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Bücher zur Selbstoptimierung Das letzte Quäntchen

Zwei Bücher stellen die aktuellsten Kniffe zur Selbstoptimierung vor. Doch Vorsicht: Wir sollten im Produktivitätswahn nicht das wahre Leben vergessen.
aus Harvard Business manager 6/2016

Illustration: Patrick Mariathasan für Harvard Business Manager

Pssst. Ja, Sie. Ich weiß, dass Sie gerade beschäftigt sind. Aber legen Sie Ihre Arbeit doch bitte kurz beiseite und lesen Sie diesen Text. Ich habe einige Tipps, die Ihr Leben verändern werden. Kein Waschbrettbauch oder besserer Sex – das überlassen wir "Men's Health" und "Cosmopolitan". Hier geht es darum, dass Sie einen Pfad einschlagen, der Sie ins Nirwana der arbeitenden Bevölkerung führt – auch bekannt als "getting more done". Sie haben sich eine Pause verdient, und es gibt keine tugendhaftere Form der Prokrastination als über neue Methoden zu lesen, wie sie schneller arbeiten können. Im Internet existieren unzählige Artikel zu dem Thema, weil es so viele Klicks bringt. Es gibt sogar ein Wort dafür: Productivity Porn.

Das Genre ist nicht neu. Die Amerikaner rennen Ratschlägen zum Zeitmanagement hinterher, seit der Staatsmann Benjamin Franklin erstmals darüber geschrieben hat. Doch in der heutigen Zeit ist solcher Rat besonders wertvoll. Unsere Leistung wird zunehmend nicht mehr nach Arbeitszeit gemessen, sondern danach, was wir tatsächlich geschafft haben. Das erklärt die Popularität von Webseiten wie Lifehacker und von Produktivitätsgurus wie David Allen, dem Autor des Buchs "Getting Things Done". In diesem Jahr sind zwei neue Titel auf den Markt gekommen. Wie bei Diätratgebern auch ist es nur fair, wenn wir die Frage stellen: Gibt es wirklich etwas Neues darüber zu berichten, wie wir Prioritäten setzen, uns von E-Mails unabhängig machen und Ablenkungen minimieren sollten? Vielleicht spielt das auch keine Rolle, da unser Verlangen nach solchen Ratschlägen schier unendlich ist. Im Englischen gibt es den Spruch, man könne niemals zu reich oder zu dünn sein. Ergänzen wir ihn um "Man kann niemals zu produktiv sein".

Chris Bailey, ein Kanadier Mitte 20, ist ein etwas seltsamer, aber energievoller Lotse durch das Dickicht der Produktivitätspornografie. Bailey hat "Getting Things Done" als Teenager gelesen. Wie ein Besessener machte er sich daraufhin auf die Suche nach Wegen, Aufgaben schneller und einfacher zu erledigen. Nach seinem Collegeabschluss sagte er zwei Jobangebote ab, um sich ein Jahr lang ganz dem Thema Produktivität zu widmen. Seine Experimente dokumentierte er online in einem Blog. Einmal schaute er beispielsweise 296 TED-Talks innerhalb einer Woche an. Seine Stunts riefen eine Menge Aufmerksamkeit hervor und sicherten ihm einen Buchvertrag.

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Das Ergebnis ist "The Productivity Project". Bailey verdient Anerkennung für die Bandbreite an Effizienzkniffen, die er ausprobiert hat. Für ein Experiment beschränkte er sich darauf, sein iPhone maximal 60 Minuten pro Tag zu nutzen. (Smartphones sind die größte Ablenkung der Moderne.) In einem anderen Versuch wechselte er zwischen 90-Stunden- und 20-Stunden-Arbeitswochen hin und her und verglich die Leistung, die er erzielte, mit der Zeit, die er mit nutzlosen Dingen verbrachte. (Erkenntnis: Lange Arbeitstage zerstören Produktivität, kurze Zeiträume zwingen dazu, Prioritäten zu setzen.)

Bailey verbrachte auch weniger Zeit mit E-Mails – einem gigantischen Zeitverschwender – und öffnete sein Postfach nur noch dreimal pro Woche. (Für die Handvoll Leute, die ihn dringend erreichen musste, legte er sich eine zweite, streng geheime E-Mail-Adresse zu, die er täglich überprüfte.) Bailey optimierte zudem seinen Aufwand für Hygiene und Ernährung: Er badete seltener und nahm nur Soylent zu sich – eine Flüssignahrung als Essensersatz. Einmal schuf er eine Umgebung, in der wirklich keine Ablenkung mehr möglich war: Er arbeitete (und lebte) zehn Tage in einem fensterlosen Kellerraum, wo er mit niemandem kommunizierte. Während eines anderen Zeitraums plante er täglich dreistündige Schlafzeiten ein.

