Zur Ausgabe
Artikel 12 / 20

Psychologie Murmeltier Phil bewegt die Kurse

In den USA sagt das Murmeltier Phil jedes Jahr am 2. Februar den Frühlingsbeginn voraus. Forscher haben herausgefunden: Wenn es einen frühen Frühling prophezeit, steigen die Börsenkurse.
Das Interview führte Dagny Dukach
aus Harvard Business manager 2/2023
Am 2. Februar ist in den USA Groundhog Day. Im Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" erlebt Bill Murray diesen Tag wieder und wieder.

Am 2. Februar ist in den USA Groundhog Day. Im Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" erlebt Bill Murray diesen Tag wieder und wieder.

Foto: Rex Features / action press

Dieser Artikel gehört zum Angebot von manager-magazin+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Harvard Business manager: Sie und Ihre Kolleginnen haben die US-Aktienkurse in den letzten hundert Jahren mit den jährlichen Prognosen von Punxsutawney Phil verglichen, dem Star des nordamerikanischen Murmeltiertags. Aber warum sollte die Börse einem Murmeltier hinterherlaufen?

Savva Shanaev: Im Allgemeinen ist die Börse sehr rational. Sie ist unglaublich effizient, wenn es darum geht, Informationen zusammenzutragen und Unternehmen einen Wert beizumessen. Aber manchmal verhält sie sich auch erstaunlich irrational.

Die Börsenreaktion auf den Murmeltiertag ist also nicht die einzige Anomalie?

Ganz und gar nicht. Forscher haben auch den "Sell in May and go away"-Effekt dokumentiert, der die Tatsache widerspiegelt, dass der Markt in der Regel von Mai bis Oktober am schlechtesten läuft. Dann gibt es noch den Januareffekt, der so genannt wird, weil die Aktien zu Beginn des Jahres oft steigen, und den Montagseffekt, bei dem die Marktrenditen zu Beginn der Woche unter dem Durchschnitt liegen. Einige Studien haben auch ergeben, dass Aktien bei Vollmond und bei rückläufigem Merkur schlecht abschneiden.

Viele dieser Effekte sind weltweit relativ einheitlich. Lokal begrenzt sind hingegen Anomalien, die auf dem Kalender oder Aberglauben basieren. In China beispielsweise steigen die Renditen während des chinesischen Neujahrsfestes. Aktien, deren Tickersymbole die Glückszahl Acht enthalten, entwickeln sich tendenziell besser als der Durchschnitt. Schlechter hingegen schneiden die ab, deren Symbole die Unglückszahl Vier enthalten. Die Renditen am israelischen Markt sind an Rosh Hashanah, einem fröhlichen jüdischen Feiertag, höher und an Yom Kippur, einem düsteren Feiertag, niedriger. Und die Märkte vieler islamischer Länder weisen während des Fastenmonats Ramadan ungewöhnlich positive Renditen auf.

Wie stark beeinflussen Phils Vorhersagen die Marktentwicklung?

Insgesamt habe ich keine statistisch signifikanten Veränderungen nach einer Vorhersage gefunden, die auf einen langen Winter hindeutet. Aber wenn Phil einen frühen Frühling vorhersagt, steigt die Börse um 2,78 Prozent. Dies ist höchstwahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass diese Vorhersagen sehr viel seltener sind und die Anleger deshalb stärker auf sie reagieren. Sie treten im Durchschnitt nur alle vier Jahre auf.

Warum sollten sich Investorinnen und Investoren von Informationen beeinflussen lassen, die nichts mit dem tatsächlichen Wert eines Unternehmens zu tun haben?

Einige Anleger sind wirklich abergläubisch, wenn auch nur auf einer unterbewussten Ebene. Andere sind nicht abergläubisch, lassen sich aber durch den Stimmungsumschwung in der Öffentlichkeit beeinflussen, der häufig mit kulturellen Ereignissen wie diesem einhergeht. Wieder andere richten ihre Anlagestrategien an dem erwarteten Verhalten abergläubischer Anleger aus. Tatsächlich zeigen sich die Auswirkungen des Murmeltiers auf den Aktienmarkt bereits zwei Wochen vor seiner Vorhersage am 2. Februar deutlich. Das deutet darauf hin, dass die letztere Erklärung zumindest teilweise zutrifft.

Wenn das Murmeltier Phil seinen Schatten nicht sieht, soll es einen frühen Frühling geben. Woher soll man das zwei Wochen vorher wissen?

Phil sieht seinen Schatten in der Regel nicht, wenn es am 2. Februar in Punxsutawney stark bewölkt ist und einigermaßen zuverlässige Wettervorhersagen gibt es bis zu zwei Wochen im Voraus. Wäre der Effekt rein auf Aberglaube oder Stimmungen zurückzuführen, würde er erst nach der Vorhersage eintreten. Da wir aber schon zwei Wochen vorher ein anormales Marktverhalten sehen, vermute ich, dass einige Anleger die Wetterprognosen für Pennsylvania verfolgen und ihre Marktpositionen entsprechend anpassen.

