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Astronaut Thomas Reiter über Zusammenarbeit Im All sind tägliche Rituale wichtig

Schon bei der Ausbildung zum Astronauten hat der deutsche Luftwaffenoffizier Thomas Reiter Teamgeist trainiert. In Krisensituationen im Weltall hat er davon profitiert.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2021
Thomas Reiter, Luftwaffenoffizier

Thomas Reiter, Luftwaffenoffizier

Foto: Boris Roessler / dpa / picture alliance

Das Team einer bemannten Raumfahrtmission besteht nicht nur aus dem "fliegenden Personal". Die vielen Hundert Techniker, Wissenschaftler und Ärzte in den Kontrollzentren rund um die Welt gehören ebenso dazu. Sie bilden das Fundament der Sicherheit für die fliegende Crew. Für diese ist es daher sehr wichtig, möglichst viele dieser Experten persönlich zu kennen.

Der Zusammenhalt, das gegenseitige Vertrauen und das Wirgefühl in diesem großen Rahmen gehören zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren jeder Mission. Ohne diese Elemente wären die oft monatelangen Aufenthalte unter den extrem lebensfeindlichen Bedingungen des Weltalls und unter höchster Arbeitsbelastung kaum durchzustehen.

Das Kennenlernen und dann der Aufbau eines umfassenden und tief verwurzelten Teamgeists sind deshalb zentrale Elemente im jahrelangen Trainingsprogramm jedes Raumfahrers. Ich bin zum Beispiel vor dem Start meines Einsatzes auf der russischen Mir-Station mit der ganzen Familie ins Sternenstädtchen nahe Moskau gezogen und habe dort während der Ausbildung Russisch gelernt, mich mit möglichst vielen Fachleuten von der Bodenstation bekannt gemacht.

Die Probe aufs Exempel gab es dann bei den Überlebenstrainings. Wir mussten zum Beispiel eine Notwasserung unserer Raumkapsel und eine Notlandung in unwirtlichem Gebiet bei winterlichen Witterungsverhältnissen proben. Das bedeutete: Zweieinhalb Tage lang durchhalten bei minus 20 Grad, nur mit der an Bord mitgeführten Notausrüstung. Danach war uns allen klar, dass wir uns hundertprozentig auf die anderen verlassen können.

Im All sind tägliche Rituale wichtig für den Erhalt des richtigen Teamgeists. Sowohl an Bord der Mir wie später auf der Internationalen Raumstation ISS haben wir deshalb die Mahlzeiten immer zusammen eingenommen und uns entweder den Freitag oder den Samstag für einen gemeinsamen Filmabend oder eine ähnliche Aktivität aufgehoben. So habe ich zum Beispiel das Hollywooddrama über die havarierte Nasa-Mondmission Apollo 13, aus dem der berühmte Spruch "Houston, wir haben ein Problem" stammt, als Video auf der Mir-Station gesehen.

Streit oder ähnlich offensive Verstöße gegen ein einvernehmliches Wirgefühl habe ich nie erlebt während einer Raumfahrtmission. Wenn einer mal einen schlechten Tag hat, was im Laufe der vielen Monate jedem passieren kann, dann nehmen die anderen Crewmitglieder darauf Rücksicht und versuchen, den etwas abgespannten Kollegen wieder behutsam zu integrieren. Es ist nie vorgekommen, dass man sich einen Tag lang anschweigt, rummotzt oder gar ausfällig wird.

Bei bedrohlichen Situationen stellt jeder sein Ego hintan. Dann läuft das antrainierte Krisenprogramm ab, alles funktioniert mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Auf der Mir gab es zum Beispiel während meines Aufenthaltes ein Leck in einem Kühlsystem, wodurch dann auch die Sauerstoffversorgung ausfiel. Auf der ISS erlebten wir eine Verpuffung, die alle Räume mit gelb-bräunlichem Rauch füllte. Beide Zwischenfälle hätten zu einem Abbruch der Mission, zu einer Evakuierung der Raumstation führen können. Doch wir ließen uns nicht beirren, suchten die Fehlerstelle, reparierten den Defekt und nahmen danach so schnell wie möglich wieder die üblichen Routinen mit Experimenten, Instandhaltungen, Kommunikation und so weiter auf.

Zusammenarbeit

Die Mehrheit aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weltweit erledigt den größten Teil ihrer Tätigkeit in Teams. Dabei kann Großes entstehen oder es scheitert an den kleinsten Dingen. Gutes Teamwork ist kein Selbstzweck, sondern ein fragiles Konstrukt, um das man sich kümmern muss.

Wir haben alles Wichtige für Sie zu diesem Thema zusammengestellt.

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Zwar habe ich keine längeren Erfahrungen mit gemischtgeschlechtlichen Besatzungen. Doch nach dem, was ich aus eigener Anschauung und aus den Berichten von Kollegen und Kolleginnen kenne, gibt es hier keine Unterschiede bezüglich des Teamgeists an Bord. Die Raumfahrerinnen sind ebenso exzellent ausgebildete Profis wie die Männer. Warum sollte es da Spannungen geben?

Aus dem tief verwurzelten, tagtäglich gelebten Wirgefühl entstehen oftmals auch lebenslange Freundschaften. Mit meinen Mitfliegern Juri Gidsenko und Sergej Awdejew pflege ich zum Beispiel bis heute regelmäßigen Kontakt, meinen Ersatzmann als Wissenschaftsastronaut, den Schweden Christer Fuglesang, treffe ich am liebsten begleitet von unseren Familien.

Spezial 2021

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Zusammenarbeit: Wie Teams gemeinsam Großes schaffen

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2021 des Harvard Business manager.

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