscheint weniger vertrauenswürdig. Die Menschen nehmen an, Sie seien insgeheim anderer Meinung als sie. In einer zunehmend polarisierten Arbeitswelt hängt der Aufbau von Vertrauen davon ab, dass wir Wege finden, unsere Überzeugungen und Werte zu diskutieren. Deshalb: Seien Sie rücksichtsvoll, aufmerksam und respektvoll, wenn Sie jemand um Ihre Meinung bittet – aber scheuen Sie nicht davor zurück, Stellung zu beziehen.

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