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Verteidigen Sie Ihre Forschung Der Teddybären-Effekt

Die Studie: Sreedhari Desai, Professorin an der University of North Carolina, hat untersucht, welchen Effekt Kinderspielzeug auf das Sozialverhalten von Menschen hat. Die Wissenschaftlerin bat zwei Gruppen, an einem Spiel teilzunehmen, bei dem die Probanden Gehälter festlegen mussten. Durch falsche Angaben konnten die Teilnehmer das eigene Gehalt steigern. Eines der beiden Teams befand sich dabei in einem Raum, in dem Buntstifte und Stofftiere auslagen. Der Vergleich war erstaunlich: Die Probanden in dem Spielzeugzimmer waren ehrlicher und durch die Bank großzügiger. Die These: Kuscheltiere machen ihre Betrachter zu besseren Menschen.
aus Harvard Business manager 11/2011

Illustration: Patrick Mariathasan für Harvard Business Manager

Harvard Business manager: Professor Desai, wollen Sie wirklich behaupten, dass Stofftiere in Vorstandsbüros für ein ethischeres Management sorgen würden?

Sreedhari Desai: Wir haben in unseren Versuchen eindeutig nachweisen können, dass Menschen, die sich in einem Raum mit Kinderspielzeug befinden oder gerade einen Cartoon angesehen haben, eine 20 Prozent geringere Neigung haben, ihre Umwelt zu betrügen. Unsere Versuche haben auch gezeigt, dass Probanden, die sich durch Gegenstände an ihre Kindheit erinnert fühlen, bei Wortspielen häufiger dazu neigen, ethische Wörter wie "Moral" oder "rein" vorzuschlagen, als Teilnehmer einer Vergleichsgruppe, die in einem neutralen Raum saßen. Darüberhinaus konnten wir beobachten, dass sich die Menschen besser benehmen, wenn sie von Spielzeug umgeben sind - selbst wenn dieses keinen direkten Einfluss auf ihr Glücksempfinden hat.

Experimente unter künstlich geschaffenen Rahmenbedingungen müssen kein Abbild der Realität sein. Wie können Sie sich sicher sein, dass der von Ihnen beobachtete Effekt auch im Alltag greift?

Dieselbe Frage hat mir auch Larry Lessig gestellt, Professor an der Harvard Law School und mein Vorgesetzter im Ethikzentrum. Mein Team und ich haben daraufhin die Performance eines Unternehmens - in unserem Fall war es der Technologiekonzern KLD - untersucht und mit diversen geografischen Einflüssen in Beziehung gesetzt. Das Ergebnis war eindeutig: Unternehmen, die fünf oder mehr Kindergärten, Kitas oder Krippen in ihrer direkten Umkreis haben (Desai versteht darunter einen Zwei-Meilen- Umkreis - Anm. d. Red.) unterstützen weitaus häufiger soziale Projekte oder betreiben Charity als andere.

Ist es realistisch, diesen Effekt allein auf die Nähe von Kinderbetreuungseinrichtungen zurückzuführen? Die Arbeitswelt und Wirklichkeit werden durch viele Einflüsse geprägt ...

Wir haben eine ganz klassische Regressionsanalyse durchgeführt und dabei firmenspezifische Variablen wie etwa die Größe, das Alter, die Risikobereitschaft und den Erfolg eines Unternehmens untersucht. Und wir haben den Einfluss der Bevölkerungsdichte angeschaut, da Studien ergeben haben, dass Menschen in dicht besiedelten Gegenden dazu neigen, aggressiver zu sein als Bewohner von dünn besiedelten Landstrichen. Aber auch nachdem wir die Ergebnisse um all diese Einflüsse und Faktoren bereinigt hatten, war unser Ergebnis dasselbe: Je mehr Kindergärten und Kitas in der Nähe eines Unternehmens sind, desto häufiger engagiert sich dieses für soziale Themen. Es ist großartig, als Wissenschaftler zu erleben, dass die Thesen aus den eigenen Versuchen auch den Realitätscheck bestehen.

Wie erklären Sie sich das?

Wir vermuten, dass es etwas mit der Sehnsucht nach Reinheit zu tun hat. Reminiszenzen, die uns an unsere Kindheit erinnern, scheinen unser Tugendzentrum zu aktivieren, welches man nur ungern beschmutzt.

