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Der Scherbenhaufen, den Monetarismus und angebotsorientierte Ökonomie der US-Regierung hinterlassen haben, muß beseitigt werden Reagans Wirtschaftspolitik in der Sackgasse

"Es ist offenkundig und logisch unmöglich, eine Wirtschaftsexpansion, die durch Steuersenkungen stimuliert werden soll, mit einer Wirtschaftsschrumpfung zu vereinbaren, die von einer rigorosen Anwendung der Geldpolitik hervorgerufen wird," lautet die Kernaussage dieses Artikels. Die angebotsorientierte "Verirrung" in Verbindung mit einer Geldpolitik, die die Inflation nur unter Kontrolle hält, indem sie eine Inflation riskiert, könne nicht funktionieren und funktioniere auch nachweislich nicht, meint J. K. Galbraith. Aber was kann dann überhaupt funktioniereren? Galbraith schlägt eine Doppelstrategie vor: Eine Finanzpolitik des knappen Staatshaushalts einerseits, die Nachfrage eindämmt und durch Begrenzung des Konsums der Produktivität weniger Schaden zu fügt als durch eine Steigerung der Investitionen; andererseits eine Lohn- und Preispolitik, die Lohn- und Gehaltszuwächse nur insoweit gestattet, als die Wirtschaft sie über die Preise auffangen kann. Galbraith fordert die Manager auf, ihre antiquierte Ansicht aufzugeben, daß die Welt nach dem Laissez-faire-Prinzip funktioniert, und anzuerkennen, daß die Volkswirtschaften der westlichen Industrienationen von "Großunternehmen, starken Gewerkschaften, einem mächtigen Regierungsapparat und den anderen Erscheinungsformen organisierter Interessen in unserer Zeit" dominiert werden.
aus Harvard Business manager 4/1982

JOHN KENNETH GALBRAITH, emeritierter Professor für Wirtschaftswissenschaften der Harvard- Universität, ist Autor vieler bekannter, auch ins Deutsche übersetzter Bücher, unter anderem: "Die Arroganz der Satten", "Gesellschaft im Überfluß", "Die moderne Gesellschaft".

Vor etwa einem Jahr, zu Beginn der Amtszeit Ronald Reagans, hatte ich Gelegenheit, zwei Vorträge vor Geschäftsleuten in Europa zu halten - einen in Hamburg, den anderen in Zürich. Den Zuhörern in beiden Städten war nicht vorzuwerfen, sie handelten emotional oder folgten einem Wunschdenken; alle Anwesenden hätten sich selbst nicht zu Unrecht als typisch nüchterne Manager beschrieben. Und dennoch traf ich auf ein gewisses Ausmaß von Widerstand gegen die Argumentation, die ich ihnen anbot. Ich bezweifelte die Effizienz einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik, die damals in Washington vorgeschlagen wurde, und betonte, daß sie im Widerspruch zu den harten monetaristischen Beschränkungen geraten würde, die gleichzeitig erwogen wurden. Dieser Punkt war dem Auditorium am schwersten nahezubringen. Es war nicht bereit zu akzeptieren, daß sich eine ausgesprochen konservative Regierung, nachdrücklich unterstützt von der amerikanischen Wirtschaft irren könnte. Sie waren, alles in allem, nicht gewillt, ihre Hoffnungen der Realität zu opfern. Ich schildere dieses Erlebnis nicht etwa, um meine fachliche Überlegenheit zu beweisen. Eine strenge und unversöhnliche Gottheit waltet über jenen Volkswirten, die wohlgefällig auf ihre früheren Vorhersagen verweisen; das endgültige Urteil wird erst in der Zukunft gesprochen. Ich möchte diese falschen Hoffnungen vielmehr dazu benutzen, davor zu warnen, in unserer Zeit den gesunden Geschäftssinn gegen politische Glaubenssätze und Hoffnungen einzutauschen. Erfolg oder Mißerfolg im Geschäftsleben haben mit Ideologie wenig und mit Hoffnung oder Gesundbeterei gar nichts zu tun. Eine Politik kann gut oder schlecht sein, und zwar sowohl unter den Linken als auch unter den Rechten, unter liberalen Demokraten oder konservativen Republikanern. Ihre Voraussetzungen gehen über politische oder parteipolitische Abgrenzungen hinaus. Ich habe vor, diese Regel auf die komplizierte wirtschaftliche Situation anzuwenden, der sich die Volkswirtschaften der Industrienationen zur Zeit konfrontiert sehen. Ich möchte darüber hinaus untersuchen, ob es möglich ist, sich von den Überschriften der Tagespresse und ihren Kommentaren zu lösen und die grundlegenden Einflußfaktoren zu identifizieren, denen im Augenblick Wirtschaftsleben und -politik ausgesetzt sind.