Wie funktioniert das konkret?

Wenn ein bewölkter Tag vorhergesagt wird, wissen sie, dass der Markt am Murmeltiertag wahrscheinlich steigen wird. Sie kaufen daher vor diesem Tag, was zu einem leichten Anstieg des Marktes führt. Sie verkaufen dann kurz nach dem 2. Februar. Damit fällt der Aufschwung nach dem Murmeltiertag etwas geringer aus, als es der Fall wäre, wenn er nur auf die Anlageentscheidungen abergläubischer Investoren am oder unmittelbar nach dem 2. Februar zurückginge.

Mit anderen Worten: Der kleine, aber statistisch signifikante Effekt vor dem Murmeltiertag deutet darauf hin, dass es zumindest einige nicht abergläubische Anleger gibt, die sich der Anomalie bewusst sind und aktiv gegen sie investieren.

Wenn die Voraussagen für den Frühlingsanfang mit einem bewölkten Himmel korrelieren, könnten die anormalen Marktrenditen dann nicht einfach wetterbedingt sein?

Forscherinnen und Forscher haben Korrelationen zwischen dem Wetter und dem Anlageverhalten identifiziert. Ihre Ergebnisse unterstützen jedoch meine Schlussfolgerungen. Schlechtes Wetter geht in der Regel mit einer unterdurchschnittlichen Marktentwicklung einher. Doch wenn es am 2. Februar schlechtes Wetter gibt, schneidet der Markt besser ab. Das deutet darauf hin, dass etwas anderes dahintersteckt. Außerdem dürfte das Wetter in einer kleinen Stadt in Pennsylvania kaum Auswirkungen auf den nationalen Aktienhandel haben.

War der Effekt in bestimmten Branchen oder Märkten stärker?

Es gab Untersuchungen dazu, ob die Vorhersagen von Punxsutawney Phil die Aktienkurse von Unternehmen mehr beeinflussen, die eng mit Pennsylvania verbunden sind, zum Beispiel in der Stahlindustrie. Aber die Ergebnisse waren nicht eindeutig. Ich selbst habe die Ergebnisse nach Sektoren aufgeschlüsselt, konnte aber keine signifikanten Unterschiede feststellen.

Der Murmeltiertag ist ein nordamerikanischer Brauch. Daher überrascht es nicht, dass dieser Effekt in anderen Ländern nicht zu beobachten ist. Ich habe die Renditen im Vereinigten Königreich, Australien, Deutschland, Frankreich und Japan analysiert und dabei keine Anzeichen für eine Anomalie um den 2. Februar herum gefunden.

Wird sich die Anomalie in Luft auflösen, nachdem Sie das Phänomen bekannt gemacht haben?

Ich habe andere Börsenanomalien untersucht und festgestellt: Die Auswirkungen nehmen in dem Maße ab, wie die Anlegergemeinschaft auf sie aufmerksam wird. Wenn der Markt eine Anomalie erkennt, korrigiert er sich normalerweise selbst. Diese Analyse konzentrierte sich jedoch auf stärker untersuchte und veröffentlichte Anomalien. Den Montagseffekt etwa kennen inzwischen so viele Anleger, dass er weitgehend verschwunden ist. Der Murmeltiertag-Effekt ist weitaus weniger bekannt. Unsere Daten deuten zwar darauf hin, dass einige Anleger ihm bereits bis zu einem gewissen Grad entgegenwirken. Es ist aber unwahrscheinlich, dass der Markt ihn vollständig korrigiert.

Ich nehme an, dieser Artikel könnte das ändern.

Wenn genug Leute ihn lesen, könnte er das vielleicht! Aber bedenken Sie, dass der Murmeltiertag-Effekt relativ unbedeutend ist. Er bietet den Anlegern nur etwa alle vier Jahre potenziell abnormale Renditen von weniger als 3 Prozent. Damit wird er wahrscheinlich für niemanden zur obersten Priorität werden. Studien haben gezeigt, dass Sie diese Renditen fast verdoppeln können, wenn Sie Ihre Aktien im Mai verkaufen und nach Halloween wieder zuschlagen. Allerdings müssen Sie dazu Geduld und die Mittel haben, um eine solche eher renditearme Anlagestrategie umsetzen zu können.

Sie werden also nicht von Ihren Murmeltiertag-Erträgen in den Ruhestand gehen?

Nicht in naher Zukunft.

Ausgabe Februar 2023

Können Sie CEO?

Weniger BWL, mehr Empathie. Das Topmanagement steht am Beginn einer Zeitenwende.

Zur Ausgabe Jetzt abonnieren
Zur Ausgabe
Artikel 12 / 20
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.