Denken Sie mal darüber nach: Eltern benehmen sich in aller Regel anders, wenn ihre Kinder zugegen sind. Sie fluchen weniger. Und sie wollen auch nicht, dass andere in deren Gegenwart schlechte Ausdrücke benutzen. Wir gehen inzwischen sogar davon aus, dass allein der Gedanke an Kinder ausreicht, um bei den Menschen eine Verhaltensänderung zu verursachen.

Dennoch ist es nur schwer vorstellbar, dass ein paar Buntstifte ausreichen sollen, die hochkomplexe Welt von Erwachsenen zu verändern.

Die Indizien, die unsere These stützen, werden immer mehr. So hat man etwa in der Welt der Primaten beobachtet, dass männliche Berberaffen ihren Nachwuchs ganz bewusst umhertragen, um weniger den Aggressionen ihrer Artgenossen ausgesetzt zu sein. Die Präsenz von Affenbabys sorgt für ein kooperativeres Klima unter den Tieren. Es kommt etwa viel häufiger zur gegenseitigen Fellpflege.

Neurowissenschaftler wiederum haben herausgefunden, dass Menschen in der Gegenwart von Kindern das Hormon Oxytocin ausschütten. Oxytocin gilt als Kuschelhormon und wird mit sozialem Verhalten assoziiert.

Kommt es darauf an, welche Art von Spielzeug ausliegt? Hat etwa Babyspielzeug einen größeren Einfluss als Teenager-Comics?

In diesem Punkt sind wir noch sehr unsicher. Wir konnten definitiv feststellen, dass Spielzeug für Kinder von null bis etwa acht oder neun Jahren einen Einfluss hat. Ob und welchen Einfluss Spielzeug von älteren Kindern hat, wissen wir nicht.

Welchen Rat geben Sie uns? Sollten alle Konferenzräume von nun an mit Kinderspielzeug bestückt werden?

Bauen Sie Kindergärten auf Ihrem Firmengelände. Dadurch würden sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Eltern wären entspanntere Arbeitnehmer, und Sie würden damit das Sozialverhalten aller Mitarbeiter verbessern. Womöglich würde sich sogar die gesamte Unternehmenskultur wandeln.

Sie könnten auch Kinderbilder aufhängen, die dafür sorgen, dass Menschen sich besser benehmen. Vielleicht könnte man auch die Fahrstuhlmusik durch Kinderlieder ersetzen? Oder Nachrichten in farbenfroher Tinte verschicken? Ich kann Ihnen nicht sagen, ob und inwieweit diese Maßnahmen greifen. Aber es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass sie einen direkten Effekt haben.

Was wollen Sie als Nächstes untersuchen?

Bisher haben wir uns in unseren Versuchen auf ökonomische, ethische und soziale Verhaltensänderungen konzentriert. Spannend wäre herauszufinden, ob Kinderspielzeug auch einen Einfluss auf unsere Neigung zu Vorurteilen hat. Könnte es eventuell für weniger Diskriminierung, mehr Diversität und weniger Ressentiments sorgen?

Mich würde auch interessieren, ob das Kindchenschema denselben Effekt auslöst. Kinder haben eine besondere Anatomie: große Augen, eine hohe Stirn, ein wenig ausgeprägtes Kinn, Pausbacken. Könnte es etwa sein, dass wir von Unternehmen, die von Geschäftsführern mit derartigen Merkmalen geführt werden, weniger häufig annehmen, dass sie illegal Chemieabfälle in unsere Flüsse entsorgen?

Genau das ist für mich übrigens die Kehrseite unserer Forschung: Die Werbung nutzt unsere Erkenntnisse in zahlreichen Anzeigenkampagnen, die Kinder perfide für ihre Zwecke instrumentalisieren: Da trinken Babys Limonade, unterhalten sich Grundschüler über die Zigarettenmarken ihrer Väter oder rasieren sich Zwei- bis -Dreijährige. Es gibt eine Fastfood-Kette, deren Logo ein kleines Mädchen mit Zöpfen zeigt. Wenn man sich unsere Forschungsergebnisse vor Augen führt, wird einem allmählich bewusst, was all diese Anzeigen bei uns bewirken. © 2011 Harvard Business Publishing

Dieser Beitrag erschien erstmals in der November-Ausgabe 2011 des Harvard Business managers.

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