Eine organisierte Welt

Wir leben in einer Periode raschen und tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels, einer Zeit von Veränderungen, die nicht auf die sogenannte kapitalistische oder marktwirtschaftliche Welt beschränkt sind, sondern auch die sozialistischen Länder erreichen. Der Anstoß zur Veränderung kommt von Organisationen. Das Wachstum der Organisationen ist für jeden erkennbar - das heißt für jeden, der es erkennen will. An erster Stelle steht die große und umfassende Organisation der öffentlichen Verwaltung. Sie kann etwas größer oder kleiner ausfallen, je nachdem, wie die Liberalen oder Konservativen es haben wollen; aber die öffentliche Verwaltung bleibt in jedem Fall umfassend. Pragmatische Beobachter werden mir sicher zustimmen. Die Organisation betrifft auch die Großkonzerne; in den Vereinigten Staaten liefern einige tausend Unternehmen nahezu zwei Drittel aller privat erzeugten Produkte. Eine ähnliche Konzentration läßt sich in jeder anderen Industrienation erkennen. Nicht jeder mag große Unternehmen (die Multis werden besonders argwöhnisch betrachtet), aber wir werden weiter mit ihnen leben müssen. Für komplexe Aufgaben und für den modernen internationalen Handel, bei dem der Hersteller das Produkt mit Verkaufstechnik und Service bis zum Endverbraucher begleiten muß, gibt es keine Alternative. Wo es Großkonzerne gibt, existieren auch, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, starke Gewerkschaften, die auch nicht wieder verschwinden werden, wenn sie unbeliebt sind. Gleichermaßen zum festen Inventar der Szene gehören die Bauernverbände mit hervorragenden politischen Verbindungen, die es in allen Industrienationen geschafft haben, garantierte Mindestpreise für die meisten landwirtschaftlichen Erzeugnisse festzulegen. Und schließlich gibt es die Opec, wenn sie auch nicht mehr so furchterregend wie in der Vergangenheit ist. All diese Organisationen haben einen gemeinsamen Zweck, den selbst diejenigen nicht leugnen, die dem Mythos des Marktes gänzlich verfallen sind. Dieser Zweck besteht darin, dem Markt seine Macht zu entziehen und sie, mehr oder minder, in die Hand derjeniger zu legen, die die Produkte oder Dienstleistungen liefern. Dies ist eine notwendige, ja sogar unverzichtbare Erscheinung der wirtschaftlichen Entwicklung. Die moderne Unternehmensplanung macht es erforderlich, daß die zukünftige Preisentwicklung in gewissem Umfang der intelligenten Beeinflussung oder sogar der Kontrolle unterliegt. Die Preisentwicklung kann nicht einfach dem Zufall überlassen werden. Das gleiche gilt für die Kostenentwicklung und natürlich auch für die Reaktion der Verbraucher - das ist ja gerade der Sinn moderner Werbe- und Marketingmethoden. Die moderne Produktion mit großen Stückzahlen, ihren enormen Investitionen und ihren langen Vorlaufzeiten wäre nicht möglich, wenn Preise, Kosten und Absatzmengen den ungezügelten und völlig unvorhersagbaren Bewegungen der klassischen freien Marktwirtschaft überlassen wären. Es ist gleichfalls die Absicht der Bauern, Erdölproduzenten und Arbeiter, den Gefahren und gelegentlichen Grausamkeiten des Marktes zu entkommen. Die freie und unbehinderte Marktwirtschaft wird in Feiertagsreden in den Himmel gehoben; in allen Industrienationen wird ihr gehuldigt, und sie ist noch keineswegs tot. Aber die moderne Realität ist eine Massenflucht aus ihrer Unvorhersagbarkeit. Es sind die ungelösten Probleme einer Welt der großen Organisationen, die den Hintergrund unserer gegenwärtigen Misere bilden. Es ist nicht hilfreich, daß eine Theologie des Marktes einige Regierungen, einschließlich jener der Vereinigten Staaten, veranlaßt, sich dieser Welt zu nähern, als ob sie nicht existiere. Die ungelösten Probleme sind sowohl extern als auch intern. Die internen Schwierigkeiten sind die des Managements, der Bürokratie und der bürokratischen Dynamik; unter ihnen leiden sowohl öffentliche als auch private Organisationen. Die externen Probleme, mit denen ich mich hier befasse, bestehen in einem Phänomen, das ich als interorganisatorische Dynamik bezeichnen möchte, denn Organisationen neigen dazu, aufeinander einzuwirken, um Kosten und Preise in die Höhe zu treiben. Die Forderungen der Gewerkschaften und die Kompromisse mit ihnen treiben die Preise in die Höhe; steigende Preise rufen weitere Gewerkschaftsforderungen hervor. Die Agrarpreise werden nach oben korrigiert, und die höheren Lebenshaltungskosten beeinflussen die Gehälter. Die Energiepreise beschleunigen die Aufwärtsspirale. Alle diese Dinge werden im Alltag jeder Industrienation eindeutig akzeptiert. Es ist die moderne Form der Inflation, unvermeidbar in einer Welt der Organisationen. Preise können immer noch als Ergebnis des Drucks der Nachfrage steigen; aber sie steigen jetzt auch, und zwar noch hartnäckiger, als Ergebnis der dynamischen Interaktion von Preisen und Kosten, die nun nicht mehr der Macht des Marktes, sondern der Macht der Organisationen unterliegen. Außerdem gibt es noch ein weiteres Problem, das sich aus den Methoden ergibt, mit denen diese neue Form der Inflation bekämpft wird und das am deutlichsten in den USA und in Großbritannien zutage tritt.

