Diskriminierung und Sprache Warum wir "dumm", "verrückt" und "blöd" aus unserem Wortschatz streichen sollten

Viele Begriffe und Formulierungen unserer Alltagssprache diskriminieren Menschen mit Behinderung. Wir sollten uns bewusst machen, wie wir im Büro kommunizieren, ohne zu entmenschlichen und zu verletzten. Ein Leitfaden.
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Versuchen Sie dieses Gedankenexperiment: Eine Freundin schickt Ihnen einen Artikel über ein Thema, für das Sie sich begeistern. Sie lesen ihn und fragen sie, was sie davon hält. Zu Ihrer Überraschung fällt ihr Urteil komplett entgegengesetzt zu Ihrem aus. Das regt Sie natürlich auf. Später am Abend, als Sie Ihrem Partner erklären, was passiert ist, wie beschreiben Sie den Standpunkt Ihrer Freundin?

Wenn Sie gesagt haben, dass es "dumm", "verrückt" oder "blöd" war, haben Sie sich (unwissentlich oder nicht) an der Verbreitung von ableistischer Sprache beteiligt. Ihnen war wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass Ihre Wortwahl eine Form von Diskriminierung war. Viele Menschen verwenden Wörter und Ausdrücke, die zur Behindertenfeindlichkeit beitragen (auch Ableismus genannt).

Ableismus ist definiert als Diskriminierung oder soziales Vorurteil gegenüber Menschen mit Behinderungen, die auf dem Glauben basieren, dass typische Fähigkeiten überlegen sind. Er kann sich als Einstellung, Stereotyp oder als offen beleidigender Kommentar oder Verhalten äußern. Wenn es um Sprache geht, zeigt sich Ableismus oft in Form von Metaphern ("Mein Freund ist emotional verkrüppelt."), Witzen ("Dieser Komiker war hysterisch!") und Euphemismen ("Er ist andersartig begabt.") im Gespräch.

Als Journalistin mit einem Hintergrund in Medienwissenschaften verbringe ich viel Zeit damit, über Sprache nachzudenken. Unsere Wortwahl und die Gründe, die dahinterstecken, spiegeln die Zeit wider, in der wir leben. So wie einige historisch rassistische, sexistische und abwertende Begriffe mittlerweile verschwunden sind, so sind auch einige ableistische Ausdrücke, die in der Vergangenheit verwendet wurden, um Menschen zu entmenschlichen, zu stigmatisieren und zu institutionalisieren, verschwunden. Gleichzeitig gibt es zu viele Menschen, die weiterhin beiläufig ableistische Ausdrücke verwenden, um andere lächerlich zu machen, zu kritisieren oder zurückzuweisen.

Meine Absicht ist es nicht, jemanden an den Pranger zu stellen. Ich möchte Menschen helfen, zu verstehen, wie sie Wörter und Formulierungen, die eine Behindertenfeindlichkeit verstärken, erkennen und somit aufhören können, diese zu verwenden. Ich habe mehrere Expertinnen und Experten um ihre Einschätzung gebeten.

Ableismus ist mehr als nur Sprache

Sprache ist ein Werkzeug, mit dem wir unseren Gefühlen und unserer Umgebung einen Sinn geben. Wenn wir die Dinge, Erfahrungen und Menschen um uns herum verbal beschreiben, weisen wir ihnen einen Wert zu. Dieser Wert wiederum wirkt sich darauf aus, wie wir miteinander umgehen.

Ableistische Sprache beeinflusst uns im Wesentlichen auf drei Arten:

  1. Sie offenbart unbewusste Vorurteile

Lydia X.Z. Brown, eine Anwältin für Behindertengerechtigkeit, sagte mir, dass sich unsere Einstellung gegenüber Behinderung, in der Sprache zeigt, die wir verwenden. "Wenn wir glauben, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht an unserem Arbeitsplatz, in unserem Leben, in unserer Familie oder in unserer Nachbarschaft sein sollten, dann ist es einfach, dies mit ableistischen Worten zu rationalisieren", sagte Brown. "Man könnte denken: 'Nur verrückte Menschen machen das. Ich mache das nicht, also ist es für mich okay, das zu sagen.' Aber wenn Menschen diese Dinge sagen, senden sie ein Signal an Menschen mit psychosozialen Behinderungen, dass wir nicht willkommen sind."

