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Kolumne Schumpeters bester Satz

aus Harvard Business manager 8/2011

Geradezu zwanghaft fördert, sobald der Name Joseph Alois Schumpeter fällt, die Erinnerung das Sprüchlein von der "schöpferischen Zerstörung" zutage, "das für den Kapitalismus wesentliche Faktum". An dem übrigens laut Schumpeter ebendieser Kapitalismus eines Tages zerschellen würde.

Der weltberühmte Wissenschaftler, große Frauenversteher, talentierte Reiter und zweifelhafte Bankrotteur formulierte das alles in seinem 1939 in den USA publizierten Buch "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie". Was den Kapitalismus betrifft, irrte er zwar. Dennoch hallt das Echo dieses Satzes durch die Business-Salons, wenn es um Innovationen geht. Das ist erstaunlich. Denn was dieses Thema betrifft, hat Schumpeter eine weit tiefere Weisheit hinterlassen, die sich mindestens so gut als Managementkalenderspruch verwenden ließe und viel leichter zu finden gewesen wäre. Der Satz steht nämlich - was seine Bedeutung belegt - ganz vorn im ersten Kapitel der "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung", die 1911 bei Duncker & Humblot in Berlin erschien: "Niemals ist eine Tatsache bis in ihre letzten Gründe ausschließlich oder ,rein' wirtschaftlich, stets gibt es noch andere - und oft wichtigere - Seiten daran."

Nicht 'rein' wirtschaftliche Gründe - was könnte das sein? Diese Frage wird bei Schumpeter nur ausweichend beantwortet. Ein Impuls für meine hier schon mehrfach erwähnte Forschungsgruppe aus wissbegierigen jungen Leuten, die sich flugs auf den Weg in die Praxis machten und fragten: Was wäre denn eine Innovation, die keine 'rein' wirtschaftlichen Gründe hatte? Und um eines draufzulegen: die aber dennoch große wirtschaftliche Folgen zeitigte?

An die 60 Repräsentanten aus Wissenschaft und Praxis wurden mit dem Problem konfrontiert: Soziologen, Verwaltungswissenschaftler, Informatiker, Physiker, Wirtschaftsprüfer, Juristen, Ökonomen, Arbeits- und Wirtschaftsrechtler, Ingenieure, Architekten und Finanzwissenschaftler. Es gab erstaunliche Antworten: Da wurden die Gender Studies und ihre Umsetzung in Diversity-Konzepte genannt, die Software für die qualitative Marktforschung und die entsprechenden Audiotranskriptionsprogramme; die Ökologisierung des wirtschaftlichen Denkens ebenso wie Luhmanns Systemtheorie und die mathematisch fundierte Netzwerkanalyse; die Veto-Spieler-Theorie; Human Relations; der Transistor oder die Anwendung von elektromagnetischen Feldern in der thermischen Prozesstechnik; das Umlageverfahren im Rentensystem; Emissionshandel, Humankapitaltheorie, Computer Aided Design für Bauwesen und so fort. Es wollte gar nicht mehr aufhören. Keine dieser Ideen war rein oder gar vorwiegend wirtschaftlich motiviert. Und doch ergab sich irgendwann eine Anwendung mit volkswirtschaftlicher Rentabilität.

Das Ergebnis erinnerte mich an die Botschaft einer Versammlung von Nobelpreisträgern in Lindau am Bodensee im Juli 2010, die uns die Kollegin Karin Hollricher in der "FAZ" übermittelte: "Lasst uns an großen fundamentalen Fragestellungen arbeiten. Oder mit den Worten von Ivar Gieaver: ,Let imaginative people work, let imagination flow - that's the best way.' Anwendungen finden sich dann automatisch."

Nachdruck

Nummer 201108101, siehe Seite 102 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Manager

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