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Fünf Minuten mit Anselm Grün "Führungskräfte müssen lernen, gut mit sich selbst umzugehen"

Der Benediktinerpater könnte längst im Ruhestand sein, doch der 74-Jährige hat nur seine Funktion als Verwaltungsleiter der Abtei Münster-Schwarzach niedergelegt. Er hält weiter rund 200 Vorträge und Seminare pro Jahr und schreibt fleißig Bücher – 300 Titel gibt es bislang.
Dieses Interview führte Christina Kestel
aus Harvard Business manager 11/2019
Foto: Bernd Roselieb / VISUM

Harvard Business manager: Sie haben als Verwaltungsdirektor (Cellerar) der Abtei erfolgreich einen wirtschaftlichen Turnaround hingelegt. Die Geschäfte florieren bis heute – was ist Ihr Erfolgsrezept?

Anselm Grün: Das Wichtigste war für mich anfangs nicht das Geldverdienen. Ich wollte zunächst ein anderes Klima schaffen, in dem die Menschen gern arbeiten. Die Basis dafür ist Vertrauen  und Wertschätzung, die ich den Menschen gebe, damit sie selbst Ideen entwickeln können.

Zum Erfolg trug auch der kreative Umgang mit Geld und Anlagen bei. Wir sind mit wenig gestartet, ich habe erst mal alles aufgebaut und angelegt. Doch die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Es gibt bei Geldanlagen immer Rückschläge – der lange Atem ist entscheidend! Ich sag immer: Wer gierig ist und wer Angst hat, soll die Finger davon lassen. Geldanlage braucht Vertrauen, Kreativität und das richtige Maß.

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Lag Ihnen diese Verwaltungsarbeit? Sie sind doch promovierter Theologe.

Das war sicherlich nicht mein Wunschtraum, ich wollte ursprünglich in der Seelsorge bleiben. Doch der Abt von Münster-Schwarzach war damals in den 70er Jahren in Nöten, und dann bin ich eben eingesprungen. Die Lage war zu wichtig – mit Geld kann man entweder alles verhindern oder alles ermöglichen. Als ich zusagte, wollte ich nicht nur meine Pflicht tun, sondern es auch so gestalten, dass es mir Spaß bringt und für mich stimmig ist.

Sie beziehen kein Gehalt, nur ein kleines Taschengeld. Welche Rolle spielt Geld für Sie?

Geld dient dem Menschen, und nicht etwa umgekehrt. Zweitens brauche ich eine innere Freiheit dem Geld gegenüber. Ich muss damit umgehen können, darf mich darüber aber nicht definieren. Drittens sollte man mit Geld kreativ umgehen, das heißt die Möglichkeiten, die es gibt, auch ausschöpfen. Und letztlich ist bei Geldanlagen die ethische Dimension wichtig: Mit einer Investition kann man etwas bewirken, zum Beispiel Druck auf Unternehmen ausüben, damit sie sich nach den propagierten Werten richten.

Sie haben als Cellerar ein ganz neues Führungsverständnis in der Abtei eingeführt – zuhören und reden, fragen und antworten, um gemeinsame Entscheidungen zu finden. Wie kam dieser Stil an?

Die Mitarbeiter aus den einzelnen Bereichen waren eher das römische Prinzip "divide et impera" (Teile und herrsche) meines Vorgängers gewohnt, was zur Folge hatte, dass alle nicht gut zusammengearbeitet haben. Jeder hatte nur seinen Bereich im Blick.

Ich habe versucht, ein Miteinander zu schaffen, was die Menschen zunächst erschreckt hat, da die Gesprächskultur nicht besonders ausgeprägt war. So habe ich versucht, zuzuhören und hinter die Aggressionen zu schauen. Wir konnten eine neue Gesprächskultur entwickeln. Vor meiner Zeit hat es geheißen, die da oben bestimmten alles. Das hat nach ein paar Jahren niemand mehr gesagt. Wichtig ist, dass ich nicht an den Menschen vorbei etwas befehle. Es war klar, dass wir nur gemeinsam etwas gestalten können. Und es ist wichtig, dass alle Spaß und Lust an ihrer Arbeit haben.

Sie haben schon zahllose Seminare und Vorträge für Führungskräfte gehalten. Was ist Ihre Kernbotschaft?

Die Menschen müssen lernen, gut mit sich selbst umzugehen, sich nicht zu überfordern und die eigenen Motive anzuschauen. Das Ziel ist, in Einklang mit sich selbst zu kommen. Wir müssen nicht immer perfekte Menschen sein, wir sollten nur versuchen, ehrlich zu sein. Dann können wir auch gut führen und müssen uns nicht in ein Schema zwängen.

Es gibt eine große Bewegung unter Führungskräften, die bewusster und menschlicher führen wollen. Das möchte ich bestärken. Ich kann nicht die ganze Wirtschaft verändern, aber ich habe die Hoffnung, dass diese Gedanken stärker werden. © HBM 2019

Dieser Beitrag erschien in der November-Ausgabe 2019 des Harvard Business managers.

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