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Selbstmanagement "Frühaufsteher machen Karriere"

Wer früh aufsteht, hat bessere Chancen auf Erfolg und auf ein höheres Gehalt, das fand ein Heidelberger Biologe heraus. Er rät: Arbeiten Sie an Ihrem Tagesrhythmus. Eine neue Folge unserer Serie "Verteidigen Sie Ihre Forschung".
aus Harvard Business manager 9/2010
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Matthias Makarinus / Moment RF / Getty Images

Der Biologe Christoph Randler fragte 367 Studenten nach ihren aktivsten Tageszeiten. Er wollte zudem wissen, wer von den Früh- und Spätaufstehern es schafft, Chancen zu seinem Vorteil zu nutzen. Die Mehrzahl der Frühaufsteher identifizierte sich mit Aussagen wie "Ich verbringe Zeit damit, mir langfristige Ziele zu setzen" oder "Ich fühle mich verantwortlich für die Umsetzung". Alles Sätze, die Aktivität und Pflichtbewusstsein ausdrücken.

Verteidigen Sie Ihre Forschung, Professor Randler.

Christoph Randler: Spätaufsteher haben ohne Zweifel einige Vorteile: Nach Ergebnissen anderer Studien sind sie kreativer und patenter als Frühaufsteher, haben eher einen Sinn für Humor und gehen mehr aus sich heraus. Doch sie harmonieren nicht mit den Abläufen in den Unternehmen. Geht es um den beruflichen Erfolg, haben Frühaufsteher die besseren Karten. Meine früheren Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass sie bessere Schulnoten haben, was ihnen Zutritt zu den besseren Universitäten verschafft und wiederum ihre Jobchancen verbessert. Meine Studie belegt, dass Frühaufsteher Probleme besser vorhersehen und lösen können. Sie sind aktiver. Zahlreiche Untersuchungen belegen ebenfalls den Zusammenhang zwischen dieser Eigenschaft und höherem Leistungsvermögen im Job, beruflichem Erfolg und höheren Gehältern.

Sind Spätaufsteher denn alle undisziplinierte Freigeister? Versuchen sie nicht, manchmal ihre Situation zu verbessern?

Ja, natürlich. Und es gibt Morgenmenschen, die das niemals tun. Die Forschungsergebnisse zeigen Korrelationen, verteilt über eine große Stichprobe. Zugegebenermaßen ist es eine Vereinfachung zu sagen, Frühaufsteher seien aktiver.

Ist die Abhängigkeit des Leistungsvermögens von der Tageszeit unveränderbar?

Vieles an der Neigung zu Morgen- oder Nachtaktivität ist wandelbar. Menschen können ihren sogenannten Chronotypus (der Rhythmus ihrer inneren Uhr - Anm. d. Red.) verändern, aber eben nur in gewissen Grenzen. In einer Studie war die Hälfte der untersuchten Schüler fähig, ihr Schlaf-Wach-Programm um eine Stunde zu verschieben. Eine signifikante Veränderung kann eine Herausforderung bedeuten. Der Chronotyp einer Person ist zu mehr als 50 Prozent genetisch bedingt.

Wenn ich nun lieber ein Morgenmensch wäre - wie könnte ich das trainieren?

Das Faszinierende an unseren Ergebnissen ist die Tatsache, dass die Dauer des Schlafs nichts mit der größeren Aktivität und Aufmerksamkeit von Frühaufstehern zu tun hat. Dagegen ist der Zeitpunkt des Zubettgehens entscheidend. Sie könnten Ihren Tagesrhythmus verändern, indem Sie früher schlafen gehen. Eine andere Möglichkeit wäre, frühmorgens nach draußen zu gehen. Das Tageslicht aktiviert Ihre biologische Uhr und hilft Ihnen, zum Frühaufsteher zu werden. Wenn Sie abends rausgehen, tendieren Sie eher zu Nachaktivitäten.

Werde ich automatisch aktiver, wenn ich trainiere, ein Frühaufsteher zu werden?