Drei Methoden
der Wirtschaftspolitik

Es gibt nur drei Methoden, mit deren Hilfe man der Inflation entgegentreten kann, wie auch immer sie verursacht worden ist. Die erste besteht in der Begrenzung des Staatshaushalts - das heißt einer Drosselung der Staatsausgaben, insbesondere jener, die sich auf öffentliche Kreditaufnahme stützen. Das ist Finanzpolitik. Die zweite Methode besteht in der Drosselung solcher Ausgaben, die durch Bankkredite finanziert werden. Dies ist Geldpolitik. Die dritte besteht in der einen oder anderen Form direkter Intervention, um den Druck der von den Gewerkschaften ausgehandelten Löhne und Gehälter auf die Preise und der Preise auf die Löhne und Gehälter zu beschränken, um die Lohn-Preis-Spirale zu unterbrechen. Das Problem der Wirtschaftspolitik in einer von Organisationen geprägten Zeit besteht in der Wahl zwischen diesen drei Instrumenten und ihrer Kombination zu einem Gesamtpaket, das als makroökonomische Politik bezeichnet wird. In den englischsprachigen Ländern stehen direkte Eingriffe in die Löhne und Preise - Einkommenspolitik beziehungsweise Lohn- und Preispolitik - in heftigem Konflikt mit der akzeptierten Markttheologie. Wenn man freie Märkte haben will, kann man offensichtlich nicht intervenieren, um das Lohn-Preis-Niveau niedrig zu halten und damit die Lohn-Preis-Spirale zu stoppen. Man wird mir entgegnen, daß die Organisationen, die ich geschildert habe, die freie Marktwirtschaft bereits unterminiert und obsolet gemacht haben. Das ist zwar richtig, aber es ist die Natur des frommen Glaubens an die Marktwirtschaft, daß er sich über derartige Dinge hinwegsetzen kann. Finanzpolitische Einschränkungen - die Notwendigkeit, öffentliche Kreditaufnahmen und öffentliche Ausgaben zu begrenzen, um die Inflation einzudämmen - werden in der modernen Welt grundsätzlich akzeptiert, aber die kraftvolle organisatorische Dynamik des modernen Staates und der Druck organisierter Macht auf die Regierungen haben die Finanzpolitik unbeholfen, unelastisch und schwer anwendbar werden lassen. Die Dienstleistungen des Staates bilden einen wichtigen Bestandteil des Lebensstandards; bei ihrer Reduzierung wird erbitterter Widerstand geleistet. Viele dieser Dienstleistungen dienen dazu, die scharfen Kanten des Kapitalismus abzuschleifen - den Bedürftigen werden Einkommen, ärztliche Versorgung, Wohnung und Transport gewährleistet - und sind daher im Interesse des sozialen Friedens. Einige Dienstleistungen - und hier bildet der Rüstungshaushalt keine Ausnahme - werden von starken öffentlichen und privaten Organisationen kraftvoll verteidigt. Die Regierung Reagan liefert ein klassisches Beispiel der perversen Tendenz der Finanzpolitik. Sie kam an die Macht mit dem nachdrücklichen Gelöbnis, sich finanzpolitisch sparsam und zurückhaltend zu verhalten. Dann gab sie den gut organisierten und mit Nachdruck vorgetragenen Forderungen nach Steuersenkungen, höheren landwirtschaftlichen Subventionen und höheren Militärausgaben nach. Jetzt sieht sie sich Haushaltsdefiziten und einer daraus resultierenden öffentlichen Kreditaufnahme in beispielloser Höhe konfrontiert. Einige ihrer Wirtschaftsexperten haben wieder einmal spektakulär die Flexibilität der offiziellen Denkweise unter Beweis gestellt, indem sie gar entdeckten, daß Haushaltsdefizite, wie groß auch immer sie sein mögen, keine Inflation hervorrufen und ein ganz normales Mittel einer konservativen Finanzpolitik sind. Weil die Markttheologie direkte Eingriffe in die Lohn-Preis-Spirale nicht gestattet und weil der organisierte und politische Druck eine wirkliche Finanzpolitik nicht zuläßt, bleibt nur noch die Geldpolitik. In den Vereinigten Staaten und in Großbritannien ist dies die Wirtschaftspolitik der Stunde. Noch wichtiger: Sie ist damit sozusagen der Erbe dessen, was vom Kampf gegen die Inflation übrig geblieben ist. Vom berufsständischen Interesse meiner Kollegen abgesehen, besteht kein Anlaß, die Volkswirtschaft komplizierter zu machen als sie ist. Die zukünftige Wirtschaftsentwicklung der Vereinigten Staaten und damit auch eines großen Teils der Industrienationen wird verständlich, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt der Verpflichtung auf die Geldpolitik betrachtet.

