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Karrierepfade: Christian Miele "Ich habe noch nie gut in vorgefertigte Strukturen gepasst"

Was macht Karriere heute aus? Wir haben Führungskräfte gefragt, wie ihre Karriere verlaufen ist und welche Vorstellungen sie haben. Unternehmer Christian Miele wusste lange nicht, was er beruflich machen wollte - bis zu dem einen prägenden Moment.
aus Harvard Business manager 9/2021
"Meine Leitplanken sind meine Neugierde und mein Bauchgefühl", sagt Christian Miele, Partner des Venture-Capital-Investors Eventures und Präsident des Bundesverbandes Deutsche Startups.

"Meine Leitplanken sind meine Neugierde und mein Bauchgefühl", sagt Christian Miele, Partner des Venture-Capital-Investors Eventures und Präsident des Bundesverbandes Deutsche Startups.

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Es gab diesen Moment in meinem Leben, der sich ganz und gar richtig anfühlte. Ich war 23 Jahre alt, hatte gerade meinen Job bei Bertelsmann gekündigt und saß im hippen Berliner Büro des Start-ups Rocket Internet inmitten von exzellent ausgebildeten Menschen meines Alters. Alles High Potentials mit Einser-Abi und Einser-Studienabschluss.

Ein bisschen kam ich mir vor wie das kleine hässliche Entlein, schließlich war ich nie ein guter Schüler oder Student gewesen. Ich hatte keinen super durchstrukturierten Lebenslauf vorzuweisen. Dennoch überwog das Gefühl, erstmals in meinem Leben ein Terrain betreten zu haben, das es mir erlauben würde, mich zu entfalten und mich von den Talenten um mich herum inspirieren zu lassen.

Lange hatte ich nicht gewusst, was ich mit mir anfangen sollte. Mein Umfeld war mir auch keine große Hilfe gewesen. Vom Vater kam der Impuls, nach dem Abi sofort arbeiten zu gehen oder Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Letzteres habe ich durchgezogen, doch selbst kurz vor dem Studienabschluss war ich immer noch ratlos, was für einen Beruf ich ergreifen sollte. So gelangte ich ins Traineeprogramm bei Bertelsmann, wo ich Einblick in die unterschiedlichsten Abteilungen bekam.

Karrierepfade

Wie eine erfolgreiche berufliche Entwicklung aussieht, definieren immer mehr Menschen nach ihren persönlichen Vorstellungen. Was sie eint, ist der Mut, Neues zu probieren – und das Gefühl, am richtigen Ort das Richtige zu tun. Fünf Frauen und Männer erzählen, wie sie ihren Weg gefunden haben.

Es gab diesen einen Moment während der Traineezeit, der meine weitere berufliche Laufbahn maßgeblich geprägt hat. Ich war zu der Zeit bei Arvato tätig, einer Tochter von Bertelsmann. Eines Tages kam mein Vorgesetzter zu mir und sagte: "Pass auf, Christian: Hier wird so viel Papier angeliefert. Übrig bleiben Zehntausende von nicht standardisierten Europaletten, die wir kostenpflichtig entsorgen müssen. Guck dir das mal an." Ich habe sofort gedacht: "Wie cool ist das denn?" Und mir sofort den ganzen Prozess angeschaut.

Mein Vorschlag: Wir machen Holzpellets für Kaminöfen aus den Paletten. Wir setzten die Idee um und hatten mit dem Pelletverkauf eine neue Einnahmequelle. Es war ein ganz kleines Projekt, aber es brachte für mich eine wichtige Erkenntnis: Probleme erkennen, analysieren und eigene Lösungswege zu beschreiten, die noch niemand zuvor gegangen ist, bringt mir unheimlich viel Spaß.

Ich habe noch nie besonders gut in vorgefertigte Strukturen gepasst und bin in vieles in meinem Leben eher planlos reingestolpert. Meine Leitplanken waren meine Neugierde und mein Bauchgefühl. Über einen Arbeitskollegen bei Bertelsmann kam ich in Kontakt mit Oliver Samwer von Rocket Internet, der mich kurz darauf einstellte. Mein Vater konnte diese Entscheidung nicht nachvollziehen, für eine "Internetklitsche" eine Konzernkarriere bei Bertelsmann aufzugeben! Aber meine Entscheidung war getroffen.

Ich habe es genossen, mich auszuprobieren und neue Ideen zu entwickeln. Mein Turbo ist dort gezündet worden. Ich habe zwei Projekte für Rocket Internet auf die Beine gestellt – den Internet-Möbelhändler Westwing und das Fintech Payleven. Es war eine Phase in meinem Leben, in der ich die meisten Stunden des Tages in die Arbeit gesteckt habe. Gesundheitlich ging es mir nicht gut damit: Nach einem Jahr konnte ich nicht mehr. Ich brauchte eine Auszeit.

Ich hatte viele Fragen an mein Leben: Ist das der Weg, den ich gehen sollte, um auch als Mensch glücklich und zufrieden zu werden? Kann ich das durchhalten? Bin ich vielleicht doch für etwas ganz anderes geeignet? So kam ich zur Zen-Praxis. Das Meditieren hilft mir auch heute noch, immer mal wieder den Blick nach innen zu richten, mich zu besinnen und zu sortieren.

Nach meiner Auszeit habe ich viel erlebt und verschiedene Rollen kennengelernt: Ich habe ein Unternehmen gegründet, bei einem anderen Start-up mitgearbeitet, bin Venture-Capital-Investor geworden, habe eine Familie gegründet und bin ehrenamtlich tätig für den deutschen Start-up-Verband. Ich bin mit meinen 34 Jahren sicher nicht am Ende meiner Reise angekommen. Aber für das Stück des Berges, das ich bisher erklommen habe, empfinde ich ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit und auch Dankbarkeit dafür, dass sich dann doch alles so gefügt hat. © HBm 2021

Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 2021 des Harvard Business managers.

Ausgabe September 2021

Aufstieg um jeden Preis?

Karriere: Ein Blick in die Zukunft, die bereits begonnen hat.

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