Ich weiß es nicht. Eine Theorie erklärt die Aktivität von Morgenmenschen damit, dass sie durch das frühe Aufstehen mehr Zeit haben, sich auf den Tag vorzubereiten. Wenn das stimmt, dann würde eine vermehrte Morgenaktivität die Aktivität insgesamt steigern. Aber es gibt Belege dafür, dass Aktivität angeboren ist. Studien haben gezeigt, dass Pflichtbewusstsein mit Morgenaktivität verbunden ist. Möglicherweise entsteht Aktivität nur auf der Grundlage von Pflichtgefühl.

In letzter Zeit habe ich den Eindruck, dass ich am Wochenende zeitiger aufstehe als sonst. Werde ich nun zum Morgenmenschen?

Der Unterschied zwischen dem Aufstehen unter der Woche und dem Aufwachen am Wochenende ist eng verknüpft mit den Tages- und Nachtaktivitäten. Frühaufsteher neigen dazu, auch am Wochenende zur gleichen Zeit aufzuwachen. Spätaufsteher hingegen schlafen, wenn sie eine Chance dazu bekommen, im Schnitt ungefähr zwei Stunden länger. Der Chronotyp eines Menschen verändert sich aber im Lauf des Lebens. Jugendliche stehen ab dem Alter von 13 Jahren bis zum Ende ihrer Pubertät lieber später auf. Generell sind mehr Menschen unter 30 Jahren Langschläfer. Zwischen 30 und 50 Jahren gibt es ungefähr gleich viele Früh- und Spätaufsteher, aber ab einem Alter von 50 Jahren werden die meisten zu Morgenmenschen.

Wenn ein großer Teil der Bevölkerung Spätaufsteher sind, warum bestehen dann die meisten Firmen auf einem frühen Arbeitsbeginn?

Früh aktiv zu sein gilt als etwas Positives - das ist tief verwurzelt in den Köpfen. In Deutschland etwa ist der preußische und calvinistische Glaube an den Wert des Frühaufstehens weitverbreitet. Überall auf der Welt gelten Langschläfer häufig als faul. Daher ist die überwiegende Mehrheit der Schul- und Arbeitspläne auf die Bedürfnisse von Frühaufstehern zugeschnitten. Nur wenigen Menschen ist bewusst, dass Morgen- und Nachtaktivität eine mächtige biologische Komponente haben.

Sind Spätaufsteher die nächsten Kandidaten für Diversitätsprogramme? Werden Unternehmen sich den Eulen unter ihren Mitarbeitern anpassen müssen?

Zunächst braucht es mehr Forschung auf diesem Gebiet. Wir verstehen immer noch zu wenig vom menschlichen Biorhythmus. Wenn die aktuellen Studienergebnisse Bestand haben und sich die Neigung zur Nachtaktivität als genetisch bestimmtes Charaktermerkmal entpuppt, hoffe ich auf den Willen von Unternehmen, das Beste aus ihren Nachteulen herauszuholen. Universitäten bieten bereits ein großes Maß an Flexibilität. Ich bin ein Morgenmensch, stehe manchmal sogar um fünf Uhr auf, um noch ein paar Stunden zu arbeiten, bevor ich ins Büro gehe. Aber ich habe einen Kollegen, der jeden Tag erst um halb zwölf zur Arbeit kommt und bis sieben oder acht Uhr abends bleibt.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Unternehmen sich nach den Nachtmenschen richten, solange die Frühaufsteher Karriere machen und die wichtigen Entscheidungen treffen?

Frühaufsteher sind fähig, den Wert der unterschiedlichen Chronotypen zu erkennen. Denken Sie daran: Wir sind gewissenhaft. Dieses Verständnis stammt möglicherweise aus früheren Zeiten, als Gruppen aus Früh- und Spätaufstehern sowie diversen Chronotypen dazwischen besser in der Lage waren, zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Gefahren zu achten. Spätaufsteher sollten nicht länger unsere Nachtwächter sein. Ihre Intelligenz, Kreativität, Extrovertiertheit und ihr Humor sind ein großes Potenzial, von dem Unternehmen profitieren können. © 2010 Harvard Business School Publishing

Dieser Artikel erschien erstmals in der September-Ausgabe 2010 des Harvard Business managers.

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