Triumph über den Eigennutz

Geldpolitik ist ein wirksames Mittel gegen Inflation. Daß es wirkt, dafür erbringen die Vereinigten Staaten zur Zeit den Beweis. Geldpolitik wirkt jedoch lediglich im Zeitalter der nichtorganisierten Wirtschaft ohne schmerzhaften Eingriff. Alle rigorosen Monetaristen glauben, daß diese Wirtschaft - die klassische freie Marktwirtschaft - tatsächlich immer noch existiert. Das allerdings ist nicht der Fall: Der Glaube an ihre Existenz beruht nicht auf Beobachtung, sondern auf Religion. Wenn man die Geldpolitik in einer Welt mächtiger Organisationen, wie zum Beispiel jetzt in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, einsetzt, ergeben sich völlig andere Konsequenzen als in einer klassischen Marktwirtschaft. Diese anders gearteten Umstände sind die Realität unserer Zeit. Um es noch einmal zu sagen: Die Geldpolitik ist ein wirksames Mittel gegen die Inflation, weil sie die Ausgabe der von den Banken und anderen Kreditinstituten aufgenommenen Gelder und deren Weiterverwendung durch die Empfänger beschränkt. In einer Welt mächtiger Organisationen betrifft die erste Auswirkung dieser Beschränkung, wie wir jetzt wissen, nicht etwa die Preise, sondern die Produktion und die Beschäftigungssituation. Bevor Lohn- und Preiserhöhungen reduziert werden, muß die Auswirkung auf Produktionsvolumen und Beschäftigtenzahl schwerwiegend sein. Nur ungenutzte Produktionskapazitäten und Arbeitslosigkeit größeren Umfangs können die Aufwärtsbewegung der Löhne und Preise anhalten. Dies ist keine theoretische Spekulation; es ist die eindeutige Erfahrung, die Großbritannien vor kurzem gemacht hat, und die ebenso eindeutige Erfahrung, die die Vereinigten Staaten vor noch kürzerer Zeit gemacht haben. Die Inflation läßt sich mit anderen Worten durch die monetäre Wirtschaftspolitik in der Welt moderner Industrienationen nur insofern bekämpfen, als eine relativ schwerwiegende Rezession in Kauf genommen wird. Man darf nicht zulassen, daß Glaubensbekenntnisse oder Zweckoptimismus der Wirtschaft diese Tatsache negieren. Solange eine Regierung sich ausschließlich auf eine monetaristische Wirtschaftspolitik verläßt, um die Inflation im Zaum zu halten, wird sie gegen diese Inflation nur Erfolge verzeichnen können, wenn sie eine Rezession hervorruft. Und das ist noch nicht alles. Die Folgen der Rezession werden nicht gleichmäßig verteilt. Die Beschränkung der Vergabe von Bank- und anderen Krediten, durch die die Geldverknappung bewirkt wird, ist nur durch hohe Zinsen zu erzielen - Zinsen, die hoch genug sind, um die Aufnahme von Krediten zu verleiden. Diese hohen Zinsen sind nicht neutral; diejenigen, die ihr Unternehmen mit Fremdkapital finanzieren, und diejenigen, die weitgehend auf Kredit verkaufen, werden durch diese Maßnahme besonders bestraft. Die Wohnungswirtschaft und das gesamte Baugewerbe, die Auto-, die Landwirtschaftsmaschinenbranche und alle kleineren Unternehmen leiden ganz außergewöhnlich unter den monetaristischen Einschränkungen in den Vereinigten Staaten. Dasselbe gilt für Großbritannien. Ganz offensichtlich unterstützten amerikanische Manager in diesen Branchen immer noch Reagans Wirtschaftspolitik ein bemerkenswerter Triumph der politischen Loyalität über den aufgeklärten Eigennutz. Ebenso eindeutig sind die internationalen Auswirkungen dieses Vertrauens auf die monetaristische Wirtschaftspolitik. Die hohen Zinsen, die aufgrund der Wirtschaftspolitik in den Vereinigten Staaten erforderlich sind, ziehen Anleger aus anderen Ländern an; dadurch stellen sie diese Nationen vor die Wahl zwischen einer Zuflucht zu ebenso hohen Zinsen und der einen oder anderen Art von Devisenkontrollen, um ihre Volkswirtschaften zu schützen. Bis jetzt hat die amerikanische monetaristische Wirtschaftspolitik zu defensiven Zinserhöhungen in den übrigen Industrienationen geführt. Sie könnte aber auch zur Folge haben, daß einzelne oder alle Industrienationen Devisenkontrollen einführen oder daß das internationale Finanzsystem zusammenbricht.

