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Psychologe Steven Hayes über Krisen "Das Gehirn ist eine Plaudertasche"

Krisen sind schwer zu ertragen. Was wäre, wenn wir sie akzeptieren? Steven Hayes, einer der bekanntesten Psychologen der Gegenwart, erklärt, wie wir uns von negativen Gedanken lösen und unser Gehirn an die Leine legen.

Das Interview führten Antonia Götsch und Ingmar Höhmann
aus Harvard Business manager 3/2021
Steven Hayes, Psychologie-Professor und Erfinder der ACT-Methode, die Achtsamkeit und klassische Verhaltenstherapie verbindet.

Steven Hayes, Psychologie-Professor und Erfinder der ACT-Methode, die Achtsamkeit und klassische Verhaltenstherapie verbindet.

Foto: PR

Harvard Business manager: Die Corona-Pandemie zieht sich in die Länge. Wir vermissen Freunde, Familie, Kolleginnen und Kollegen im Büro. Was macht das mit uns?

Steven Hayes: Die Corona-Krise führt uns deutlich vor Augen, dass wir nicht nur dann an unserer mentalen Stärke arbeiten müssen, wenn wir psychische Probleme haben. Es ist vielmehr eine Aufgabe, der wir uns täglich stellen müssen. Wir sollten ja auch nicht nur dann Sport treiben und uns gut ernähren, wenn wir krank sind. Ich lese oft Aussagen wie: "Jeder Fünfte hat psychische Probleme." Das ist so nicht richtig. Wir alle müssen permanent mentale Herausforderungen bewältigen.

Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), die Sie in den 80er Jahren mitbegründet haben, trägt das Wort "Akzeptanz" im Namen. Wie akzeptiert man eine solche Situation?

Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "etwas wie ein Geschenk empfangen". So komisch das erst mal klingen mag: Die schmerzhafte Situation, in der wir uns befinden, hält auch Geschenke für uns bereit. Das Gefühl der Isolation und Trennung, das Sie erwähnt haben, hat eine positive Kehrseite: Wir erkennen, wie wichtig es uns ist, mit anderen verbunden zu sein. Wenn Sie immer alles von sich wegschieben, was Sie traurig macht oder Angst auslöst, schieben Sie auch Ihre Fähigkeit weg, zu fühlen und zu akzeptieren, was eine tiefe Bedeutung für Sie hat.

Wenn wir uns auf ein negatives Gefühl fokussieren, wie zum Beispiel Angst, Frust oder unsere Einsamkeit, macht das die Sache dann nicht nur noch schlimmer?

Sie sollten sich nicht in Ihrer Frustration, Ihrem Ärger, Ihrer Traurigkeit oder Ihrer Angst verlieren. Das ist nicht der Zweck von Emotionen. Es geht vielmehr darum, anders mit diesen Gefühlen umzugehen: sie anzuerkennen, zu beobachten und zu beschreiben, während diese Gefühle kommen und gehen. Dann werden Sie auch zu einer besseren Führungskraft.

Sie werden Situationen besser lesen können und engere Beziehungen zu Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufbauen, die ja mit den gleichen Emotionen zu kämpfen haben. Manager sind keine Roboter und auch keine Rädchen im Getriebe. Es sind die Menschen, an denen sich das gesamte Team orientiert. CEOs und Führungskräfte sind dafür verantwortlich, eine offene und flexible Kultur zu schaffen. Das wird sich in der mentalen Gesundheit im Team oder Unternehmen niederschlagen und zu besseren Leistungen führen.

Sie empfehlen, dass wir uns unserem Leid zuwenden – als ob das der natürlichste Impuls der Welt sei. Aber das ist nichts, was Menschen gern machen, im Gegenteil.

Es geht nicht darum, sich in seinem Leid zu suhlen, sondern sich ihm zu öffnen. Sonst stumpfen Sie diesen Gefühlen gegenüber ab, so als ob Ihre Finger taub wären. Machen Sie es sich zur Gewohnheit, sich Ihren Gefühlen zuzuwenden, aus Ihnen zu lernen, in den gegenwärtigen Moment zurückzukehren, sich auf das Wichtige zu konzentrieren und sich dementsprechend zu verhalten. Es geht darum, einen Schwenk zu vollziehen von "Pain" zu "Purpose", also vom Schmerz zum zielgerichteten und wertebasierten Verhalten. Sich traurig zu fühlen ist nicht automatisch etwas Schlechtes.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Als meine Mutter starb, saß ich neben ihr. Eine halbe Stunde lang beobachtete ich, wie ihr Atem schwächer wurde. War es schlecht, dass ich mich traurig fühlte? Nein, natürlich nicht. Ein Teil von Ihnen will sich gegen solche Emotionen abschotten. Aber dieser Teil kann nicht beurteilen, ob sie von Bedeutung sind und einen Wert für uns haben. Unser Kopf sagt uns, es gebe nur gute und schlechte Emotionen. Das stimmt aber nicht. Sonst würde es uns glücklich machen, den ganzen Tag Zuckerwasser zu trinken.

Im Kern geht es bei ACT darum, psychische Flexibilität zu entwickeln. Was genau meinen Sie mit diesem Begriff?

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