Natürlich, so Brown, ist Sprache nur eine Möglichkeit, wie sich Behindertenfeindlichkeit ausdrückt. "Indem man Behindertenfeindlichkeit aus seinem Wortschatz entfernt, entfernt man sie nicht aus seiner Umgebung." Behindertenfeindlichkeit kann besonders in der Arbeits- oder Schulumgebung ziemlich offensichtlich sein. Es kann das Fehlen von barrierefreien Infrastrukturen sein oder etwas Heimtückischeres, wie Leistungsbewertungen, die auf dem basieren, was traditionell als "produktives" oder "angemessenes" Verhalten angesehen wird.

Shain Neumeier, eine Anwältin und Aktivistin, fügte hinzu: "Kritzeln während eines Meetings [oder einer Unterrichtsstunde] kann Ihre Art der Konzentration sein, vor allem, wenn Ihre Behinderung nicht sichtbar ist, aber Menschen erkennen das nicht. Sie könnten einfach denken, dass es ein abnormales Verhalten für diesen Raum ist."

  1. Vorurteile über Behinderung werden verinnerlicht

Wenn Sie eine Behinderung als Witz, Metapher oder Euphemismus behandeln, richten Sie in mehrfacher Hinsicht Schaden an. Erstens verbreiten Sie die Annahme, dass es akzeptabel ist, jemanden mit einer Behinderung zu entmenschlichen und zu stigmatisieren. Je nach Ihrem Umfeld oder Freundeskreis könnten Sie sogar andere dazu ermutigen, das Gleiche zu tun.

Zweitens kann dies dazu führen, dass eine Person mit Behinderung diese Aussagen am Ende selbst verinnerlicht. "Das erste Mal, wenn sich jemand über Sie oder Menschen wie Sie lustig macht (auch wenn es nicht an Sie gerichtet ist), ist das ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein. Es ist wie ein Nadelstich", sagte Neumeier. "Aber wenn man 100 Mal, immer und immer wieder, herabgesetzt wird, fühlt man sich nicht mehr respektiert und es wird schwer, mit den Tätern zusammen zu sein. Besonders in der Arbeitsumgebung, wenn es eine unausgewogene Machtdynamik gibt und der Absender Ihr Chef ist, kann es sehr problematisch werden."

Neumeier wies auch darauf hin, dass es für eine Person mit Behinderung einfacher sein kann, eine Beleidigung oder einen allgemein inakzeptablen Ausdruck zu ignorieren, als sich ständig mit Mikroaggressionen auseinanderzusetzen. Wenn die Person, die diskriminiert wird, kein Unterstützungssystem hat, kann sie anfangen zu glauben, dass etwas mit ihr nicht stimmt und das ist gefährlich.

  1. Sie stigmatisiert bereits marginalisierte Menschen

Allilsa Fernandez, eine Aktivistin für psychische Gesundheit und Behinderung, sagt, dass die Verwendung von Wörtern, die ableistisch sind, die Aufmerksamkeit von dem Punkt ablenken können, den man zu vermitteln versucht, und die Idee normalisieren, dass Behinderungen mit Beleidigungen gleichzusetzen sind. "Wenn man sagt, dass Trump wegen seiner Haltung zur Einwanderung ein 'Psycho' oder 'Spinner' ist, konzentriert man sich am Ende auf diese spezifischen Wörter, ohne das eigentliche Thema anzusprechen: was es ist, das man an der Einwanderungspolitik nicht mag."