Angebotsorientierung eine
Phantasie

Es gibt eine weitere Auswirkung, die das Bild verdunkelt: Reagan kam als ausgesprochener Anhänger des Monetarismus an die Macht, aber er brachte auch eine volkswirtschaftliche Sekte nach Washington, Anhänger der sogenannten angebotsorientierten Volkswirtschaftslehre. Diese Männer glaubten, zumindest lernten sie es mit der Zeit, daß sie Beifall ernten konnten, wenn sie immer wieder erklärten, durch eine drastische Reduzierung der Einkommen- und Körperschaftsteuer ließen sich die Produktion steigern und die öffentlichen Einnahmen erhöhen. Der öffentliche Sektor könne dadurch ebenso gut finanziert werden wie zuvor. Nach ihrer Ansicht waren Steuern ein wesentliches Hindernis für wirtschaftliche Unternehmungen und Investitionen. Das Ergebnis der angebotsorientierten Phantasien war der große - gegenwärtige und zukünftige - Rückgang des Einkommen- und Körperschaftsteueraufkommens. Diese Beschreibung der angebotsorientierten Vision als Phantasie wird jetzt weitgehend akzeptiert. Es ist offenkundig und logisch unmöglich, eine Wirtschaftsexpansion, die durch Steuersenkungen stimuliert werden soll, mit einer Wirtschaftsschrumpfung zu kombinieren, die von einer rigorosen Anwendung der Geldpolitik hervorgerufen wird. Es gibt aber auch keinen Beweis dafür, daß die Besteuerung in der Vergangenheit ein wesentliches Hindernis für wirtschaftliche Unternehmungen, Initiativen oder Investitionen bildete. Nur weil sich etwas in Sonntagsreden gut anhört, bedeutet dies noch lange nicht, daß es sich auch auf die Statistiken auswirkt. (Der einflußreichste Volkswirt in der Reagan-Regierung, Budgetdirektor David Stockman, hat denn auch die angebotsorientierte Vision als einen Deckmantel für Steuersenkungen im Bereich der höheren Einkommen bezeichnet.) Die angebotsorientierte Verirrung hat in der Kombination mit einem steilen Anstieg der Rüstungsausgaben nunmehr sehr große Haushaltsdefizite in naher Zukunft wahrscheinlich werden lassen - eine öffentliche Kreditaufnahme in beispiellosem Umfang für eine Friedenszeit. Dies bedeutet, daß man sich bei der Bekämpfung der Inflation eher noch weniger auf die Finanzpolitik und eher noch mehr auf die Geldpolitik verlassen wird. Es wird eine noch höhere öffentliche Kreditaufnahme geben, die das Zinsniveau noch weiter nach oben treiben wird. Oder es wird, falls die Geldpolitik nicht ausreichend streng ist, was durchaus im Bereich des Möglichen ist, zu einer noch höheren Inflation kommen. Dies sind keine schönen Aussichten, etwas anderes kann jedoch ernsthaft nicht erwartet werden. Ich glaube nicht, daß jemand, der die einfache volkswirtschaftliche Logik unserer Zeit, zu der auch die überaus bedeutsame Existenz einer hochorganisierten Welt gehört, akzeptiert, zu einer wesentlich anderen Schlußfolgerung gelangen kann, wie auch immer seine politischen Ansichten oder Vorlieben ausfallen. Meine Ansicht widerspricht auch nicht der Einschätzung der Lage, die die Finanzmärkte und Wall Street haben. Es dürfte wohl nur wenige Gruppen geben, denen mehr als den amerikanischen Finanzkreisen daran liegt, daß die Wirtschaftspolitik Reagans Erfolg hat. Aber nach einer Analyse der Haushaltspolitik, der Folgen der Ablehnung einer Lohn- und Preispolitik und der Konsequenzen der fortdauernden und zunehmenden Verfolgung der Geldpolitik sind die Wertpapiermärkte zur selben Schlußfolgerung gekommen, wie ich sie hier angeboten habe.

