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Entscheidungen treffen Warum Sie nicht zu lange nachdenken sollten

Über viele Entscheidungen denken wir viel zu lange nach. Das lange Abwägen raubt uns Zeit und Energie für wirklich Wichtiges. So treffen Sie schnellere Entscheidungen - die meistens auch noch besser sind.
aus Harvard Business manager 10/2021
Foto: Ghislain & Marie David de Lossy / Getty Images

Als Leiter der Produktentwicklung bei einem großen Technologieunternehmen ist es Terence' Aufgabe, Entscheidungen zu treffen. In welcher Reihenfolge sollte sein Team neue Produkteigenschaften entwickeln? Wer sollte an welchem Projekt mitarbeiten? Wann kommen die neuen Produkte auf den Markt? Für jedes Produkt, das Terence betreut, bestimmen Hunderte Entscheidungen dessen Vision, Strategie und Ausrichtung.

Obwohl Terence seinen Job liebt, empfindet er es als sehr aufreibend, so viele Entscheidungen zu treffen: Er verschwendet zahllose Stunden in unproduktiven Denkschleifen, etwa indem er Variablen analysiert, um die "richtigen" Entscheidungen zu treffen. Er macht sich Gedanken über die Zukunft und malt sich aus, auf welche unterschiedliche Weise der Produktlaunch noch schiefgehen könnte. Dann macht er sich Vorwürfe, weil er wertvolle Zeit und Energie mit Grübeln verschwendet, anstatt zu handeln. Mit anderen Worten: Seine Bedächtigkeit, die normalerweise eine Stärke ist, führt oft dazu, dass er Situationen zu intensiv durchdenkt.

Terence ist das, was ich einen "sensiblen Streber" nennen würde – ein Leistungsträger, der die Welt tief greifender verarbeitet als andere. Studien zeigen, dass sensible Menschen mehr neuronale Schaltaktivität und neurochemische Stoffe aufweisen in Bereichen des Gehirns, die mit der mentalen Verarbeitung zusammenhängen. Das bedeutet: Ihr Gehirn nimmt nicht nur mehr Informationen auf, sondern verarbeitet diese auch auf komplexere Weise. Sensible Menschen wie Terence werden oft dafür gelobt, dass sie unterschiedliche Blickwinkel und Zwischentöne erkunden. Gleichzeitig sind sie anfälliger für Stress und Überforderung.

Gründliches Abwägen ist eine bewundernswerte und wesentliche Führungsqualität, die zweifelsohne zu besseren Ergebnissen führt. Aber bei Terence und anderen gibt es einen Punkt in der Entscheidungsfindung, an dem hilfreiches Nachdenken in ungesundes Grübeln und Überanalysieren umschlägt.

Mit den folgenden fünf Tipps befreien Sie sich aus der negativen Gedankenspirale und kommen zu besseren, schnelleren Entscheidungen.

1. Sie müssen nicht perfekt sein

Perfektionismus ist eine der größten Blockaden für eine schnelle, effektive Entscheidungsfindung, weil er auf einem fehlerhaften Alles-oder-nichts-Denken beruht. Er kann zum Beispiel dazu führen, dass Sie sich für einen Versager halten, wenn Sie nicht die "richtige" Entscheidung treffen. (Als ob es nur eine richtige Option gäbe!) Oder dass Sie alles wissen müssen, alle Eventualitäten vorhersehen können und einen ausgeklügelten Plan brauchen, bevor Sie eine Entscheidung treffen. Der Versuch, alle möglichen Ergebnisse und Bedenken abzuwägen, wirkt lähmend.

Um diese Neigung im Zaum zu halten, können Sie sich folgende Fragen stellen:

  • Welche Entscheidung hat den größten positiven Einfluss auf meine wichtigsten Vorhaben?

  • Von allen möglichen Menschen, die ich erfreuen oder verärgern könnte, wen oder welche zwei Personen möchte ich am wenigsten enttäuschen?

  • Was könnte ich heute tun – nur eine einzige Sache –, um meinem Ziel näherzukommen?

  • Auf Grundlage dessen, was ich weiß, und der Informationen, die ich aktuell habe, was ist der beste nächste Schritt?

Diese Fragen zeigen Ihnen: Es ist viel einfacher, sich einen einzelnen Schritt zu überlegen und ihn umzusetzen, als Monate oder Jahre in die Zukunft zu denken.

2. Ist das wirklich so wichtig?

Manche Entscheidungen sind es wert, intensiv nachzudenken, andere sind es nicht. Bevor Sie eine Entscheidung treffen, schreiben Sie auf, welche Ziele, Prioritäten oder Menschen in Ihrem Leben davon betroffen sind. Dies hilft Ihnen zu unterscheiden, was sinnvoll ist und worüber Sie lieber nicht allzu lange nachgrübeln sollten. Der "10/10/10-Test" kann hilfreich sein, wenn Sie Angst haben, mit einer Entscheidung auf die Nase zu fallen. Überlegen Sie, wie Sie sich in zehn Wochen, zehn Monaten oder zehn Jahren nach dieser Entscheidung fühlen werden. Vermutlich wird Ihre Entscheidung nur geringe Konsequenzen gehabt haben, oder Sie können sich nicht einmal daran erinnern, dass es für Sie so eine große Sache war. Ihre Antworten helfen Ihnen, die Dinge ins rechte Licht zu rücken und Ihre Motivation auf das zu konzentrieren, wo Sie wirklich Einsatz zeigen müssen.

