Antonia Götsch

Lead Forward Passen Sie in diese Zeit?

Antonia Götsch
Von Antonia Götsch Chefredakteurin des Harvard Business managers
Ob jemand als Führungskraft erfolgreich ist, hat mehr mit dem Zeitgeist als mit den individuellen Fähigkeiten zu tun. Das zeigt eine Studie des ehemaligen Dekans der Harvard Business School.

Liebe Leserin, lieber Leser,

was hat dazu geführt, dass Sie heute dort stehen, wo Sie stehen? Talent? Disziplin? Ehrgeiz? Ein Faktor, den Sie wahrscheinlich nicht genannt haben, ist: Zeitgeist. Wer als Führungskraft aufsteigt und wer scheitert, wer geliebt wird und wer kritisiert, habe vor allem mit dem Zeitgeist zu tun, schreibt Nitin Nohria, der ehemalige Dekan der Harvard Business School. "Eine Person, die in einer Epoche beeindruckende Erfolge feiert, kann in einer anderen durchaus kläglich scheitern." Führung habe mehr mit Kontext als Charakter zu tun. Ich finde: Das ist ein faszinierender Gedanke.

Als ich neulich meine Kolleginnen und Kollegen in Boston besuchte und über den Campus der Harvard University streifte, fragte ich mich erstaunt: Wie bin ich eigentlich hier gelandet? Eine Gesamtschülerin aus Berlin-Neukölln, Vater Uhrmacher, Mutter Diplom-Sprachmittlerin aus Ostberlin. Ich selbst habe Germanistik und Politikwissenschaften studiert. Eine Eliteuniversität wie Harvard lag in weiter Ferne für mich.

Jede Epoche hat ihre Führungskräfte

Was in einer anderen Epoche vielleicht ein Malus gewesen wäre, ist heute eher ein Vorteil. Finanzen und Planung – klassische Kenntnisse aus der Betriebswirtschaftslehre – werden zunehmend Maschinen übernehmen. Was uns als Menschen abhebt, ist unsere Fähigkeit zur Empathie. Gefragt sind Vorstände, CEOs und Managerinnen, die mit Menschen umgehen können und diverse Perspektiven ins Unternehmen tragen. Führungskräfte, die aus ihrer Blase heraustreten und mit Menschen aus völlig anderen Interessengruppen kommunizieren. Und dies oft auch spontan – wenn eine beispielsweise Debatte auf Social Media entbrennt.

Jede Zeit bringt ihre Führungskräfte hervor. Viele einst gefeierte Topmanager würden heute wie aus der Welt gefallen wirken. Würde ein Unternehmer heute noch offen bewundert werden für ein Foto, wie jenes von Richard Branson, das ihn beim Kitesurfing mit einer halb nackten Frau auf dem Rücken zeigt.

Wohl nicht. Chefs und Chefinnen, die heute lange und erfolgreich im Amt sind, verstehen es, den jeweiligen Kontext zu erspüren und sich anzupassen.

Vielleicht haben Sie seit Längerem das Gefühl, etwas verschiebe sich gerade. Hören Sie auf diese Intuition. Nohria und die anderen Autoren unseres Schwerpunkts und Titelthemas "Können Sie CEO?" sind sich einig: Wir stehen am Beginn einer Zeitenwende. Das betrifft nicht nur CEOs – sondern jede einzelne Führungskraft.

Weiterlesen: Den spannenden Text von Nitin Nohria "Passen Sie als Manager in diese Zeit " würde ich nicht nur CEOs empfehlen, sondern Führungskräften und Talenten auf jeder Ebene.

Ebenso spannend: Harvard-Professorin Raffaella Sadun hat mithilfe von KI 5000 Stellenbeschreibungen ausgewertet, die aufzeigen, was Topmanagerinnen und Manager heute und in Zukunft können  müssen. Und Associate Professorin Aiyesha Dey spürte der Frage nach, ob sich kriminelle Energie bei CEOs vorhersagen lässt. Wenn Topführungskräfte lügen und betrügen  zeigt sich das nämlich auch im Privatleben.

­Herzliche Grüße,
Antonia Götsch
Chefredakteurin Harvard Business manager

Ausgabe Februar 2023

Können Sie CEO?

Weniger BWL, mehr Empathie. Das Topmanagement steht am Beginn einer Zeitenwende.

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