Lohn- und Preispolitik

Worin besteht die Hoffnung auf eine Verbesserung und eine Wende? Es wird, wenn überhaupt zwei Signale geben. Das erste Signal wird wahrnehmbar sein, wenn die Vereinigten Staaten zu einer stärkeren Betonung der Finanzpolitik und einer Abschwächung der Geldpolitik übergehen, was ich den anderen Industrienationen übrigens ebenfalls dringend empfehlen würde. Die Finanzpolitik - das heißt ein knapperer Haushalt als Instrument zur Kontrolle der Nachfrage und des Teils der Inflation, der sich aus dem Nachfragedruck ergibt - ist in nahezu jeder Hinsicht, allerdings nicht hinsichtlich ihrer politischen Durchsetzbarkeit, der Geldpolitik überlegen. Sie bekämpft eher die konsumtiven als die Investitionsausgaben und hat somit weniger schädliche Auswirkungen auf die Produktivität; sie verlangt kein Sonderopfer von Branchen, die gegenüber hohen Zinsen empfindlich sind; ihre Auswirkungen auf die Volkswirtschaft sind leichter vorhersagbar; sie wird im Gegensatz zur Geldpolitik nicht der großen Schwierigkeit konfrontiert, die heutzutage alle Zentralbanken haben, nämlich zu definieren, was Geld ist, und präzis zu kontrollieren, was nur unpräzis definiert werden kann. Unsere Aussichten werden sich verbessern, wenn die Regierungen aller Industrienationen Anstrengungen unternehmen, um die Haushaltsdefizite klein zu halten (oder ganz zu beseitigen), das Zinsniveau zu senken und die Kreditvergabebedingungen zu erleichtern. Es wird ein besonders schöner Tag sein, wenn die Vereinigten Staaten sich entschließen, energisch in diese Richtung zu gehen. Bei der Frage, wie das Haushaltsdefizit reduziert werden kann, gibt es einen Spielraum für politische Präferenzen. Ich würde mich dringend dafür aussprechen, die Einkommensteuerkürzungen abzuschaffen (vor allem die des Jahres 1983), die Zugeständnisse bei der Körperschaftsteuer, die im Jahre 1981 verabschiedet wurden, zurückzunehmen und die Rüstungsausgaben strengstens zu überprüfen, bei Ausgabekürzungen, die die Städte und die Armen betreffen, aber besonders vorsichtig zu sein. Hier soll angemerkt werden, daß die Frage der Rüstungsausgaben über das rein volkswirtschaftliche Gebiet hinausgeht und das Problem der Abrüstung und des Überlebens schlechthin berührt. Das zweite Signal für eine Wende wird sein, daß die Industrienationen zu einer behutsamen und differenzierten Lohn- und Preispolitik übergehen. Japan, Deutschland, Österreich, die Schweiz und andere europäische Staaten haben weitgehend deren Notwendigkeit akzeptiert. Lohnabschlüsse in diesen Ländern richten sich an dem aus, was man sich angesichts des Preisniveaus leisten kann. Großbritannien und die Vereinigten Staaten, die davon zum Teil durch eine viel stärkere Bejahung der klassischen Wirtschaftsideologie abgeschreckt werden, hinken hinterher. Eine Lohn- und Preispolitik paßt sich der Logik einer Volkswirtschaft an, in der große Unternehmens- und Gewerkschaftsorganisationen die Macht haben, Lohn- und Preisforderungen durchzusetzen und somit im