3. Nutzen Sie Ihre Intuition

Intuition funktioniert wie ein mentales Memory. Das Gehirn betrachtet eine Situation, bewertet schnell all Ihre Erfahrungen und trifft dann die beste Entscheidung angesichts des Kontextes. Dieser automatische Prozess ist schneller als das rationale Denken; daher ist Intuition ein notwendiges Entscheidungsinstrument, wenn die Zeit knapp ist und es keine herkömmlichen Daten gibt. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass die Kombination aus Intuition und analytischem Denken hilft, bessere, schnellere und genauere Entscheidungen zu treffen, und Ihnen mehr Vertrauen in Ihre Entscheidungen gibt, als wenn Sie sich allein auf Ihren Intellekt verlassen.

In einer Studie aus dem Jahr 2016 waren Autokäufer, die sich ausschließlich auf eine sorgfältige Analyse verließen, am Ende nur in etwa einem Viertel der Fälle mit ihrem Kauf zufrieden. Diejenigen jedoch, die sich intuitiv für ein Fahrzeug entschieden hatten, waren in 60 Prozent der Fälle zufrieden. Das liegt daran, dass unser Gehirn kluge Entscheidungen treffen kann, ohne viel nachzudenken, wenn es sich auf schnelle Kognition – auch "Thin-Slicing" genannt – verlässt.

Terence, der erwähnte Produktentwickler, war so fasziniert von der Idee, Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, dass er einen "Tag der Enthemmung" plante, an dem er 24 Stunden lang bei allem, was er sagte und tat, seiner Intuition folgte. Das Ergebnis? Indem er seinem Bauchgefühl folgte, fand er den Mut, sich nicht mehr selbst zu zensieren und harte Entscheidungen zu treffen, auch wenn dies einige Betroffene verärgern würde. "Es ging nicht nur darum, was ich geschafft habe, sondern wie ich es geschafft habe, wie schnell, und wie ich mich dabei gefühlt habe", sagte er später.

Versuchen Sie das Experiment einmal selbst, oder nehmen Sie sich heute einfach ein paar Minuten Zeit und schreiben Sie drei bis fünf Situationen auf, in denen Sie auf Ihr Bauchgefühl vertraut haben, und ob das Ergebnis positiv war.

4. Schonen Sie Ihr Gehirn

Sie treffen täglich Hunderte Entscheidungen, von der Frage, was Sie frühstücken sollen, bis hin zur Frage, wie Sie auf eine E-Mail antworten. Jede dieser Entscheidungen verringert Ihre mentalen und emotionalen Ressourcen ein kleines Stück. Wenn Sie erschöpft sind, neigen Sie eher dazu, zu viel zu denken. Je mehr unwichtige Entscheidungen Sie vermeiden können, desto mehr Energie haben Sie für die wirklich wichtigen. Schaffen Sie Routinen und Rituale, um Ihre Gehirnzellen zu schonen, zum Beispiel einen wöchentlichen Essensplan oder eine feste Auswahl an Kleidungsstücken. Suchen Sie auch nach Möglichkeiten, bestimmte Entscheidungen ganz abzuschaffen, indem Sie zum Beispiel Best Practices und standardisierte Protokolle einführen, delegieren oder sich aus Meetings zurückziehen.

5. Setzen Sie Grübeln Grenzen

Vielleicht kennen Sie das Parkinsonsche Gesetz, das besagt, dass sich Arbeit in genau dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Einfacher ausgedrückt: Wenn Sie sich einen Monat Zeit geben, um eine Präsentation zu erstellen, werden Sie in der Tat einen ganzen Monat dafür brauchen. Hätten Sie aber nur eine Woche Zeit, würden Sie die gleiche Präsentation in kürzerer Frist fertigstellen.

Ich habe ein ähnliches Prinzip bei "sensiblen Strebern" beobachtet – dass das übermäßige Grübeln und Analysieren all die Zeit einnimmt, die wir ihm zugestehen. Mit anderen Worten: Wenn Sie sich eine Woche Zeit geben, um über etwas nachzudenken, was eigentlich in einer Stunde erledigt sein müsste, werden Sie eine unangemessene Menge an Zeit und Energie verschwenden. Sie können diese Neigung eindämmen, indem Sie durch kreative Zwänge Verantwortlich-keit schaffen. Legen Sie zum Beispiel eine Uhrzeit oder ein Datum fest, bis zu dem Sie eine Entscheidung treffen wollen. Tragen Sie es in Ihren Kalender ein, stellen Sie eine Erinnerung auf Ihrem Smartphone ein oder kontaktieren Sie womöglich die Person, die auf Ihre Entscheidung wartet, und lassen Sie sie wissen, wann sie mit einer Antwort rechnen kann. Bei meinen Coachingklienten sehr beliebt ist die Übung "Sorgenzeit", bei der sie einen kurzen Zeitraum am Tag dafür vorsehen, konstruktiv Probleme zu lösen.

Denken Sie vor allem daran, dass Ihre mentale Tiefe Ihnen einen großen Wettbewerbsvorteil verschafft. Sobald Sie lernen, Ihre Neigung zu übermäßigem Grübeln und Analysieren in Schach zu halten, können Sie aus Ihrer Sensibilität eine wahre Superkraft machen. © HBP 2021

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