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Plausible Systematik

PROJEKTMANAGEMENT: Schneller zum neuen Produkt (HBm März 2003)
aus Harvard Business manager 6/2003

Der Beitrag von Professor Horst Wildemann greift ein sehr aktuelles Thema auf: Zeit als erfolgskritischer Faktor in komplexen Entwicklungsprojekten. Ein Thema, das sich für viele Unternehmen als zentrale Herausforderung in einer sich beschleunigenden Welt darstellt. Weil immer anspruchsvollere Kunden in immer kürzer werdenden Zyklen nach neuartigen Lösungen verlangen und diese meist nur durch die Kombination unterschiedlicher Technologien und Kompetenzen erbracht werden können, erfordern Entwicklungsleistungen zunehmend eine kooperative Arbeitsweise. Innovative Lösungen entstehen in abteilungsübergreifenden oder sogar unternehmensübergreifenden Projekten. Diese Projekte bergen durch den hohen Koordinationsaufwand ein hohes Risiko insbesondere bezüglich des Faktors Zeit.

Das von Horst Wildemann am Beispiel der "Elektronikindustrie" beschriebene Prognosemodell zum Zeitbedarf in Entwicklungsprojekten liefert aus meiner Sicht einen wesentlichen Beitrag für die zeiteffiziente Abwicklung von Projekten. Das Charmante des vorgelegten Modells liegt in dem Versuch, durch eine Typologisierung von Entwicklungsprozessen, der darauf aufbauenden erfahrungsgetriebenen Definition von "acht wesentlichen Zeittreibern" sowie den diesen wiederum zuordenbaren Einflussgrößen die Komplexität für die beteiligten Akteure besser beherrschbar zu machen. Auf diese Weise soll es gelingen, die Genauigkeit der Prognose der Dauer von Entwicklungsprozessen zu verbessern und Entwicklungszeiten tatsächlich zu verkürzen.

Zentrales Element des Prognosemodells ist die erfahrungsgeleitete Bestimmung und Gewichtung der Einflussgrößen auf die Entwicklungszeit. Dabei stellt Wildemann den gemeinsamen Bewertungsprozess als die entscheidende Größe heraus. Durch die Zusammenarbeit von Experten, Projektleitern und MitarbeiterInnen bei der Katalogisierung und Bewertung von Zeittreibern beziehungsweise deren Einflussgrößen können die wesentlichen Gefahren identifiziert und es kann frühzeitig durch geeignete Maßnahmen gegengesteuert werden.

Zusammengefasst ist der Beitrag von Professor Wildemann aus zwei Sichten zu würdigen. Zum einen wird eine plausible Systematik zur Identifikation, Sammlung und Bewertung von Zeittreibern in Abhängigkeit des Unternehmenskontextes angeboten. Zum anderen weist das Modell nachdrücklich auf die Notwendigkeit einer frühzeitigen und kooperativen Beschäftigung mit möglichen Zeitrisiken als Basis für deren proaktive Überwindung hin.

Der aufgezeigte Lösungsweg scheint für die betrachteten Unternehmen sehr hilfreich. Die Übertragbarkeit der Einschätzungen auf andere Industriezweige müsste jedoch noch erprobt und evaluiert werden. Zu überprüfen wäre zudem, ob eine Generalisierung der in verschiedenen Anwendungsgebieten gefundenen Einflussfaktoren möglich ist und ob die Integration solcher branchenübergreifend gültigen Content-Elemente in das Gesamtmodell Mehrwert schaffend sein kann.

Neben der nach dem Wildemann-Modell erleichterten Identifikation der Gefahrenpunkte im Hinblick auf den Zeitfaktor in Projekten wird es für die tatsächliche Verkürzung von Entwicklungszeiten unverzichtbar sein, die Zeittreiber nicht nur zu kennen, sondern auch zu überwinden. Hilfreich wäre es sicher, den Unternehmen auf der Basis definierter Schwachstellen ein umfangreiches, auch prospektives Methodenset zur Beschleunigung von Entwicklungsprozessen zur Verfügung zu stellen. Besonderes Augenmerk muss dabei meines Erachtens auf die spezifischen Bedürfnisse und Rahmenbedingungen von kleinen und mittelständischen Unternehmen gelegt werden, da gerade diese Unternehmen in besonderem Maße auf eine Unterstützung ihrer Innovationskraft angewiesen sind.