Zusammenspiel die Lohn-Preis-Spirale nach oben zu treiben. Die Geldpolitik und die Finanzpolitik stoppen die Aufwärtsbewegung dieser Spirale nur insofern, als sie das Wirtschaftswachstum bremsen und statt dessen eine Rezession hervorrufen. Dies ist keine graue Theorie, sondern die bittere Erfahrung der Briten und der Amerikaner. Eine direkte Beschränkung der Löhne und Preise in dem hochorganisierten Sektor der Privatwirtschaft befreit die Geld- und die Finanzpolitik von der Bürde der Inflationsbekämpfung und erlaubt der Wirtschaft eine größere Annäherung an die Vollbeschäftigung, eine größere Annäherung an die volle Ausnutzung der industriellen Kapazitäten und eine bessere Anpassung an das Wachstum und die Expansion, die sich dann einstellen. Eine Lohn- und Preispolitik ist kein radikaler Schritt ins Unbekannte. Wie bereits dargestellt, ist sie ein impliziter beziehungsweise expliziter Bestandteil der Wirtschaftspolitik anderer Industrienationen. In Wirklichkeit verfolgen wir auch jetzt eine derartige Politik - auf dem Umweg über eine Rezession besonders rigoros und mit schädlichen Auswirkungen. Lohnpolitik ist eine unvermeidliche Anpassung an die hochorganisierten Volkswirtschaften unserer Zeit. Trotz aller gegenteiligen Argumente leistete uns eine starke Lohn- und Preispolitik während des Zweiten Weltkrieges gute Dienste; Inflation in dieser Zeit gab es nicht. Sie bewährte sich erneut während des Koreakrieges und wieder, wenn auch auf eine informelle Art, während der Kennedy-Ära und ebenfalls unter Richard Nixon. Bis zum Wahljahr 1972 hatte diese Politik, die Schöpfung unnachgiebiger Konservativer, sowohl die Arbeitslosigkeit als auch die jährliche Inflationsrate auf weniger als fünf Prozent reduziert. In all diesen Zeiten nahm die Inflation wieder zu, wenn die Kontrollen aufgehoben wurden. Es kann jedoch kaum ein Argument gegen eine Wirtschaftspolitik sein, daß sie dann nicht funktioniert, wenn man sie nicht hat. Jede zukünftige Lohn- und Preispolitik würde sich auf den hochorganisierten Sektor der Wirtschaft beschränken, in dem die Konzentration der Industrieunternehmen und Gewerkschaften (mit ihren beispielgebenden Auswirkungen) sie erforderlich gemacht haben und wo dieselbe Konzentration - einige tausend Unternehmen, wenige hundert Tarifverträge - sie verwaltungstechnisch möglich macht. Ich will damit nicht sagen, daß dieser Kurs angenehm oder leicht ist; Wirtschaftspolitik besteht immer in der Auswahl unter mehreren unangenehmen Möglichkeiten. Ich meine allerdings, daß er im konservativsten Sinne einer Preisstabilität überlegen ist, die durch hohe Arbeitslosigkeit und weitverbreitete wirtschaftliche Schwierigkeiten und Konkurse erreicht wird. Die Anwendung einer derartigen Politik durch die Vereinigten Staaten wird einen wesentlichen Wendepunkt in der Zukunft der Weltwirtschaft darstellen. Niemand sollte eine Wende vor diesem Ereignis erwarten. Alle Alternativen bekämpfen die Inflation nur durch die Erzeugung von Rezession und das Opfern von Wachstum.