Bücher mit dem Konzept "Mein Jahr, in dem ich die verrückte Aktivität X verfolgt habe" wirken oft künstlich und übertrieben; auch Baileys Buch ist dicker, als es sein müsste. (Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Während ich dieses Buch las, das davon handelt, wie man nicht zu oft auf sein Handy schaut, ertappte ich mich dabei, wie ich immer wieder auf mein Handy schaute.) Zumindest erzählt Bailey nicht unnötig lange von seinen eigenen Produktivitätsversuchen. Stattdessen sind seine Kapitel voll mit solider Forschung und handfesten Tipps. Von besonderem Wert sind die Abschnitte über Prokrastination (was am häufigsten dann geschieht, wenn Aufgaben langweilig, zu schwierig oder sinnlos sind) sowie die Ausführungen dazu, warum Fokus und Energie so bedeutend sind wie Zeitmanagement. "Die vielleicht größte Lehre, die ich aus diesem Experiment gezogen habe", schreibt Bailey, "war folgende: Es ist ungemein wichtig, dass einem seine Produktivitätsziele wirklich am Herzen liegen. Man muss sich darüber im Klaren sein, warum man überhaupt produktiver werden will."

Charles Duhigg besitzt große Glaubwürdigkeit in diesem Bereich: Er ist ein Meister der Zeiteinteilung. Tagsüber arbeitet er als Reporter für die "New York Times" – was ihm sogar einen Pulitzerpreis einbrachte –, nachts schreibt er Bücher. (Vor seinem Einstieg in den Journalismus erwarb er einen MBA-Abschluss und arbeitete in der Private-Equity-Branche.) Sein neues Werk trägt den Titel "Smarter Faster Better". Vom Schreibstil her ähnelt es seinem vorherigen Buch "Die Macht der Gewohnheit: Warum wir tun, was wir tun". Um seine Konzepte zu veranschaulichen, springt Duhigg wieder schnell zwischen verschiedenen Orten hin und her: ein Lager der US-Marineinfanterie, ein Pflegeheim, Googles Personalabteilung, die Fernsehshow "Saturday Night Live" und das Trickfilmstudio Pixar. Die diskursive Erzähltechnik, die meist mit Malcolm Gladwell in Verbindung gebracht wird, verleiht dem Buch ungewöhnlichen Schwung: Duhiggs Storytelling vermittelt einem das Gefühl, unbedingt weiterlesen zu wollen.

Duhigg beschäftigt sich ausgiebig mit der Definition von Produktivität und zieht dafür Forschungen zu Themen wie Motivation, Zielsetzung, Entscheidungsfindung und Teamarbeit zurate. Einiges wird HBM-Lesern bekannt vorkommen, aber er verpackt es in unterhaltsame, originelle Geschichten: Eine Doktorandin schlägt eine Karriere als professionelle Pokerspielerin ein; die Besatzung eines Air-France-Flugs wird durch den Autopiloten in einen tödlichen Unfall geführt. "Smarter Faster Better" ist weniger stringent als Duhiggs letztes Buch. Es gibt keine starke, zentrale These, und manchmal fragt man sich, was das mit persönlicher Produktivität zu tun haben soll. Aber man kann argumentieren, dass es sich eher um einen Ratgeber für Topmanager handelt. Es geht weniger darum, wie Individuen mehr leisten, als darum, organisatorische Prinzipien und Systeme vorzustellen, mit denen Mitarbeiter effizienter zusammenarbeiten können.

Für die meisten von uns jedoch ist Produktivität kein systemisches Problem, sondern eine tägliche Herausforderung: Soll ich kurz nachschauen, was auf Twitter passiert, oder meine Arbeit machen – auch wenn sie eintönig, sinnlos oder überfordernd scheint? Statt sich auf Tipps und Tricks zu konzentrieren, könnte folgende Frage vielleicht eine Überlegung wert sein: Wenn es für Sie wirklich schwierig ist, produktiv zu sein, machen Sie dann überhaupt die richtige Arbeit?

Sie sollten sich auch immer daran erinnern, dass das Ziel der Produktivitätspornografie nicht sein sollte, sich in einen hypereffizienten Automaten zu verwandeln, der immer mehr Arbeit erledigen kann. Vielmehr sollte es darum gehen, einen Weg zu finden, wie Sie sich schneller aus dem Büro verabschieden und in die Außenwelt entfliehen können – dorthin, wo das wahre Leben stattfindet.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Juni-Ausgabe 2016 des Harvard Business managers.

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