PROF. DR. HANS-JÖRG BULLINGER, Präsident der Fraunhofergesellschaft, München, unter Mitarbeit von Dr. Anne-Sophie Tombeil, Dr. Rolf Ilg und Dr. Peter Ohlhausen

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Den Harvard Businessmanager schätze ich als Quelle guter und fundierter Informationen. Voller Neugier las ich im Heft vom März 2003 den Beitrag über ein Prognosemodell, das verspricht, den Zeitbedarf von Entwicklungsprojekten im Projektmanagement zuverlässig vorauszusagen.

Mit eigener Erfahrung im Projektmanagement und Trainingserfahrung war ich natürlich neugierig zu erfahren, wie es wohl gelingen kann, unbekanntes Terrain einigermaßen zuverlässig im Voraus zu erkennen. Erleichtert stellte ich zunächst fest, hier nicht einen Beitrag über bloße theoretische Regressionsanalysen vorzufinden. Worin lag nun also die Rechtfertigung, öffentliche Forschungsgelder zum Zukunftsorakeln auszugeben?

Die Anforderungen an das Modell, wie "zuverlässige Voraussage des Zeitbedarfs", "definieren der Zeittreiber", "Frühindikatoren identifizieren", "systematische Erfassung aller Faktoren, die zu Zeitverlust führen" und "flexibel anpassbar" ließen doch auf ein echtes Wunderding der Forschung hoffen. Auch die Definition verschiedener Einflussgrößen auf den Faktor Zeit, der hier ja ausschließlich ergründet wurde, macht noch Sinn. Wie sich diese jetzt aber auf den Faktor Zeit auswirken, ist die spannende Frage, das heißt, welches Tool erhält der engagierte Projektleiter, um diese Verknüpfung nun herstellen zu können, quasi, der Kernpunkt der Frage, wie wird der künftige Zeitbedarf berechnet? Und dann die Antwort: "Dazu müssen die Verantwortlichen realistisch einschätzen, wie die einzelnen Einflussgrößen auf die jeweiligen Zeittreiber wirken." Jetzt noch bitte ein Worst- und Best-Case-Szenario, das Ganze gemittelt, schön in Formeln verpackt, der wissenschaftliche Anstrich ist perfekt, und doch wurde wieder die gute alte Regressionsanalyse bemüht, die auf vergangenen Zeitreihen beruht und die Zukunft völlig außer Acht lässt. Herzlichen Glückwunsch!

Einstein sagte dazu Folgendes: "Die Probleme, die es in der Welt gibt, können nicht mit den gleichen Denkweisen gelöst werden, die sie erzeugt haben."

Als Handlungsanweisung wird empfohlen, mit Argusaugen auf die definierten Haupteinflussgrößen zu achten, auf welche denn sonst? Sollte die nicht vorher der erfahrene Projektleiter selbst bestimmen?

Das Beste folgt nun: "Die Ergebnisse bestätigen, dass eine realitätsnahe Bewertung der einzelnen Faktoren und das Sammeln von Erfahrungen zu einer besseren Einschätzung der wichtigen Einflussgrößen führen." Gleiches geht aus der Fallstudie hervor: "... identifizierten die Verantwortlichen von vornherein sehr genau die gefährlichsten Zeittreiber und benoteten sie in der Wertetabelle entsprechend hoch." Und wer es dann noch nicht gehört hat, den schreit das Fazit mit den Worten an: "Je genauer das Management die einzelnen Gefahrenpunkte herausarbeitet und in ihrer Zahl einschränkt, desto besser funktioniert das Prognosemodell". Wo bitte liegt denn dann der Nutzen des Modells, wenn die Experten so genau wie möglich aus ihrer Erfahrung heraus schätzen sollen.

Als Fazit bleibt zurück, je mehr Projekte die Experten durchführen, desto besser können sie den Zeitbedarf neuer Projekte einschätzen. Viel Forschung um nichts hätte der Schlusssatz auch lauten können.

MARKUS SCHNEIDER, Jansen Beratung & Training International, Darmstadt

© 2003 Harvard Businessmanager

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