Tatsachen gegen Ideologien

So sieht der Kontext aus - und ich meine mit aller gebotenen Bescheidenheit, daß er unbedingt in das praxisbezogene Wirtschaftsdenken einbezogen werden sollte. Niemand wird dies für übertriebenen Optimismus halten, aber es gibt einen Hoffnungsschimmer. Der bestimmende Faktor in der Wirtschaftspolitik ist, wie wir immer stärker erkennen, nicht die Ideologie, sondern die tatsächliche wirtschaftliche Lage. Nicht einmal der standhafteste Ideologe kann auf Dauer den Tatsachen widerstehen, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Der Tag wird kommen, an dem die monetaristischen und sonstigen klassischen Marktwirtschaftsphantasien vergehen und wir herausfinden werden, daß es besser ist, sich der modernen Welt anzupassen - einer Welt mit Großunternehmen, mächtigen Gewerkschaften, einem starken Regierungsapparat und den anderen Erscheinungsformen von Organisationen in unserer Zeit. Dann werden wir moderne Volkswirtschaften haben, die nicht wie die heutigen funktionieren, sondern so wie sie sollen und müssen. Ich möchte mich entschieden dafür aussprechen, daß Manager sich nicht durch Ideologien daran hindern lassen, ihren wie auch immer gearteten Einfluß dazu zu verwenden, diesen Tag näherzubringen. Copyright: © 1982 President and Fellows of Harvard College; ursprünglich veröffentlicht in "Harvard Business Review" unter dem Titel "The way up from Reagan economics"

John Kenneth Galbraith
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