Wenn Sie die Politik der Regierung oder irgendetwas anderes kritisieren wollen, rät Fernandez, dass Sie über die Gründe sprechen, warum Sie zustimmen oder nicht zustimmen. "Wenn Sie die körperlichen und geistigen Fähigkeiten einer Person angreifen, anstatt tatsächlich eine Meinung oder Idee zu äußern, stigmatisieren Sie Menschen mit Behinderungen weiter", sagte Fernandez.

Bemühen Sie sich, Ihren Wortschatz zu verbessern

Die Verwendung von ableistischer Sprache macht Sie nicht zu einem schlechten Menschen. Es macht Sie menschlich. Aber wenn Sie die Möglichkeit haben, Ihr Vokabular zum Besseren zu verändern, warum sollten Sie es dann nicht versuchen? Ich habe meine Interviewpartner um ein paar Anfängertipps gebeten. Dies war ihr Rat.

  1. Erkennen Sie die Behinderung in der Gesellschaft an

Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit, etwa 15 Prozent der Bevölkerung, haben irgendeine Art von Behinderung. Beth Haller, Professorin für "Mass Communication and Communication Studies" an der Towson University in Maryland, beschäftigt sich seit Jahren mit der Darstellung von Behinderung in Massenmedien. Sie sagt, je bewusster wir die Behinderung um uns herum wahrnehmen, desto weniger neigen wir dazu, sie als etwas zu stigmatisieren, das behoben werden muss und sehen sie daher als etwas an, dass da ist. "Normalerweise gibt es zwei Gegenpole: Entweder haben die Menschen Mitleid, weil du behindert bist, oder sie fühlen sich 'glücklich' über das Leben, das sie (ohne die Behinderung) führen", erklärt sie. "Beides ist nicht hilfreich."

Haller sagte, dass wir als Welt aus der Denkweise herauskommen müssen, dass eine Person mit Behinderung "weniger hat als der Rest von uns." Da fängt die Diskriminierung schon an.

Profi-Tipp: Versuchen Sie nicht, die Behinderung zu beheben, sondern die Unterdrückung.

  1. Lernen, lernen, lernen

"Wir müssen bei der Bildung anfangen", sagt Fernandez. "Es ist nicht so, dass die Menschen nicht darüber nachdenken, welche Auswirkungen ihre Worte auf andere haben. Sprache ist einfach sehr tief verwurzelt in uns; sie spiegelt unsere Familien, Freunde, Kulturen und Identität wider." Sich der eigenen Vorurteile bewusst zu werden - von denen wir viele von den Menschen, die wir getroffen haben, den Erfahrungen, die wir gemacht haben und den Medien, die wir im Laufe unseres Lebens konsumiert haben, übernommen haben - ist laut Fernandez der erste Schritt, um sich selbst zu bilden.

Eine weitere Möglichkeit, sich unserer eigenen Vorurteile bewusst zu werden, ist, mehr zuzuhören als zu reden. Neumeier rät, Zuhören als ein Mittel zu betrachten, um stärkere Beziehungen aufzubauen - bei der Arbeit oder darüber hinaus. "Betrachten Sie jede Interaktion, die Sie haben, als eine Möglichkeit, sich mit anderen zu verbinden und nicht nur als einen Austausch von Ideen. Ansonsten werden wir uns alle isoliert fühlen."

Brown sagt, dass es für jeden wichtig ist, die Ressourcen und Inhalte zu nutzen, die von Menschen mit Behinderung herausgegeben werden. "Suchen Sie nach Artikeln, Büchern, Videos, Podcasts und anderen Arbeiten von Schriftstellern und Aktivisten mit einer Behinderung. Nutzen Sie diese Hilfsmittel, um zu lernen, wie Diskriminierung oder Behindertenfeindlichkeit funktioniert." Das wird Ihnen helfen, sie im Alltag zu erkennen - egal ob sie von Ihnen oder jemand anderem ausgeht.

Profi-Tipp: Bilden Sie sich selbst weiter und verlassen Sie sich nicht darauf, dass andere Sie belehren.

