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Vorstandsgehälter Selbstbedienung in den deutschen Chefetagen

VORSTANDSGEHÄLTER: Verdienen Deutschlands Topmanager zu viel? Der gesunde Menschenverstand weiß auf diese Frage eine klare Antwort - fern jeder vermeintlichen Neiddiskussion.
Von Bernd J. Wieczorek
aus Harvard Business manager 6/2002

Die Wirtschaftspresse ist derzeit voll von Berichten über Börsendesaster, Pleiten und Bilanzmanipulationen. Deshalb interessiert sich mittlerweile auch in Deutschland eine breitere Öffentlichkeit für das Thema Corporate Governance - also dafür, wie Unternehmen verantwortungsvoll zu führen und zu überwachen sind. Das gilt ebenso für den neuen Kodex zur Unternehmensführung, den eine Regierungskommission unter Vorsitz des ThyssenKrupp-Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme erarbeitet hat. Von den vielen Aspekten dieses Papiers haben die Medien bezeichnenderweise die Empfehlung zur Offenlegung der Vorstandsbezüge besonders oft aufgegriffen. Dabei geht es letztlich um die Frage: Verdienen deutsche Manager zu viel?

Dahinter stecken weniger vermeintlich typisch deutsche Neidgefühle, die zudem ein differenziertes Urteil über die Angemessenheit von Spitzengehältern verhindern würden. Eher meldet sich angesichts der rasant steigenden Bezüge einiger Vorstände ein besserer Ratgeber zu Wort - nämlich der gesunde Menschenverstand. Und das zu Recht. Denn beim Thema Vorstandsgehälter handelt es sich nicht um ein nebensächliches Detail, sondern um einen sensiblen Indikator für die Haltung einer Wirtschaftselite.

Das Aktiengesetz besagt, dass "die Gesamtbezüge in einem angemessenen Verhältnis zu den Aufgaben des Vorstandsmitglieds und zur Lage der Gesellschaft" stehen müssen. Die Cromme-Kommission ergänzt: "Kriterien für die Angemessenheit der Vergütung bilden insbesondere die Aufgaben des Vorstandsmitglieds, seine Leistung sowie die wirtschaftliche Lage, der Erfolg und die Zukunftsaussichten des Unternehmens unter Berücksichtigung eines Vergleichsumfelds." Damit haben sich Gesetzgeber und Kommission klar ausgedrückt: Erfüllt ein Vorstand seine Aufgaben pflichtgemäß und trägt er zum Unternehmenserfolg bei, soll er angemessen verdienen. Das beschreibt weder eine abgehobene Selbstbedienungsmentalität noch sozialromantische Gleichmacherei.

Urteilt der gesunde Menschenverstand auf Basis dieses Maßstabs über die Entwicklung der Vorstandsgehälter in der jüngsten Vergangenheit, dann kommt er auf den ersten Blick zu scheinbar widersprüchlichen Einschätzungen. So lobt die Öffentlichkeit gleichzeitig das eine Vorstandsgremium (etwa das von Schering) trotz einer massiven Erhöhung seiner Gesamtbezüge. Das andere Gremium (etwa das der Deutschen Telekom) tadelt sie massiv. Und das sogar, obwohl die Gesamtbezüge eines Vorstands bei dem kleineren Unternehmen keineswegs niedriger sind als bei der deutlich größeren Gesellschaft.

Ist diese Reaktion nicht ein wunderbarer Ausdruck gesunden Menschenverstands, der sich nicht vordergründig als Neiddiskussion abtun lässt? Wo Überdurchschnittliches geleistet wird und sich substanzieller unternehmerischer Erfolg einstellt, ist eine breite Öffentlichkeit offenkundig bereit, hohe Einkommen zu akzeptieren. Diesen Vorständen gönnt sie ganz ohne Neid die Multi-Millionen-Gehälter. Denn diese Manager schaffen Werte für die Aktionäre, Ertragsstärke für das Unternehmen und Sicherheit für die Arbeitsplätze.

Der unzulässige pauschale Vergleich mit den angloamerikanischen Gewohnheiten und der durch die New Economy getriebene Börsenboom vergangener Jahre verleiteten aber einige, ihr Einkommen zu maximieren, statt einen leistungsgerechten Unternehmerlohn anzustreben. Fast beamtenartige soziale Absicherungsklauseln in den Verträgen und voluminöse Aktienoptionsprogramme führten allzu oft zu jenen Exzessen bei den Einkommen, die mit Recht angeprangert werden. Dort sind individuelle Risikobereitschaft, unternehmerische Leistung und persönliche Bezüge wenig ausgewogen verbunden.

Eine intensive Debatte über die von der Cromme-Kommission empfohlene Offenlegung der Gehälter fürchten daher primär jene, die mehr bekommen, als sie verdienen. Umgekehrt wird die Transparenz und die dadurch mögliche Vergleichbarkeit der Bezüge denen helfen, die wegen ihres nachhaltigen unternehmerischen Erfolgs zu Recht erwarten, finanziell überdurchschnittlich honoriert zu werden.

Ebenso wenig wie ein Idealmodell der Unternehmensführung existiert, gibt es ein optimales Vergütungssystem. In jedem Einzelfall sollten sich Aufsichtsrat und Vorstand im Rahmen ihres generellen Corporate-Governance-Auftrags auf ein Vergütungspaket verständigen, das die spezifischen Unternehmens- und Eigentümerinteressen bestmöglich unterstützt. Dabei kommt es nur in zweiter Linie auf die absolute Höhe des Gesamteinkommens an. Wichtiger ist ein Vergütungssystem, das - mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbar - die erbrachte unternehmerische Leistung und die Entwicklung des Einkommens verknüpft. Der Aufsichtsrat hat die nicht leichte Pflicht, angemessene Leistungs- und Erfolgskriterien für jedes einzelne Vorstandsmitglied und für das Gremium insgesamt verbindlich zu vereinbaren und anzuwenden. Dass dabei in einer Marktwirtschaft der Marktwert einer Persönlichkeit ebenfalls eine Rolle spielt, versteht sich von selbst.

Sich vom Mittelmaß abzuheben, ohne abgehoben zu sein, ist unternehmerisch wie einkommensmäßig das eigentliche Ziel. Das lässt wenig Angriffsfläche für kleinkarierte Neider, aber auch keinen Platz für unangemessene Selbstbereicherung. n

© 2002 Harvard Businessmanager

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