  1. Stellen Sie keine Vermutungen über eine Person an

Sprachliche Regeln entwickeln sich weiter. In den späten 1980er und frühen 90er Jahren, während der AIDS-Epidemie, begannen Organisationen, sich von Begriffen wie "behindert" zu lösen und die sogenannte "people-first language" zu verwenden, so Haller. Anstatt Menschen über ihre Behinderung zu definieren, versuchte die Bewegung, sich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass Menschen mit Behinderungen in erster Linie einfach Menschen sind. Ein Beispiel dafür wäre, "eine Person mit einer Behinderung" statt "eine behinderte Person" zu sagen.

Dies war für einige Zeit die sprachliche Regel. In den frühen 90er Jahren setzten sich dann andere Verbände, wie die National Federation of the Blind und die Gehörlosengemeinschaft, für eine Regel ein, bei der die Identität im Vordergrund steht, damit Behinderung als Identität und nicht nur als medizinische Kategorie anerkannt werden kann. Zum Beispiel bevorzugen einige Personen "Deaf" (großgeschrieben) anstelle von "Menschen, die taub sind" oder "Menschen mit Hörverlust."

Die Geschichte hinter unseren Identitäten und wie wir sie benennen, ist komplex. "Heute ist es die beste Strategie, die Menschen einfach zu fragen, wie sie angesprochen werden wollen", sagt Haller. Klärende Fragen zur Identität zeugen von Respekt.

Profi-Tipp: Die goldene Regel lautet: Wenn Sie sich über die Identität von jemandem unsicher sind, fragen Sie.

  1. Wenn Sie einen Fehler machen, entschuldigen Sie sich aufrichtig

"Wenn Ihnen jemand sagt, dass etwas respektlos ist, müssen Sie nicht verstehen, warum er verletzt ist. Nur, dass er es ist", sagt Brown. "Ich liebe es, für meine Freunde zu kochen. Aber wenn jemand sagt, dass er ein Gericht nicht mochte, dann werde ich ihn nicht zwingen, es zu essen. Ich muss es nicht verstehen oder argumentieren oder ihm sogar zustimmen. Aber wenn ich die Wahl habe, warum sollte ich meinem Freund ein Gericht machen, das er nicht mag?"

Brown mahnt, sich der eigenen Reaktion bewusst zu sein, wenn jemand Sie zurechtweist. Sich zu verteidigen mag eine natürliche Reaktion sein, aber das Letzte, was Sie tun wollen, ist, den Schmerz eines anderen auf sich zu beziehen und sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, auch wenn Sie gute Absichten hatten. Hinterfragen Sie stattdessen aufrichtig. Sagen Sie, dass es Ihnen leidtut und machen Sie es in Zukunft besser.

Profi-Tipp: Hier geht es nicht um Ihre Meinung, sondern darum, wie sich die andere Person fühlt.

Was ich aus diesen Gesprächen mitnehme, ist, dass der Schmerz und die Isolation, die mit Diskriminierung und Vorurteilen einhergehen, viel tiefer gehen als die ableistischen Worte, die viele von uns als Kinder gelernt haben. Diese Worte verletzen Menschen und dieser Schmerz ist berechtigt.

Das Gute daran ist, dass die Geschichte uns zeigt, dass sich Sprache und Kommunikation weiterentwickeln. Das bedeutet, dass wir viel Spielraum haben, um Vokabeln zu schaffen, die stärker und inklusiver sind - solche, die historische Ungerechtigkeiten ansprechen und dafür sorgen, dass sich jeder willkommen fühlt. Sprache ist nicht dazu da, uns zu entfremden; sie soll uns helfen, einander zu verstehen.

Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, wie Sie Ihre ableistischen Worte, Gedanken und Handlungen im Zaum halten können, können Sie im National Center on Disability and Journalism , im GLAAD Media Reference Guide , im Disability Language Guide  und in diesem Blog von Lydia X.Z.Brown  weitere Informationen finden. Über deutsche Begriffe klärt der Verein Leidmedien  auf.

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